Ein bisschen Winter bremst Deutschland aus

Effizient, schnell, zuverlässig – so sehen sich die Deutschen selbst. Doch Schnee und Eis bringen das Image ins Wanken.

Schneeräumung gestern auf dem Flughafen Leipzig.

Schneeräumung gestern auf dem Flughafen Leipzig. Bild: Eckehard Schulz/Keystone

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Der Flughafen Frankfurt: geschlossen. Die berühmten Autobahnen: verstopft. Die Bahn: am Rande des Zusammenbruchs. Deutschland, diese selbstbewusste, stolze Techniknation erlebt ein Winterchaos, das am Selbstbild rüttelt.

Gestrichene Flüge und Verspätungen.

Hunderte Flüge sind in den vergangenen Tagen ausgefallen. Auch gestern wieder: Der Flughafen Frankfurt, das wichtigste Luftdrehkreuz des Landes, musste wegen überraschender Schneefälle mehrere Stunden dichtmachen. Seit dem vergangenen Wochenende sind Zehntausende Flugpassagiere gestrandet. Medien berichteten von 25 000 Hotelzimmern, die allein die Lufthansa buchte. Wer weniger Glück hatte, musste eine Nacht auf einem Feldbett in einer Halle verbringen.

Gross ist die Wut der Reisenden auch in Berlin: Auf den dortigen Flughäfen war bereits vor zwei Wochen die Enteisungsflüssigkeit vorübergehend ausgegangen. Die Folge: gestrichene Flüge, Verspätungen.

Die «Geiz-istgeil-Ideologie»

Nicht viel besser sieht es bei der Bahn aus. Sie «versagt auf der ganzen Schiene» («Bild»). Waren es im Sommer die Klimaanlagen, die streikten, versagen jetzt die Heizungen. Von verwehten Geleisen oder eingefrorenen Weichen ganz abgesehen. Inzwischen warnt die Bahn sogar selber vor Zugreisen. Man solle nicht zwingende Fahrten besser verschieben, bis sich das Wetter normalisiert habe.

Nun ist es ja nicht so, dass Deutschland den ersten Winter seiner Geschichte erlebt. Umso grösser ist die Empörung darüber, dass die Infrastruktur wegen ein paar Zentimeter Neuschnee gleich an ihre Grenzen stösst. «Österreich», berichtet etwa die ARD, «hat den Winter besser im Griff.» Ähnliches vermeldet die «Bild»-Zeitung aus der Schweiz. «Bei unseren Nachbarn in der Schweiz rollt alles reibungslos», weiss das Blatt. «Zeit online» spottet derweil, die Verantwortlichen des Flughafens Frankfurt sollten doch mal nach Stockholm fliegen. Die Schweden würden ihnen gerne beibringen, wie man eine Landebahn schnell schwarz räumt. Inzwischen fragen sich auch viele Bürger, warum die hoch technisierte Heimat von ICE und BMW an so etwas Banalem wie Schnee und Eis scheitert. Die Antwort ist wohl: eine Mischung aus Mobilitätswahn, Renditenzwang und «Geiz-istgeil-Ideologie».

«Heute da, morgen dort»

Wie viele Menschen in der westlichen Welt haben sich auch die Deutschen einen Lebensstil des «Heute da, morgen dort» angewöhnt. Zehntausende pendeln von Hamburg nach München, von Bonn nach Berlin, quer durch die Republik. Was typisch deutsch ist: Kosten darf die Mobilität nichts. Die Benützung von Autobahnen – natürlich gratis.

Discountmanie auch auf dem Luftweg: Dank Air Berlin, Germanwings und Easyjet sind Flugtickets günstiger als das Taxi zum Airport. Da muss die Bahn natürlich mithalten: mit Bahncard, Sparpreis, Mitfahrerrabatt. Das Preissystem der Deutschen Bahn ist so kompliziert, dass es einen eigenen Eintrag im Onlinelexikon Wikipedia hat. Die Pfennigfuchserei drückt freilich auf die Einnahmen des Konzerns. Dazu kommt eine verfehlte Politik von Ex-DB-Chef Hartmut Mehdorn. Um die Bahn für einen Börsengang fit zu trimmen, verordnete er ein rigoroses Sparregime. Werkstätten wurden geschlossen, Investitionen aufgeschoben. Die Folge: Die Bahn fährt «praktisch ohne jede Reserve», wie die «Süddeutsche Zeitung» feststellt. Fällt irgendwo ein Zug aus, gibt es keinen Ersatz, das Schienennetz ist ohnehin überlastet – und das Personal auch. Um die Situation zu verbessern, bräuchte es vor allem eins: mehr Geld. Dieses zu bezahlen, sind die Passagiere nicht bereit. Ein Teufelskreis.

Der Winter stellt dieses System Deutschland infrage. Man muss kein religiöser Mensch sein, um Schnee und Eis als Fingerzeig von oben zu verstehen. «Halt inne, Deutschland!», dröhnt die Nachricht des Himmels. «Denke darüber nach, wie du lebst!» An Zeit für ein bisschen Einkehr mangelt es nicht: in all den stehenden Zügen, in Abflughallen, auf blockierten Strassen.

Erstellt: 22.12.2010, 08:56 Uhr

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