Analyse

«Ein Zustand dauernder Erregung»

Zinserlass, Laufzeitverlängerung, Sperrkonto: Warum Europa keine weiteren Finanztricks, sondern ein grosses Gelage braucht. Eine Euro-Gegenwartsdiagnose frei nach Marcel Mauss.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Nirgendwo sonst hängt das Prestige eines Häuptlings und seines Clans enger mit der Pünktlichkeit zusammen, mit der die angenommenen Gaben zurückgezahlt werden.»

Nein, dies ist keine Beschreibung des letzten EU-Finanzministertreffens. Die Worte stammen aus der Feder von Marcel Mauss – jenem französischen Wissenschaftler, der anno 1925 das Wesen der Gabe zu ergründen versuchte. Würden Europas heutige Staatschefs Mauss lesen, so hätten sie den finanziellen Kleinkrieg mit dem Sorgenkind Griechenland bereits seit Monaten hinter sich. Stattdessen hätten sie längst den Schuldenschnitt beschlossen – und dies obendrein mit einem grossen Gelage gefeiert.

1872 geboren, war Mauss ein Zeitzeuge jenes grossen gesellschaftlichen Umbruchs um die Jahrhundertwende, der Individuen aus ihrem angestammten Plätzen riss. Um die neue Welt zu verstehen, richtete Mauss den Blick zurück – respektive dorthin, wo er die ursprünglichen Zusammenhänge noch immer am Leben vermutete: Bei Stämmen wie den Tlingit-, Haida- und Kwaikutl-Indianern Nordamerikas. Mauss' Beschreibung von deren Gesellschaft kommt dem Bild erschreckend nahe, das die heutigen Euro-Mitgliedsländer bieten.

Die Stämme und Volksgruppen, die Mauss untersucht, stehen miteinander in einem permanenten Austausch. Perlen, Ringe oder Kupferplatten wechseln die Hand. Periodisch trifft man sich zu rituellen, rauschenden Festen: «Während der ganzen Zeit des Zusammenlebens befinden sie sich in einem Zustand dauernder Erregung», beschreibt der Wissenschaftler die Szene. Die Häuptlinge nutzen jede Gelegenheit, um gegenseitig Gaben zu tauschen: Talismane werden weitergereicht, wertvolle Decken oder Öle werden demonstrativ zum Zeigen des eigenen Reichtums zerstört.

Verschwenderische Partys werden geschmissen – doch wehe, es kann ein Mitglied bei der Entrichtung eines solchen «Potlatsch»-Gelages nicht mithalten: Dann «verliert er seinen Rang und sogar den Status eines freien Mannes». Wer heute den Kreis der Eurostaaten betrachtet, sieht ähnliche Mechanismen am Werk. Griechenland war einst ein stolzer und aufrechter Staat – doch seit dem fatalen Jahr 2010 hat es an jedem Treffen in Brüssel ein kleines Stück mehr an Souveränität eingebüsst.

Auch an der gestrigen EU-Ministerkonferenz musste das südeuropäische Land untendurch. Grosszügig wie sie sind, reduzierten Europas Staaten zwar die Zinsen und gaben den Hellenen mehr Zeit fürs Zurückzahlen der Kredite. Dafür steht Griechenland nun gänzlich entmündigt da: Künftige Einkünfte fliessen auf ein Sperrkonto, das von der Troika kontrolliert wird. «Ihr werdet die Letzten unter den Häuptlingen sein, da ihr nicht fähig seid, Kupferplatten ins Meer zu werfen», hätte der Vertreter der Haida-Indianer wohl zur Delegation aus Griechenland gesagt.

Nein, das heutige Europa ist keine Gemeinschaft, wie es der Name glauben lässt: Durch die Mausssche Brille betrachtet ist Europa eine Ansammlung rivalisierender Clans, die sporadisch ihre Kräfte messen, um die Statushierarchie der Völker zu bestimmen. Dass die gegenseitigen Stammesgeschenke nicht wie bei den Kwaikutl zu 30 bis 100 Prozent pro Jahr verzinst werden, sondern – in freundschaftlichem Sinn – nur mit dem Konstrukt «Euribor-Leitzins plus 1,5 Prozent», macht da keinen grossen Unterschied.

Dabei gäbe es auch bei Mauss genügend Ansatzpunkte dafür, wie Völkerverständigung trotz ökonomischen Konflikten möglich wäre. «Es sind vor allem Höflichkeiten, Festessen, Rituale, Militärdienste, Frauen, Kinder, Tänze, Feste, Märkte, bei denen der Handel nur ein Moment und der Umlauf der Reichtümer nur eine Seite eines weit allgemeineren und weit beständigeren Vertrags ist», beschreibt der Ethnologe sein System der «totalen Leistungen».

Gerade darin liegt der Clou am grossen Potlatsch: Der Gabentausch beruht auf Freiwilligkeit und Pflicht zugleich – wer schenkt, tut dies in Feierlaune und ohne explizites Kalkül. Ein bisschen mehr dieses archaischen Spirit würde auch Europa guttun: Baut keine weiteren Konferenzzimmer – sondern errichtet Festsäle in Paris, Berlin, Rom und Athen.

Erstellt: 27.11.2012, 19:49 Uhr

Im Bann ökonomischer Sachzwänge: Versammlung griechischer Parteigänger im Mai 2012. (Bild: AFP )

Marcel Mauss

Marcel Mauss (1872-1950) war ein französischer Soziologe. Er gilt als einer der Begründer der Ethnologe. Mauss lehrte am Collège de France in Paris und engagierte sich in der reformsozialistischen Bewegung. Sein berühmtester Aufsatz «Die Gabe» erschien 1925.

Artikel zum Thema

Das neue Hilfsprogramm für Griechenland steht

Durchbruch in Brüssel: Die Eurogruppe und der IWF sind zu weiteren Milliardenzahlungen an Athen bereit. Deutschland will am Donnerstag über die Zahlungen entscheiden. Mehr...

Juncker hofft auf «endgültige» Lösung für Griechenland

Eurogruppen-Chef Juncker gibt sich vor dem heutigen Krisentreffen in Athen zuversichtlich.Einen Schuldenschnitt für öffentliche Gläubiger soll es vorerst nicht geben. Mehr...

Die Russen auf Einkaufstour in Griechenland

Die staatliche Energieindustrie Griechenlands steht zum Verkauf, russische Investoren wittern ihre grosse Chance. Warum die EU skeptisch ist, obwohl sie die Privatisierung im beinahe bankrotten Land vorantreiben will. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Hoher Blutdruck: Senken Sie das Risiko

Ein zu hoher Blutdruck kann gefährlich werden. Vor allem, wenn er lange nicht erkannt wird. Die jährliche Blutdruckmessung in der Rotpunkt Apotheke hilft mit, die Risiken zu senken.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...