Ein Wein zum Blaumachen

Der baskische Jungunternehmer Taig MacCarthy eckt an.

Wie Rot- oder eher wie Weisswein? Wie blauer Wein schmeckt, erklärt TA-Gastrokritiker Daniel Böniger. (Video: Lea Koch)

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Es kam, wie es kommen musste: Das spanische Landwirtschaftsministerium hat einem Start-up-Unternehmen im Baskenland verboten, sein Produkt «Vin Azul» zu nennen, blauer Wein.

Damit ist jetzt amtlich, was professionelle Weinkenner sagen, seit das Produkt auf dem Markt ist: Der «blaue Wein» ist kein Wein, jedenfalls keiner nach den herkömmlichen Massstäben des jahrtausendealten Handwerks der Weinbauern und Önologen.

Für Taig MacCarthy, einen der sechs baskischen Jungunternehmer (sie sagen, sie seien alle unter 30), ist der Entscheid der Landwirtschaftsbürokratie eine Bestätigung seiner Marketingstrategie. Als seine Firma Gïk den blauen Wein vor anderthalb Jahren lancierte, kündigte er nichts weniger als eine Revolution an. «Normaler Wein ist mit viel zu vielen Vorschriften und Normen belegt», sagt MacCarthy. «Darum wollten wir den Leuten etwas anbieten, das lustig ist und verrückt.» Das Problem sei, dass Gïk eine Industrie revolutioniere, die «seit Jahrhunderten keine Veränderung durchgemacht hat – aber die Spielregeln diktiert». Spanische Weinhersteller hätten sie der Blasphemie bezichtigt.

Das war zwar rotzfrech gemeint, sagt aber mehr über die Ahnungslosigkeit aus, mit der Taig MacCarthy und seine Kollegen in das Weinbusiness eingestiegen sind. Traditionelle Winzer und die Konzerne, die hinter ihnen stehen, bauen zwar auf altes Brauchtum. Aber um ihr Getränk unter junge Käufer zu bringen, experimentieren sie seit Jahrzehnten mit neuen Traubensorten, Ausbaumethoden und – natürlich – Marketingtricks. Und die Spielregeln werden weniger von den Herstellern aufgestellt als von den Behörden.

Das blasse Blau von MacCarthys Getränk kommt natürlich zustande: Er verwendet Antocyanin, einen Farbstoff, der auch im Blau der roten Trauben vorkommt, zudem Indigo, das ebenfalls pflanzlichen Ursprungs ist. Zugeknöpft ist der Hersteller aber, wenn es um die Deklaration der Weintrauben geht. Doch das ist nicht so wichtig, weil das Etikett angibt, dass auch künstliche Süssstoffe mit von der Partie sind.

Es handle sich um einen «eher süssen Wein», befand vorsichtig der Weintester des «Tages-Anzeigers», als das Getränk auf den Markt kam. Ein deutscher Kollege weigerte sich, den Saft zu schlucken – und meinte, er sei nur trinkbar, «wenn man schon leicht einen sitzen hat». Also: eher ein Partygetränk als ein ernsthafter Wein.

MacCarthys Revolution hat ihre Grenzen. 120'000 Flaschen zu umgerechnet 14 Franken gingen bisher an neugierige Kunden in der halben Welt. Gemessen am internationalen Weinhandel ist das ein blaues Tröpfchen im Stillen Ozean.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 23:33 Uhr

Taig MacCarthy.

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