«Eine Frau in Burka ist 9/11. Was soll das?»

Irene Khan, die erste Frau und Muslimin an der Spitze von Amnesty International, ärgert es, dass Europa ein Verbot der Ganzkörperverhüllung diskutiert. Den eigenen Kopf bedeckt die gläubige Bengalin aber ungern.

Irene Khan: «Ich mag das Kopftuch nicht, und mein Haar sehr.»

Irene Khan: «Ich mag das Kopftuch nicht, und mein Haar sehr.» Bild: Keystone

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Frau Khan, haben Sie selber entschieden, kein Kopftuch zu tragen?
Bereits meine Grossmutter legte das Kopftuch ab. Meine Mutter hat es nie wieder angezogen. Ich auch nicht.

Wissen Sie, wieso sich die Grossmutter gegen das Kopftuch entschied?
Sie wurde von ihrem Gatten darum gebeten. Er war sehr fortschrittlich für die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und fand, die Zeit des Kopftuchs sei vorbei. Grossmutter tat, was er wollte. Wenn er es andersrum gewollt hätte, hätte sie das Kopftuch wohl getragen.

Fällten Sie einen bewussten Entscheid gegen das Kopftuch, als Sie zwei Generationen später in Bangladesh und Nordirland aufwuchsen?
Nicht wirklich. Ich mag das Kopftuch nicht, und mein Haar zu sehr (lacht). Wenn mich mein Mann bitten würde, das Kopftuch zu tragen, würde ich ihn zum Teufel jagen. Aber schauen Sie: Mir fällt es leicht, mich frei zu entscheiden. Meine Grossmutter hingegen besass nur limitierte Entscheidungsfreiheit. Unter jüngeren Musliminnen, auch in Europa, sehe ich heute die Tendenz, dass sie aus freien Stücken das Kopftuch tragen.

In Ländern, die Sie bereisten, mussten Sie es aber oft anziehen.
Ich habe meine Erfahrungen gemacht, zuletzt in Afghanistan. Als ich früher für die UNO im Iran tätig war, rannte ich einmal aus einem Hotel zu einer Sitzung. Mir fiel mein Kopftuch runter. Eine Wächterin trat hinzu und blickte streng. Ich zog mein Tuch wieder zurecht und ging des Weges. Manchmal hat man im Leben keine Wahl. Aber weshalb sollen wir im Europa des 21. Jahrhunderts nicht wählen dürfen, wie wir rumlaufen?

Trägt Ihre Tochter in London das Kopftuch?
Nein, aber einige ihrer Freundinnen.

Wie erklären Sie sich das?
Rein kulturell. Wir leben in einer globalisierten Gesellschaft. Wir tun überall auf der Welt das Gleiche. Junge Frauen machen mit dem Kopftuch einen Unterschied. Sie suchen und zeigen so ihre Identität. In Exilgruppen nimmt aus denselben Gründen der Druck zu, das Kopftuch zu tragen.

Und weshalb tun es die Freundinnen Ihrer Tochter?
Es kommt mir vor, als täten sie es ein bisschen aus Trotz. Viele Leute wollen ihnen vorschreiben, kein Kopftuch zu tragen. Darum tragen sie es. Es ist eine Art Bewegung, die von Burkaverboten wie in Belgien noch gefördert wird. Einzelne wollen mit dem Kopftuch provozieren und so dominante Sichtweisen ändern. Dieses Phänomen ist vielerorts in Europa und auf der Welt zu beobachten – sogar in Bangladesh. Dort legen Frauen auf dem Land das Kopftuch ab und Frauen in der Stadt ziehen es an.

Dominieren politische Gründe oder religiöse?
Sicher sind die allermeisten Frauen, die das Kopftuch anlegen, religiös. Längst nicht alle verfolgen politische Ideen. Es ist aber für viele ein Statement. Es ist ähnlich wie bei Christen, die ein Kreuz als Schmuck tragen. Längst nicht alle wählen christlich geprägte Parteien oder gehen jeden Sonntag in die Kirche.

Ist es eine gute Idee, die Verschleierung zu verbieten?
Politisch ist es ein Fehler. Das Verbot zielt auf eine einzelne Bevölkerungsgruppe, die Muslime. Das ist vermutlich kontraproduktiv, weil es sie isoliert. Und auch aus Sicht der Menschenrechte ist das Verbot keine gute Idee. Denn ein Verbot verstösst gegen die Meinungs- und die Glaubensfreiheit.

Befürworter argumentieren, dass das Verbot Frauen freier macht.
Wer ist freier? Eine Frau, die selber wählen kann, ob sie ihr Gesicht bedecken will? Oder eine, die das nicht kann? Regierungen dürfen Frauen nicht zwingen, eine Kopfbedeckung zu tragen, wie das in Saudiarabien oder im Iran geschieht. Aber sie sollen auch niemanden zwingen, einen Schleier abzulegen, wie das Belgien, Frankreich oder die Türkei zum Teil tun wollen. Der Staat soll familiäre Traditionen nicht brechen, sondern Zwang verhindern.

Aber unterliegen Musliminnen in der Praxis nicht starken Zwängen?
Es gibt Zwang – nicht nur im Iran und in Saudiarabien, sondern auch in Belgien oder Grossbritannien. Aber welcher Mensch ist immer komplett frei? Gingen Sie nicht zur Kirche, wenn Ihre Mutter das wollte? Wenn eine junge Muslimin das Kopftuch nicht tragen will und ihr Vater sie schlägt, müssen die Behörden eingreifen. Staaten müssen die Frauenrechte schützen. Dafür müssen sie in die Erziehung der Frauen investieren und ihre Stellung verbessern.

Das klingt alles sehr optimistisch.
In europäischen Staaten sollte das doch möglich sein. Wenn Frauen frei entscheiden können, besteht für sie ein grösserer Anreiz, die Verhüllung bewusst aufzugeben. Bei Verboten geraten sie zwischen die Fronten. Die Umstände erschweren es ihnen, ihre Werte zu ändern. Die Frauen bleiben daheim. Derart isoliert ändern sie ihre Ansichten nie. Es ist wie beim Kampf gegen Terroristen: Man siegt nicht mit Gewalt allein, sondern indem man Herz und Verstand der Bevölkerung gewinnt.

Ganzkörperverhüllung sei ein mobiles Gefängnis, sagen Burkagegner.
Ich frage mich, ob es den Politikern, die so reden, wirklich um die Rechte der Frau geht. Die meisten von ihnen haben sich noch nie ernsthaft dafür eingesetzt. Wo waren sie bei den Protesten gegen Ehrenmorde oder für die Förderung von Mädchen? Wie viele Frauen tragen in Belgien eine Burka? Wie viele in der Schweiz? Wieso ist das so ein Thema?

Ja, weshalb?
Ich vermute, viele sind getrieben von der Angst vor dem Anderen, vor dem Fremden. Europa kennt seine islamische Gemeinschaft nicht. Aus der Ignoranz geht die Burka-Diskussion hervor.

Das belgische Parlament befürwortete das Verbot ohne Gegenstimme. Der Aargau will nun, dass die Schweiz das Gleiche tut.
Wie viele Betroffene wurden angehört?

Meines Wissen im Aargau keine.
Sehen Sie. Das ist die Ignoranz, die ich meine. Es ist reine Furcht vor dem Islam. Eine Frau, die Burka trägt, gilt als potenzielle Terroristin. Sie ist 9/11. Hatten Sie diesen Gedanken auch schon? Überall auf der Welt gibt es diese Obsession mit dem Körper der Frau. Die moralischen Werte einer Gesellschaft spiegeln sich darin. In Belgien dürfen Frauen nicht zu viel tragen, im Iran oder in Saudiarabien ja nicht zu wenig. In Europa sollte es aber kein Problem sein, wenn eine Frau ihr Gesicht verstecken will.

Auch in Ämtern?
Ich kann mir Ausnahmen vorstellen. Kleidervorschriften machen in gewissen Berufen Sinn.

Bei Lehrerinnen?
Dort kann ich die Gründe nachvollziehen, die für Einschränkungen sprechen. Aber es sollte so wenig Freiheitsbeschränkungen wie möglich geben. Auf der Strasse ist keine Frau eine Bedrohung, nur weil sie eine Burka trägt.

Gerade in der Türkei, die Sie erwähnten, ist das Kopftuch nur in staatlichen Institutionen verboten.
Dort haben mir bestens ausgebildete Frauen, Akademikerinnen mit Doktortiteln, gesagt, sie würden gerne Kopftuch tragen. Es sei Teil ihrer Identität. In Universitäten, die staatlich sind, ist ihnen dies jedoch untersagt. Diese Türkinnen sind unabhängige Dozentinnen mit eigenem Einkommen. Da ist weit und breit kein Ehemann, der sie zu etwas zwingt. Deshalb frage ich mich: Wieso zwingt sie der Staat dazu?

Ähnelt das Burkaverbot dem Schweizer Minarettverbot, das sich nicht gegen Frauen richtet?
Das Minarettverbot richtet sich gegen eine bestimmte Art von Gebäuden, weil sie eine bestimmte Religion symbolisieren. Ein Kreuz auf dem Kirchturm ist okay, ein Minarett nicht. In einer multikulturellen Welt verbietet es niemand Muslimen, hierher zu kommen. Sie sind sogar sehr willkommen, wenn sie ihr Geld bringen, wie das viele Vermögende aus den Erdöl produzierenden Ländern tun. Die Parallelen zwischen Minarett- und Burka-Diskussion sind offensichtlich.

Welche?
Aus einem Anliegen einer kleinen Minderheit wird ein riesiges Thema. Politiker missbrauchen eine Sache, um Unterschiede zu betonen und nicht Gemeinsamkeiten. Das schadet dem friedlichen Zusammenleben in Europa.

Was würden Sie als Gegnerin nun tun?
Politiker müssen die Führung übernehmen und dafür sorgen, dass die Leute keine Angst vor dem Islam haben.

Ist Europa antiislamisch geworden?
Das ist mir zu pauschal. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 gibt es im Westen aber wachsenden Rassismus und verstärkte Islamophobie und Intoleranz. Sie nähren sich aus der Furcht vor dem Terror. Und sie stigmatisieren die muslimischen Gemeinschaften.

Hat die Diskussion um den Islam, die seither anhält, Sie verändert?
Sie hat mich gezwungen, mehr über meinen Glauben nachzudenken. Vorher war alles eine Selbstverständlichkeit für mich. Ich machte mir nicht ernsthaft Gedanken über mich und das Kopftuch. Heute ärgere ich mich und frage mich, was das alles soll.

Sind Sie eigentlich religiös?
Ja (zögert). Auf meine persönliche Art. Ich lebe meine Religiosität nicht vor Publikum. Aber ich bin eine praktizierende Muslimin. Ich faste, ich bete, ich glaube. Ich bin aber nicht sehr streng mit mir. Ich esse zwar kein Schweinefleisch und trinke nicht, aber ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Mitmenschen das tun. Und in meinem Haus gibt es auch Wein, wenn jemand will.

Erstellt: 07.05.2010, 22:58 Uhr

In Zeiten des Terrors

Als Irene Khan 2001 Generalsekretärin von Amnesty International wurde, strich kaum jemand hervor, dass sie die erste Muslimin auf dem Posten war. Betont wurde, die Juristin sei die erste Frau und Asiatin an der Spitze der Menschenrechtsorganisation. Mit den Angriffen vom 11. September 2001 änderte sich das. Die zierliche Frau aus Bangladesh kritisierte die USA und ihre Wahlheimat Grossbritannien für den «Krieg gegen den Terror», was ihr selbst Kritik eintrug. Anfang Jahr ist Khan als Amnesty-Chefin zurückgetreten. Ihr Nachfolger übernimmt das Amt aber erst im Herbst. Als einen der grössten Erfolge ihrer Ära bezeichnet sie, dass US-Präsident Barack Obama das Lager Guantánamo auflöst. Am 12. Mai erscheint Kahns Amnesty-Vermächtnis in Buchform. Die 54-Jährige ist kürzlich in die Nähe von Genf gezogen, wo sie am Zentrum für humanitären Dialog Henri Dunant tätig ist.

Irene Khan: Die unerhörte Wahrheit. Armut und Menschenrechte. Verlag S. Fischer 2010. 320 Seiten, Fr. 39.90

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