«Eine Spaltung des Landes können wir uns nicht leisten»

Laut Schriftsteller Geert van Istendael sind Flamen und frankofone Belgier dazu verdammt, zusammen in einem Staat zu leben. Eine Entwicklung wie in der Tschechoslowakei hält er für undenkbar.

Das Atomium in Brüssel: Belgien werde nicht in seine Einzelteile zerfallen, sagt Van Istendael.

Das Atomium in Brüssel: Belgien werde nicht in seine Einzelteile zerfallen, sagt Van Istendael. Bild: Joost van den Broek, laif

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Die Politiker der Flamen und Frankofonen können sich auch bald fünf Monate nach den letzten Wahlen nicht auf eine neue Bundesregierung einigen. Wäre da eine Trennung nicht die beste Lösung?
Das wäre eine Katastrophe. Wir haben eine zweisprachige Hauptstadt. Sowohl Flamen als auch Frankofone wollen Brüssel nicht aufgeben. Diese Stadt ist zufällig auch Hauptstadt der EU. Eine Spaltung können wir uns nicht leisten.

Das heisst, ohne Brüssel wäre Belgien längst geteilt?
Ja, das ist aber eine hypothetische Frage. Eine Trennung würde vor allem beweisen, dass es nicht möglich ist, in einem Land mit verschiedenen Sprachen und Kulturen zusammenzuleben.

Da wäre noch die Schweiz, was macht die Schweiz besser?
Die Schweiz kennt diese Geschichte der Unterdrückung der einen Sprache durch die andere nicht. Die französischsprachigen Schweizer hatten immer ihre eigenen Schulen und ihre Verwaltung in eigener Sprache. Bei uns war das anders. Belgiens Elite sah nur für Französisch eine Zukunft und betrachtete Flämisch als eine primitive Hilfssprache. Heute ist das vorbei, und selbst die frankofonen Politiker sprechen alle mit mehr oder weniger Talent Niederländisch. Doch was sehen wir an den Universitäten? Die Professoren wollen nun in Englisch unterrichten. Wozu haben wir denn diese hartnäckigen Kämpfe geführt?

Sie sagen, diese Unterdrückung sei längst Geschichte, und trotzdem träumen Separatisten in Flandern von der Unabhängigkeit.
Wie soll die denn aussehen? Gäbe es ein neues Belgien mit der Wallonie und Brüssel? Und wäre Flandern ausserhalb der EU eine Art Schweiz der Nordsee? Nein, das geht wirklich nicht, wir sind so verknüpft miteinander, auch wirtschaftlich.

Der Graben zwischen den politischen Klassen im Norden und im Süden des Landes scheint tief, wie könnte eine Lösung aussehen?
Wir können ganz einfach nicht ohne einander. Die Politiker sind dazu verdammt, eine Lösung zu finden. Die Meinungsumfragen zeigen, dass die grosse Mehrheit der Flamen die Trennung nicht wünscht.

Die Tschechen und Slowaken haben sich auch getrennt, und Jugoslawien ist ebenfalls auseinandergefallen.
Prag ist keine zweisprachige Stadt wie Brüssel, die von beiden Seiten, Tschechen und Slowaken, beansprucht würde. Zweitens ist Belgien ein viel älterer Staat. Und eine brutale Trennung mit einem Bürgerkrieg wie in Jugoslawien ist bei uns nicht möglich.

Belgien galt einst als Modell für ein friedliches Miteinander verschiedener Volksgruppen.
Wir haben die Unterdrückung der flämischen Mehrheit durch eine französischsprachige Elite ohne Gewalt und ohne Bürgerkrieg überwunden. Das ist nicht selbstverständlich, das ist mustergültig. Wir haben Lösungen immer mit demokratischen, friedlichen Mitteln gefunden. Schauen Sie einmal ins Baskenland oder nach Irland. Diese Errungenschaften sollten wir nicht einfach so wegwerfen.

Weshalb funktioniert der «belgische Kompromiss» nicht mehr?
Der belgische Kompromiss war die Spezialität der Christdemokraten, die über Jahrzehnte in Flandern dominiert haben. Die flämischen Christdemokraten sind eng mit den Gewerkschaften verbunden, die Solidarität auch zwischen den Landesteilen bewahren wollen. Sie haben in Hinterzimmern über Monate Kompromisse geschmiedet, etwa als die Sprachgrenze festgelegt oder in den 70er- und 90er-Jahren Belgien vom Zentral- zum Bundesstaat umgebaut wurde. Die Neue Flämische Allianz als Siegerin der Wahlen im Juni ist eine neue Kraft, der die Sensibilität und die Fähigkeit fehlt, Brücken zu bauen.

Flamen und Frankofone bezichtigen sich gegenseitig, für das Scheitern der Gespräche verantwortlich zu sein. Wer ist schuld?
Beide. Es ist wie bei einer Scheidung. Es kommt ganz selten vor, dass bei einer Scheidung der Mann oder die Frau hundertprozentig schuldig ist.

Die wohlhabenderen Flamen sagen, sie wollten nicht mehr länger für die verschwenderische Politik der Wallonen bezahlen. Ist dieser Vorwurf berechtigt?
Dieser Vorwurf stimmt nicht mehr. Ein Teil der Wallonie ist altes Industriegebiet wie Nordengland oder das Ruhrgebiet. Überall in Europa sind diese Industriegebiete kaputtgegangen. Die Wallonie ist aber dabei, jetzt einen kleinen, jedoch wichtigen Aufschwung zu schaffen. Doch wie steht es um die Wirtschaft in Flandern? Die Autoindustrie steht dort ganz schlecht da. Die Flamen glauben, ihre Region gehöre für die Ewigkeit zu den reichsten in Europa. Die Flamen fühlen sich viel zu sicher, heute ist nichts mehr für die Ewigkeit, das kann sich sehr schnell ändern.

Was würde das für Europa bedeuten, wenn Belgien am Ende doch scheitern würde?
Das wäre ganz gefährlich. In Schottland, Katalonien, im Baskenland oder in Norditalien beobachtet man uns ganz genau. Dort wird man sagen, wenn die Flamen die Unabhängigkeit schaffen, schaffen wir es auch.

Belgien gilt als eine Art EU im Kleinformat. Welche Auswirkungen könnte ein Scheitern auf die EU haben?
Mit all diesen vertrackten Kompromissen ist die EU sehr belgisch. Für mich ist klar: Die EU wird belgisch sein oder gar nicht.

Die meisten Belgier sehen sich heute zuerst als Flamen, Wallonen oder Brüsseler. Wie steht es mit Ihrer Identität?
Ich sage immer, meine Muttersprache ist mein Vaterland. Ich bin niederländischsprachig und lebe in Belgien, also muss ich wohl ein Flame sein. Ich wohne aber in Brüssel und bin hier aufgewachsen. Französisch ist meine zweite Sprache, die lasse ich mir nicht nehmen. Eine reine, saubere Identität wird schnell zu einer mörderischen Identität. Weshalb soll es ein Problem sein, mehrere Identitäten in seinem Leib zu haben?

Erstellt: 24.10.2010, 23:13 Uhr

Geert van Istendael

Schriftsteller, Flame, Europäer
Für Geert van Istendael ist Belgiens Identitätsvielfalt ein Glücksfall und ein Reichtum, den es zu verteidigen gilt. Er sei in der niederländischen Sprache zu Hause, sagt der Schriftsteller und Autor des Buchs «Das belgische Labyrinth».

Der 63-Jährige ist nicht nur Flame, sondern als Bewohner der Hauptstadt zusätzlich Brüsseler. Perfekt zweisprachig ist er auch mit der frankofonen Kultur aufgewachsen. Zudem fühlt sich Geert van Istendael als Europäer.

Zuletzt hat er zusammen mit 200 flämischen Künstlern einen Appell gegen einen «bornierten Nationalismus» unterschrieben. Sie reagieren damit auf Kritik führender flämischer Politiker, Künstler und Intellektuelle würden sich zu wenig für die flämische Identität engagieren. «Solidarität macht eine Kultur stark» – die Unterzeichner plädieren dafür, die Brücken zu den frankofonen Belgiern zu erhalten.

Die Flamen sind mit einem Anteil von 60 Prozent an der Bevölkerung die Mehrheit in Belgien. In den Jahrzehnten nach der Staatsgründung von 1830 dominierte aber eine französischsprachige Elite das Land. Erst im letzten Jahrhundert konnte sich die Bevölkerungsmehrheit das Recht auf ihre Sprache erkämpfen. Die Flamen setzten zudem durch, dass Belgien in mehreren Staatsreformen von einem Zentral- immer stärker zu einem Bundes- und Föderalstaat aus den drei Regionen Flandern, Wallonie und Brüssel umgebaut wurde.

Bei den letzten Wahlen für das Bundesparlament im Juni wurde in Flandern die separatistische Neue Flämische Allianz (N-VA) von Bart De Wever stärkste Kraft, während in der Wallonie die Sozialisten von Elio Di Rupo gewannen. Die Parteien der Flamen und der Frankofonen versuchen seither vergeblich, eine Bundesregierung zu bilden. Vergangene Woche hat der König einen neuen Vermittler eingesetzt. (sti)

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