Ein Stück Jugoslawien steht zum Verkauf

Das Belgrader Kongresszentrum «Sava centar» steht zum Verkauf. Doch fast niemand will das historische Gebäude.

Das Kongresszentrum im Zentrum der serbischen Hauptstadt Belgrad – in besseren Tagen. Foto: PD

Das Kongresszentrum im Zentrum der serbischen Hauptstadt Belgrad – in besseren Tagen. Foto: PD

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Vom alten Glanz ist sehr wenig übrig geblieben. Die milchig-grüne Glasfassade wirkt unansehnlich und ärmlich. Im Inneren des Gebäudes verströmen die mausgrauen Spannteppiche und die alten Möbel einen jugosozialistischen Charme der 1970er-Jahre. Wie aus der Zeit gefallen scheinen auch das Putzpersonal und die Kellnerbrigaden.

Das Belgrader Kongresszentrum «Sava centar» hat schon bessere Tage gesehen. Zwar finden hier immer noch Veranstaltungen statt, zum Beispiel Ärztekongresse oder Konzerte chinesischer Philharmoniker. Doch die Einnahmen decken die monatlichen Unterhaltskosten von umgerechnet 430'000 Franken kaum. Also muss die Stadtverwaltung einspringen.

Innenansicht des Sava Centars. Foto: PD

Nun unternimmt sie verzweifelt einen dritten Anlauf, um das einstige Kronjuwel der sozialistischen Brutalismus-Architektur des Balkanlandes zu verkaufen. Doch fast niemand will das Bauwerk. Bisher jedenfalls. Die Angebote des Oligarchen Miroslav Miskovic kamen nicht infrage. Der «reichste Serbe» galt lange als unantastbar, steht aber seit einigen Jahren im Visier der Justiz und ist inzwischen wegen Anstiftung zur Steuerhinterziehung zu einer zweieinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt worden.

Auf Titos Befehl

Die Behörden haben ziemlich klare Vorstellungen von der Zukunft des Kongresszentrums: Der Käufer soll sich verpflichten, in den ersten fünf Jahren umgerechnet 54 Millionen Franken in die Sanierung des Gebäudes zu investieren – und er darf den Nutzungszweck nicht verändern. Denn das «Sava centar» gehört zum architektonischen Kulturgut Belgrads: Es verkörpert wie kaum ein anderes Bauwerk die Geschichte des jugoslawischen Vielvölkerstaates.

Gamal Abdel Nasser, Jawaharlal Nahru und Josip Broz Tito, die Führer Ägyptens, Indiens und Jugoslawiens auf der ersten Konferenz der Blockfreien Bewegung. Foto: Keystone/Heritage Images

Es war der kommunistische Autokrat und Partisanenmarschall Josip Broz Tito höchstpersönlich, der Mitte der 1970er-Jahre den Auftrag zum Bau des Kongresszentrums gab. Jugoslawien spielte damals die Führungsrolle in der sogenannten Blockfreienbewegung. Diese Ansammlung von sehr unterschiedlichen Staaten aus Afrika, Lateinamerika, Asien und dem arabischen Raum versuchte, mehr Unabhängigkeit gegenüber den Grossmächten in Ost und West zu erreichen.

Jugoslawiens Hauptstadt war eine Art Pilgerstätte der Schurken und Diktatoren, Berufsrevolutionäre und glühenden Antikolonialisten. Auf dem Gebiet des alten Jugoslawien trifft man noch heute Menschen, die Naser, Gadaf oder Indira heissen. Der ägyptische Herrscher Gamal Abdel Nasser, der libysche Tyrann Muammar al-Ghadhafi und die indische Premierministerin Indira Gandhi waren die Verbündeten Titos in der Blockfreienbewegung.

Ghadhafis Kamele

Nach der Eröffnung des Kongresszentrums am Ufer der Save kamen 1977 zunächst aber Diplomaten aus ganz Europa (einschliesslich der Schweiz), um im Rahmen der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) über die politische und militärische Entspannung zu verhandeln. Westlicher Unternehmergeist und östlicher Prestige-Drang hätten dem gläsernen Schiff in die Höhe geholfen, hiess es damals im deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel»: «US-Banken schickten 18 Millionen Dollar als Kapitalanlage, aus Italien wurden 10'000 Quadratmeter Thermopaneglas geliefert, aus Westeuropa die Kunststoffbeläge.» Auch nach dem Tode Titos im Jahre 1980 fanden im «Sava centar» mehrere Treffen internationaler Organisationen statt.

Bundesrat Pierre Graber unterzeichnet die KSZE-Schlussakte für die Schweiz. Foto: Keystone

Im September 1989, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer, versammelten sich im grössten Belgrader Tagungszentrum die Führer der blockfreien Staaten. Um jede Konfrontation zwischen den klammen Entwicklungsländern zu vermeiden, durften Länder wie Liberia und der Sudan von Jugoslawien gekaufte Schiffe mit Bananen und Baumwolle bezahlen.

Der aufsehenerregendste Gast war Muammar al-Ghadhafi. Der Libyer landete mit sechs Kamelen, die er dem Belgrader Zoo schenkte, und mit zwei eleganten Vollblutarabern. In seiner Rede attackierte der Beduinensohn seine bündnisfreien Brüder heftig, weil sie angeblich vor den Imperialisten kuschten. Sein Schmähruf ist legendär: «Lebe wohl, du lächerliches Treffen.»

Der letzte KP-Kongress

Nach dieser Komödie begann die Tragödie. Um den drohenden blutigen Zerfall Jugoslawiens zu verhindern, kamen im Januar 1990 im «Sava centar» die Kommunisten aus allen Landesteilen zusammen.

Viele Menschen von Slowenien im Norden bis Mazedonien im Süden verfolgten die Debatten des 14. Parteikongresses gebannt im Fernsehen. Als die populistisch-nationalistische Mehrheit unter dem Serbenführer Slobodan Milosevic alle Vorschläge für eine schrittweise Demokratisierung und Dezentralisierung abschmetterte, verliessen zuerst die slowenischen und danach auch die kroatischen Reformkommunisten den Saal. Damit war das Schicksal jener Partei besiegelt, die Jugoslawien mehr als vier Jahrzehnte beherrscht hatte. Nun gewannen nationale Ideologen und Kriegstreiber die Oberhand.

Zum Tagungszentrum «Sava centar» gehörte lang auch das bekannte Hotel Intercontinental. Das Haus wurde in den 90er-Jahren zum Tummelplatz von Kriegsprofiteuren. Wirklich überrascht war deshalb niemand, als am 15. Januar 2000 in der Lobby des Hotels das Leben des Kriegsverbrechers und Unterweltkönigs Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, im Kugelhagel endete. Das Hotel trägt heute einen anderen Namen, und der neue Besitzer heisst Miroslav Miskovic – jener Oligarch also, der bisher erfolglos versucht hat, sich auch das «Sava centar» unter den Nagel zu reissen.

Erstellt: 15.01.2020, 19:33 Uhr

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