Eine Stadt im Würgegriff

Die Gefechte in der Ostukraine gehen weiter – besonders heftig rund um den strategisch wichtigen Ort Debalzewe. Wie ist die Lage vor Ort und warum wird hier besonders erbittert gekämpft?

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In langen Schlangen stehen sie vor den Bussen, die sie aus Debalzewe wegbringen sollen. Seit über einer Woche ist die Umgebung der 25'000-Einwohner-Stadt im Osten der Ukraine unter Dauerbeschuss durch prorussische Separatisten. Viele Zivilisten haben den Ort bereits verlassen. Diejenigen, die geblieben sind – wie viele genau, weiss niemand –, verbringen ihre Zeit nun in den Kellern, wo sie sich vor den immer häufiger einschlagenden Raketen verstecken.

Debalzewe liegt zwischen den beiden Separatistenstädten Donezk und Luhansk in einem Gebiet, das laut Angaben aus Kiew nach wie vor von der ukrainischen Armee kontrolliert wird. Sie hatte es nach heftigen Kämpfen im vergangenen Sommer zurückerobert. Seit kurzem scheinen die Rebellen jedoch wieder auf dem Vormarsch zu sein. Laut Medienberichten soll eine wichtige Verbindungsstrasse ins nahe gelegene Artemiwsk (siehe Grafik) unter Dauerbeschuss sein. Gegen Soldaten gerichtet, treffen die Raketen jedoch immer wieder die Zivilbevölkerung. Wie am Sonntag, als ein Bus voller Flüchtlinge unter Beschuss geriet.

Die Region um Debalzewe. (Grafik: BBC)

Wie es tatsächlich um die Stadt steht, lässt sich nicht sagen. Auch ist unklar, wie viele ukrainische Soldaten sich in Debalzewe befinden. Schätzungen zufolge sollen es etwa 8000 sein, genaue Zahlen gibt das Militär nicht bekannt. Auf Separatistenseite sollen um die 4000 Soldaten kämpfen. Separatistenführer Alexander Sachartschenko brüstete sich zuletzt damit, Debalzewe eingekesselt zu haben. Aus Kiew folgte umgehend das Dementi: Debalzewe werde nach wie vor von der ukrainischen Armee kontrolliert, hiess es dort. Wie so oft in diesem Konflikt nutzen beide Seiten die Meldungen zu Propagandazwecken. Und nur wenige unabhängige Journalisten befinden sich vor Ort.

Ein Reporter der russischen kremlkritischen «Nowaja Gaseta», der momentan in Debalzewe ist, widersprach jedoch zuletzt den Separatistenangaben. Zwar sei die Lage überaus schwierig, die Stadt stehe unter Beschuss, schrieb Sergei Sokolow. Doch davon, dass die ukrainischen Truppen eingekreist seien, könne keine Rede sein. Auch Debalzewe selbst sei relativ ruhig, auch wenn es in wenigen Kilometern Entfernung Kampfhandlungen gebe, schrieben andere Journalisten auf Twitter.

Was bedeutet der Kampf um Debalzewe?

Der Kampf um die ostukrainische Kleinstadt ist in vielerlei Hinsicht bedeutend. Zum einen strategisch, da der Bahnhof von Debalzewe ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt in der Ostukraine ist, unerlässlich als Versorgungsroute. Bei Einnahme würde sich die Front zwischen Separatisten und ukrainischer Armee zugunsten der Rebellen verschieben. Sie würden so erstmals eine Zugstrecke kontrollieren, die Donezk mit Luhansk verbindet. Wie die russische Fachzeitschrift «Wojennoe Obozrenije» schreibt, ist Debalzewe «ein wichtiges militärisches Ziel im Kampf für Noworossija».

Gleichzeitig ist der Ort laut dem russischen Nachrichtenportal «Meduza» von psychologischer Bedeutung für die ukrainische Armee. Bei den Kämpfen von vergangenem Sommer waren sie als Sieger hervorgegangen. Ein Verlust der Stadt wäre für die Soldaten auch eine moralische Niederlage.

Die Zivilisten als Leidtragende

Ganz gleich, ob die Rebellen Debalzewe unter ihre Kontrolle bringen können. Klar ist: Für die Zivilisten dort – wie vielerorts in der Ostukraine – ist die Situation desolat. «In unserer Stadt gibt es seit Wochen weder Strom noch Wasser», erzählte eine Frau vor wenigen Tagen dem russischen Dienst der BBC. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln oder Medikamenten werde immer schwieriger, die Preise sind bereits bedeutend gestiegen. «Die Lage in Debalzewe ist katastrophal», schreibt auch Joanne Mariner, Amnesty-International-Vertreterin vor Ort.

Denen, die in der Stadt geblieben sind, setzt auch der Artilleriebeschuss durch die Separatisten zu. «Die Menschen stehen unter Schock, wissen nicht mehr, wo sie sich befinden», berichtet eine freiwillige Helferin. Die ukrainische Regierung hatte versprochen, alle Betroffenen zu evakuieren. Doch die Stadt Richtung Westen verlassen können nur wenige Hundert Menschen pro Tag, seit Beginn der Kämpfe mindestens 2000. Die Transportmöglichkeiten reichen nicht für alle, die fliehen wollen.

Und die Städte, in die Flüchtlinge vorübergehend gebracht werden, halten dem Bevölkerungszuwachs kaum stand. Seit Juli ist die Einwohnerzahl etwa in Slowjansk um 30 Prozent gestiegen, zitiert die BBC örtliche Behörden. Zwar sollen die Menschen in anderen Teilen der Ukraine untergebracht werden. Dies funktioniert jedoch nur bedingt. Am Bahnhof von Slowjansk standen zuletzt Züge für die Flüchtlinge bereit, Ziel: Städte wie Kiew oder Charkiw. Viele Sitzplätze blieben jedoch leer, erzählen Helfer. Die meisten Flüchtlinge wollen von Slowjansk aus nicht weiterreisen. Sie glauben, dass sie schon sehr bald – spätestens jedoch in einem Monat – nach Hause zurück können.

Erstellt: 03.02.2015, 21:42 Uhr

Debalzewe

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