«Ein neuer kalter Krieg wäre nicht schlecht»

US-Historikerin Mary Sarotte erklärt, was der Westen nach der Wende im Umgang mit Russland falsch machte. Jetzt müsse die Nato gestärkt werden – trotz Donald Trump.

Grossmachtambitionen: Präsident Wladimir Putin verfolgt Militärübungen in der Region Orenburg, Russland.

Grossmachtambitionen: Präsident Wladimir Putin verfolgt Militärübungen in der Region Orenburg, Russland. Bild: Keystone

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Frau Sarotte, 1989 haben Sie in West-Berlin studiert. Was ist Ihre Erinnerung an die Wende vor 30 Jahren?
Leider war ich in der Nacht des Mauerfalls am 9. November 1989 nicht in Berlin. Also musste ich ein Buch schreiben, um meine Abwesenheit zu kompensieren! Im Nachhinein bin ich dankbar, dass ich die letzten Tage des Kalten Kriegs in Berlin erleben durfte. Als ich dort ankam, dachte niemand, dass die Mauer bald fallen könnte. Ich bin viel in der DDR, der Tschechoslowakei und Ungarn gereist. Dadurch erfuhr ich mehr über den Warschauer Pakt. Ich war später froh, dass ich das getan hatte.

Auch Wladimir Putin war 1989 in Deutschland, er war KGB-Agent in Dresden. Ist seine Politik heute noch davon geprägt?
Ja. Es gibt die Theorie des operativen Codes des US-Politikwissenschaftlers Alexander George. Damit meint er, dass Führungskräfte einen inneren Orientierungssinn oder Regeln haben, der durch ihre Erfahrungen als 20 bis 30-Jährige bestimmt ist. Wenn sie später an die Macht kommen, wenden sie diese Überzeugungen an. Sie dienen als mentale Karte, nach der sie sich verhalten. Ich glaube, dass die Erfahrung des Volksaufstands im geteilten Deutschland den operativen Code von Putin geprägt hat. Diese Theorie hilft, seinen Mangel an Toleranz gegenüber jeder Form von Meinungsverschiedenheiten zwischen Volk und Führung zu erklären. Putin weiss seit seiner Zeit in Dresden, dass Proteste ausser Kontrolle geraten können.

«Russlands Annexion der Krim 2014 betrachte ich als das Ende der Zeit nach dem Kalten Krieg.»

Nach dem Mauerfall begann eine Epoche des Optimismus. Spätestens seit der Annexion der Krim 2014 ist das nicht mehr der Fall. Ist Putin persönlich dafür verantwortlich?
Als Historikerin gibt es nur ein Phänomen, das ich noch nie beobachtet habe, das ist die Monokausalität. Putin hat offensichtlich eine grosse Rolle gespielt bei der Entfremdung zwischen Russland und dem Westen, aber es gibt noch andere wichtige Faktoren, wie zum Beispiel die Entdemokratisierung Russlands und die Korruption. Bereits unter Boris Jelzin, der das Weisse Haus, den Sitz der russischen Regierung, beschiessen liess und den Krieg in Tschetschenien begann, nahm die Distanz zum Westen wieder zu. Putin hingegen unterstützte die USA nach den Anschläge vom 11. September 2001.

Weshalb verschlechterte sich die Beziehung trotzdem?
Die so genannten farbigen Revolutionen (2003 in Georgien, 2004 in der Ukraine, 2005 in Kirgistan, die Red.) haben das Verhältnis irreparabel zerrüttet. Für Putin waren diese Aufstände vom Westen angestiftet worden, anstatt dass er die inneren Ursprünge anerkannt hätte. Insbesondere ärgerte er sich über die Proteste in Kiew, da er nie akzeptierte, dass sich die Ukraine von Russland getrennt hatte. Der endgültige Bruch kam mit der Annexion der Krim 2014, die ich als das Ende der Zeit nach dem Kalten Krieg betrachte. Es war eine gewaltsame Veränderung der Grenzen, die mit dem Konsens nach dem Kalten Krieg unvereinbar war.

Mary Sarotte, Historikerin und Autorin
Die perfekt deutsch sprechende Amerikanerin Mary Sarotte ist Professorin an der Johns Hopkins University. Ausserdem lehrt sie in Harvard. Sie hat mehrere Bücher verfasst, unter anderem «The Collapse: The Accidental Opening of the Berlin Wall» und, ebenfalls zur Wende, «1989: The Struggle to Create Post-Cold War Europe». Die «Financial Times» zeichnete beide Werke als «Buch des Jahres» aus. Sarotte gehört der Denkfabrik Council on Foreign Relations an.

War der Westen naiv oder arrogant, als er annahm, Russland werde sich mit dem Status einer Regionalmacht zufrieden geben, wie ihn US-Präsident Obama Moskau attestierte?
Was die Beziehungen zwischen den USA und Russland betrifft, halte ich es für das Beste, sich auf sachliche Aussagen und Fakten zu konzentrieren. Russland verfügt über ein strategisches Nukleararsenal, was es zu einer globalen und nicht nur zu einer regionalen Macht macht. Ich würde Russland nicht als Regionalmacht bezeichnen.

Was hat der Westen falsch gemacht, nachdem die Mauer gefallen war?
Lassen Sie mich meinen Kollegen Odd Arne Westad zitieren: Es ist «klar, dass der Westen mit Russland nach dem Kalten Krieg besser hätte umgehen sollen», nicht zuletzt, weil «Russland aufgrund seiner schieren Grösse unter allen Umständen ein entscheidender Staat in jedem internationalen System bleiben würde». Aber es ist schwierig, alternative Wege aufzuzeigen.

Wie konkret hätte der Westen mit Russland umgehen sollen?
In Europa bestand nach dem Kalten Krieg die ultimative Herausforderung darin, einen Weg zu finden, Russland als konstruktive Komponente und nicht als konfrontativen Herausforderer zu integrieren. Eine Lösung schien die Partnerschaft für den Frieden (PfP) zu bieten, eine der Nato angeschlossene Sicherheitsorganisation, die heute noch besteht und der auch die Schweiz angehört. Bis 1994 bevorzugten es die USA, dass mögliche neue Mitgliedstaaten zunächst der PfP beitraten, sozusagen als Testlauf, bevor sie vollständig in die Nato aufgenommen wurden.

«Sorgen macht mir vor allem, dass wir den INF-Vertrag zu den Mittelstreckenraketen verloren haben.»

Was passierte 1994?
Der Sieg der Republikaner bei den US-Zwischenwahlen hat die PfP in einem kritischen Moment marginalisiert. Der «Vertrag mit den Amerikanern» der Republikaner forderte eine vollständige Nato-Erweiterung. Die Clinton-Regierung setzte dies um. Der Partnerschaft hätte jedoch mehr Zeit eingeräumt werden sollen, um sich zu entwickeln. Sie hätte die Erweiterung nicht ersetzen müssen, aber sie hätte dazu beitragen können, dass Russland diesen Prozess besser akzeptiert. Gleichzeitig steht allerdings bereits in der Schlussakte von Helsinki von 1975, dass die Staaten frei sind, ihre Militärbündnisse zu wählen.

Gab es noch andere Chancen, die nicht genutzt wurden?
Theoretisch wäre möglich gewesen, dass sich die Nato in eine paneuropäische Sicherheitsorganisation entwickelt. Doch US-Präsident George H.W. Bush und der deutsche Kanzler Helmut Kohl verfolgten nach dem Fall der Mauer ein anderes strategisches Ziel, nämlich dass weiterhin die Nato und nicht etwa die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die europäische Sicherheit prägen soll. Diese Entscheidung war damals sinnvoll. Bush und Kohl hatten bei diesem Vorhaben auch die Unterstützung der deutschen Bürger und Bürgerinnen, wie die Wahlen 1990 zeigten.

Wie beurteilen Sie das rückblickend?
Jener Entscheid führte dazu, dass die Europäer von den USA abhängig blieben, was die Sicherheit betrifft. Das ist heute problematisch, da Donald Trump immer wieder die Zukunft der Nato in Frage stellt, was ich für einen Fehler halte. Auch wenn es in der Vergangenheit Möglichkeiten gegeben hat, das Bündnis zu verändern, das derzeitige Klima ist für einen dramatischen Wandel nicht günstig. Anders ausgedrückt: Wenn Ihr Haus brennt, beginnen Sie nicht mit einer Küchenrenovierung.

«Es gibt Schlimmeres als einen globalen kalten Krieg, nämlich einen globalen heissen Krieg.»

Russland und Amerika testen wieder Raketen. Lässt sich ein neues Wettrüsten noch abwenden?
Kurzfristig leider nicht. Es ist eine Tragödie, dass die Rüstungskontrollabkommen des Kalten Kriegs nicht mehr existieren. Ich bin vor allem besorgt darüber, dass wir den INF-Vertrag verloren haben. Dieser Vertrag führte zur Beseitigung einer ganzen Klasse von Atomwaffen, der Mittelstreckenraketen. Deren Einsatz ist wieder möglich, und das wäre eine Katastrophe.

Hat ein neuer kalter Krieg begonnen, während wir das Ende des alten feiern?
Es ist klar, dass wir uns in einer Ära neuer Konflikte befinden. Russland verändert die Grenzen mit Gewalt und führt Cyberangriffe auf Europa und die USA durch. Trotz Trumps persönlicher Fixierung auf Putin sieht das politische Establishment in Washington Moskau wieder als grossen Gegner. Deshalb taucht eine Form des neuen kalten Kriegs auf – wenn auch ohne die ideologische Komponente der vorherigen Version, ein wichtiger Unterschied. Auf den ersten Blick scheint das tragisch, aber ein neuer kalter Krieg wäre eigentlich nicht schlecht. Das wäre besser und erträglicher als viele anderen Szenarien.

Trauern Sie dem Kalten Krieg nach?
Nein! Ich habe keine Sehnsucht nach dem gefährlichen nuklearen Patt meiner Jugend und dem Blutvergiessen, das stattgefunden hat. Aber wir sollten die Errungenschaft des Kalten Kriegs nicht unterschätzen. Es gibt Schlimmeres als einen globalen kalten Krieg, nämlich einen globalen heissen Krieg. Ein neuer kalter Krieg wäre eine Ära mit verminderten Erwartungen. In jahrzehntelangen Gesprächen müssten wieder Rüstungskontrollabkommen ausgehandelt werden. Leider haben Washington und Moskau, einzeln oder gemeinsam, die Leitplanken aus der Vergangenheit niedergerissen. Aber wir brauchen wieder solche Vereinbarungen. Es gibt keine Alternative zum mühsamen Prozess, die Türen wieder zu öffnen.


30 Jahre Mauerfall – Serie zur Wende von 1989


Erstellt: 07.11.2019, 23:41 Uhr

Serie zur Wende von 1989

Teil 6 und Schluss

Vor 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. 28 Jahre lang hatte sie Berlin in Ost und West geteilt, die Mauer war Brennpunkt und Symbol des Kalten Kriegs. Ihr Fall markierte dessen Ende. Inzwischen ist die damalige Euphorie Ernüchterung gewichen, erneut ist die Rede von einem Kalten Krieg.

Wir blicken zurück auf die Wende. Nach einer einführenden Grafik (29.10.) haben wir die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler (31.10.), den Doppelagenten Oleg Gordijewski (2.11.), John Sununu, Stabschef im Weissen Haus (4.11.),und Kohls Berater Horst Teltschik (6.11.) vorgestellt. Das Interview mit Mary Sarotte schliesst die sechsteilige Serie ab. (chm)

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