Ein Westukrainer macht Karriere als prorussischer Separatist

In Luhansk liess sich Rebellenchef Igor Plotnizki, der aus einem Dorf an der Grenze zu Rumänien stammt, zum «Präsidenten» seiner «Volksrepublik» küren.

Chef der «Volksrepublik Luhansk»: Igor Plotnizki.

Chef der «Volksrepublik Luhansk»: Igor Plotnizki.

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Der 50-Jährige zeigte sich vor der Wahl spendabel. Jeden Tag tourte Igor Plotnizki durch die Gebiete der selbst ernannten «Volksrepublik Luhansk» und unterstützt die notleidende Bevölkerung mit Lebensmitteln, Medikamenten oder Kleidung. Plotnizki hat seine Militäruniform gegen einen dunklen Anzug und einen warmen Wintermantel getauscht. Im Sommer trat er täglich in Uniform vor lokale und russische Medien, um den Frontverlauf des Krieges mit Kiew zu kommentieren. «Die ukrainischen Truppen haben Luhansk angegriffen und dadurch weite Teile der Wirtschaft lahmgelegt, massenhaft Infrastruktur zerstört», sagte er. Hunderttausende Menschen haben die Gegend verlassen, geblieben sind vor allem Arme, Alte und Hilfsbedürftige.

Doch Igor Plotnizki hat einen starken Helfer: Russland. Zum vierten Mal seit Ende August schickte Moskau einen Hilfskonvoi aus 100 Militärlastwagen nach Luhansk. Auch der Abgeordnete der russischen Staatsduma und Schlagerstar aus den Tagen der Sowjetunion, Iosif Kobzon, kam nach Luhansk, um Plotnizki im Wahlkampf zu unterstützen. Die ukrainische Regierung hatte dem 77-Jährigen die Einreise untersagt, doch der flog unbehelligt ins Krisengebiet und besuchte zusammen mit dem Spitzenkandidaten Spitäler und Unterkünfte der Ausgebombten.

Mann der ersten Stunde

Plotnizki war beim Aufbau der «Volksrepublik Luhansk» ein Mann der ersten Stunde. Als in Kiew Hunderttausende für eine engere Anbindung der Ukraine an Europa demonstrierten, wurde er damit beauftragt, eine Spezialeinheit zusammenzustellen, um ähnliche Proteste in Luhansk zu verhindern. Aus dieser Truppe entstand im Frühling das Bataillon «Morgendämmerung», dessen Kommandant Plotnizki im April wurde. Den Kämpfern werden von ukrainischer Seite schwere Übergriffe angelastet. So sollen sie Soldaten der ukrainischen Armee gefangen genommen und an russische Militärs übergeben haben. Unter ihnen auch die ukrainische Kampfpilotin Nadija Sawtschenko. Die 33-Jährige steht vor einem russischen Militärgericht in Moskau und wurde aus «Sicherheitsgründen» in die Psychiatrie eingewiesen. Der Europarat, das EU-Parlament und die USA fordern bislang vergeblich eine Freilassung Sawtschenkos. Doch das alles spielt in Luhansk derzeit keine Rolle. Auf den Fall angesprochen, antwortet Plotnizki, die «Volksrepublik» habe derzeit dringendere Probleme zu lösen. Zum Beispiel, wer in den kommenden Monaten Gas an die Bewohner und die Industrie liefere.

Kiew hat am Wochenende betont, man werde die abtrünnigen Gebiete von der Gasversorgung abhängen. Als der Schlagerstar Kobzon zusammen mit Plotnizki vor das Publikum im Kulturpalast in Luhansk trat, sassen die Zuhörer in dicken Winterjacken im ungeheizten Saal. Die Menschen bekommen Durchhalteparolen zu hören wie: «Wir bringen euch den Frieden. Wir werden dafür sorgen, dass ihr und eure Kinder in einer Zukunft ohne Krieg und Not, in Stabilität leben werdet.»

Vom Militär zum Benzinhändler

Von der Ukraine erwartet Plotnizki «gar nichts mehr». Zwar hatte er nach Unterzeichnung des Minsker Protokolls zusammen mit der Ukraine, Russland und der OSZE den Sonderstatus der Gebiete Luhansk und Donezk begrüsst, doch die in der Vereinbarung vorgesehenen Kommunalwahlen für den 7. Dezember haben für ihn keine Geltung mehr. «Russland wird die Wahlen in den Republiken Donezk und Luhansk anerkennen», sagt Plotnizki. Das reicht.

Doch der korpulente Plotnizki wird von den Menschen mehr gefürchtet als geliebt. Als junger Mann ging der heute 50-Jährige erst zum Militärdienst in der Roten Armee und dann auf die Militäruniversität. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde er im Rang eines Majors entlassen. Wie so viele Armeeangehörige ging Plotnizki in die freie Wirtschaft, blieb der neu gegründeten ukrainischen Armee aber verbunden. Sie zählte zu den Kunden des Brennstoffhändlers Plotnizki, der in den 1990er-Jahren mehrere Tankstellen eröffnete. Vor etwa zehn Jahren wechselte er wieder in den staatlichen Dienst und arbeitete in der Regionalverwaltung des Gebietes Luhansk.

Schon damals dürften sich seine Kollegen und Bekannten gefragt haben, ob der verschlossene Mann tatsächlich, wie er immer behauptet, aus der Region stammt. Der ukrainische Dienst der BBC hat sich auf die Spuren des damaligen Verteidigungsministers der «Volksrepublik Luhansk» gemacht und Überraschendes zutage gefördert. Ganz offensichtlich stammt der Vater zweier Kinder aus der Westukraine. In dem Ort Kelmenzi nahe der Grenze zu Moldawien und Rumänien spürten die Reporter nicht nur die Eltern Plotnizkis auf, sondern auch Freunde und Nachbarn, die sich wunderten, dass sie ihn plötzlich im Fernsehen sahen.

«Das sind alles Verräter»

Ein Freund aus Kindertagen berichtet, dass Plotnizki seit Ende der 1980er-Jahre nur noch selten bei seinen Eltern auftauchte. Das letzte Mal soll er vor acht Jahren in Kelmenzi gewesen sein. Seine Mutter hat bis vor wenigen Jahren bei der lokalen Poststation geputzt. «Sie war eine Frau, die ausschliesslich Russisch sprach», berichtete der frühere Schulfreund der BBC. Bei der Post ist man nicht gut auf die Familie zu sprechen: «Das sind alles Verräter, welche die Ukraine an Russland verkaufen. Dass Igor Plotnizki nun eine Führungsaufgabe in der sogenannten Volksrepublik Luhansk bekleidet, hat er doch einzig den Russen zu verdanken», schimpft ein Mann. Nach Ausstrahlung der Sendung wurden Plotnizkis Eltern angegriffen und haben den Ort in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen. «Sie können bei uns nicht leben, wenn ihr Sohn in Luhansk solche Gräueltaten begangen hat», sagt eine Nachbarin. Wohin die Eltern gegangen sind, weiss niemand genau. Es heisst, sie lebten nun in Moskau. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2014, 20:16 Uhr

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