Ein zerrissenes Dänemark

Misstrauen und Missgunst gegenüber Fremden haben in Skandinavien schon länger zugenommen. Nach den Attentaten von Kopenhagen fühlen sich die Rechtspopulisten bestätigt.

Passanten gedenken vor der Synagoge in der Krystalgade der Opfer der Kopenhagener Anschläge. Foto: Leonhard Foeger (Reuters)

Passanten gedenken vor der Synagoge in der Krystalgade der Opfer der Kopenhagener Anschläge. Foto: Leonhard Foeger (Reuters)

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Nach dem Anschlag in Kopenhagen versuchen die Dänen zu begreifen, was da geschehen ist in ihrer sonst so glücklichen Gemeinschaft. Sie stehen schockiert an den Tatorten vor den Blumen – und formulieren zwei Gedanken, die sich scheinbar widersprechen: Zuerst sagen sie, sie hätten gewusst, dass so etwas passieren würde; sie hätten mit einem Angriff auf ihre Gesellschaft gerechnet, einem Anschlag wie in Paris auf die Redaktion von «Charlie Hebdo». Und im selben Atemzug sagen sie dann, sie könnten gar nicht glauben, dass so etwas in Dänemark geschehen sei, in ihrem toleranten und friedlichen Land.

Dieser Widerspruch zeigt, wie zerrissen die Dänen sind, wenn es um ihr Selbstbild als offene Gesellschaft geht. Sie teilen dieses Gefühl mit ihren nordischen Nachbarn. Lange Zeit zweifelte niemand an dem besonderen Talent der Skandinavier, jeden willkommen zu heissen, keine Unterschiede zu machen und in Krisen stets den Konsens zu suchen. Als Zuwanderungsländer brauchten sie diese Begabung, und sie haben sie noch. Allerdings ist sie in Gefahr, heute mehr denn je.

Seit Jahren wachsen in Dänemark, Norwegen und Schweden mit der wirtschaftlichen Unsicherheit auch das Misstrauen und die Missgunst gegenüber Fremden. Längst nicht immer sind die Skandinavier erfolgreich darin, die Einwanderer in ihre sonst so konformen Gesellschaften zu integrieren. In allen drei Ländern nutzen Rechtspopulisten dies aus, um Ressentiments gegen Ausländer und vor allem gegen Muslime zu schüren.

Angst vor Islamisten

In Dänemark waren die Rechten damit besonders erfolgreich. Wie stark die Vorbehalte gegen Muslime dort bereits sind, zeigt sich in diesen Tagen ebenfalls in Kopenhagen. Noch bevor der Name des Täters bekannt war, waren sich viele Trauernde sicher: Es war ein islamistischer Terroranschlag; und es wird nicht der letzte sein. Viele Dänen fürchten genau das, und zwar nicht erst seit Samstag. Eine Umfrage, die wenige Tage vor dem Anschlag durchgeführt wurde, hat ergeben, dass die Mehrheit der Dänen dafür ist, ihre Grenzen wieder schärfer zu überwachen. Das Attentat wird denen Aufwind geben, die ihre Heimat abschotten wollen. Und es ist zu befürchten, dass es auch die Islamfeindlichkeit im Norden verstärkt.

Die Lage ist schon jetzt prekär. «Wir sind im Krieg», schrieb der Politiker Søren Pind am Sonntag in seinem Blog für die Zeitung «Berlingske». Er ist der aussenpolitische Sprecher der liberalen Partei Venstre, die gute Chancen hat, die Wahl im Herbst zu gewinnen. Pind würde dann wahrscheinlich dänischer Aussenminister. «Mögt ihr langsam und qualvoll verfaulen», hat er nach der ersten Attacke auf seiner Facebook-Seite geschrieben – adressiert an islamistische Täter. Die Parteien in Kopenhagen überbieten sich seit einiger Zeit mit Vorschlägen, wie man Muslime aus Dänemark fernhalten könnte. Diese Debatte droht inzwischen auf Schweden abzufärben, das eine grosszügigere Einwanderungspolitik als Dänemark hat. Auch dort möchten die Rechts­populisten am liebsten fast niemanden mehr ins Land lassen – und geniessen wachsende Beliebtheit.

Passt das noch zur traditionellen skandinavischen Offenheit? Der Widerspruch ist nicht so gross, wie man glaubt. Gerade von der Willkommenspolitik, dieser grundsätzlichen Offenherzigkeit gegenüber Fremden, welche die Mehrheit der Skandinavier in sich trägt, wird sich ein Teil der Gesellschaft immer bedroht fühlen. Entscheidend ist: Bleibt es der kleinere Teil, oder wird es die Mehrheit?

Breivik ein anderer Fall

Nach dem Kopenhagener Anschlag fordern nun viele Dänen – ähnlich wie die Norweger nach dem Amoklauf von Anders Breivik –, dass der Terror nichts verändern dürfe. Dänemark müsse jetzt erst recht offen und demokratisch bleiben. Den Norwegern ist es damals gelungen, das Attentat auf diese Weise zu verarbeiten und nicht zur abgeschotteten Überwachungsgesellschaft zu werden.

Doch die Fälle sind nicht ganz vergleichbar. Breiviks Tat war rechts­extremistisch motiviert. Und dennoch ist in Norwegen die Angst vor Islamisten grösser geworden, anstelle der Bereitschaft, sich mit Fremdenhass im eigenen Land auseinanderzusetzen. Auch das zeigt, wie gefährlich oberflächlich die skandinavische Offenheit mitunter werden kann.

Ob der Täter in Dänemark der islamistischen Szene angehörte, ist noch unklar, auch wenn einiges darauf hindeutet. Fest steht: Er war Däne, ein Kind von Einwanderern, das offenbar nie Anschluss gefunden hatte und auf die schiefe Bahn geraten war. Im Ge­fängnis knüpfte er dann Kontakt zu den falschen Leuten. Hoffentlich erkennen die Dänen, dass er nicht nur einer «von denen» war, sondern eben auch einer von ihnen – ein Däne. Dann sehen sie, dass nicht die Offenheit die Gefahr ist.

Erstellt: 17.02.2015, 00:02 Uhr

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