Ein bisschen Welt-Kanzlerin

Bei einer erneuten Wahl müsste Angela Merkel eine noch stärkere internationale Führungsrolle übernehmen – ob sie will oder nicht.

Die Kanzlerin wird immer noch von einer Mehrheit der Deutschen geschätzt: Merkel bei der Ankündigung ihrer erneuten Kandidatur. Foto: Kay Nietfeld (Keystone)

Die Kanzlerin wird immer noch von einer Mehrheit der Deutschen geschätzt: Merkel bei der Ankündigung ihrer erneuten Kandidatur. Foto: Kay Nietfeld (Keystone)

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Angela Merkel soll nicht nur Deutschland regieren, sondern gleich auch noch die freie Welt retten: Nach der Wahl des Grobians Donald Trump zum US-Präsidenten sind die Erwartungen an die deutsche Kanzlerin ins Unermessliche gestiegen. Wer Merkel kennt, weiss, dass ihr diese Fantasien ein Graus sind. Als kluge, aber spröde Regierungschefin einer mittleren Macht kann sie solche Hoffnungen nur enttäuschen.

Dennoch stellt sich die 62-Jährige ihrer Verantwortung. Nach zwölf Jahren im Amt wirbt sie nächsten Spätsommer um das Vertrauen für eine vierte Kanzlerschaft – wie einst Helmut Kohl. Ihre Chancen stehen gut. Im Unterschied zur letzten Wahl ist sie zwar nicht mehr unumstritten, gleichwohl wird sie von einer guten Mehrheit geschätzt und respektiert.

Merkel hat dennoch lange gezögert. Sie hat die Agonie der Kohl-Ära miterlitten und fürchtet die Auszehrung im Amt. Seit ihrem beherzten Handeln in der Flüchtlingskrise hat sich aber vor allem das politische Klima dramatisch verändert. Die Kanzlerin ist zum erklärten Feindbild eines Teils der Bevölkerung geworden. Im Widerstand gegen ihre Europa- und Flüchtlingspolitik ist rechts von der CDU eine nationalistische und fremdenfeindliche Partei entstanden, die das ganze Parteiengefüge ins Rutschen gebracht hat.

Zur Wiederwahl wird es diesmal nicht genügen, die politischen Gegner einzuschläfern – bisher Merkels Spezialität. Diesmal muss die Kanzlerin mit einem Programm, besser noch mit einer Vision überzeugen. Und sie sollte nicht darauf vertrauen, dass die alten Erfolgsgaranten – starke Wirtschaft, wenig Arbeitslose, Stabilität – im neuen politischen Klima noch ähnlich verlässlich wirken wie in der Vergangenheit.

In Wahrheit ist Merkels Wiederkandidatur alternativlos – in ihrer Partei, aber auch in Deutschland. Und so sehr sie sich gegen eine stärkere internationale Führungsrolle wehren mag: Es wäre nach Brexit und Trump-Wahl ein schwerer Schlag für die Verfechter der liberalen, weltoffenen Demokratie, wenn Merkel jetzt kapitulieren würde. Gelingt ihr die Wiederwahl, wird sie ein bisschen auch Welt-Kanzlerin sein müssen – ob sie will oder nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2016, 20:45 Uhr

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