Eine düstere Lektüre

Der neuste Amnesty-Bericht zur Todesstrafe dokumentiert eine erschreckende Tendenz. Immerhin gibt es auch gute Neuigkeiten.

2014 gab es weltweit weniger Hinrichtungen, aber mehr Todesurteile: Todestrakt im Gefängnis von Huntsville, Texas.

2014 gab es weltweit weniger Hinrichtungen, aber mehr Todesurteile: Todestrakt im Gefängnis von Huntsville, Texas. Bild: Keystone

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Der US-Bundesstaat Utah will Erschiessungskommandos wieder einführen, weil die Chemikalien für die Giftspritze knapp werden. Pakistan verurteilt nach dem Anschlag auf eine Schule in Peshawar mehr als fünfzig mutmassliche Terroristen zum Tod. In Ägypten sitzen Hunderte Gefangene nach unfairen Gerichtsverfahren in der Todeszelle. Im Iran und Irak werden Menschen erhängt und selbst Jugendliche zum Tod verurteilt. Saudiarabien richtet mindestens neunzig Gefangene hin. Und China und Nordkorea erteilen gar nicht erst Auskunft über die hohe Zahl ihrer Exekutionen.

Der Amnesty-Bericht zur weltweiten Entwicklung der Todesstrafe im Jahr 2014 ist eine düstere Lektüre, denn die Zahl der verhängten Todesurteile – soweit überhaupt bekannt – ist um fast ein Drittel sprunghaft gestiegen.

Zynisch und sinnlos

Eine erschreckende Tendenz zeichnet sich ab: Immer mehr Länder greifen wieder auf die Verhängung von Todesurteilen zurück, um Terroristen und Schwerstkriminelle abzuschrecken. Das zeugt von Hilflosigkeit und dem verzweifelten Versuch der Regierungen, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Aber eine solche Vorgehensweise ist nicht nur sinnlos, sondern auch zynisch.

Sinnlos, weil längst durch zahlreiche Studien belegt ist, dass die Todesstrafe nicht abschreckender ist als andere Strafen. Zudem ist sie unmenschlich und unwiderruflich. In einer Zeit, in der Terrorgruppen auf der ganzen Welt unschuldige Frauen, Männer und Kinder bestialisch ermorden und ihre abscheulichen Taten auch noch im Internet auf Videos dokumentieren, ist es aber auch zynisch, ausgerechnet auf die Todesstrafe als Gegenmittel zu setzen. Kofi Annan, ehemaliger UNO-Generalsekretär, hat es auf den Punkt gebracht: Ein Staat, der die gesamte Gesellschaft repräsentiert und die Aufgabe hat, die Gesellschaft zu schützen, darf sich nicht auf die gleiche Stufe stellen wie ein Mörder.

Die Schweiz als Vorreiterin

Zum Glück gibt es auch gute Neuigkeiten: Der weltweite Trend zur Abschaffung der Todesstrafe bleibt ungebrochen. Die Zahl der durchgeführten Hinrichtungen ist 2014 im Vergleich zum Vorjahr signifikant gesunken. In 99 Ländern wurde die Todesstrafe bereits abgeschafft. Mit Madagaskar oder Surinam wird bald das hundertste Land folgen − ein neuer Meilenstein. Zudem stimmte die UNO-Generalversammlung vergangenen Dezember für ein weltweites Moratorium.

Und auch die Schweiz trägt mit der «EDA-Strategie zur weltweiten Abschaffung der Todesstrafe» zu einer universellen Abschaffung der Todesstrafe bis 2025 bei. Wie Amnesty International sieht Bundesrat Didier Burkhalter, ein erklärter Gegner der Todesstrafe, in ihrer Abschaffung «ein grosses Projekt der Menschheit».

Erstellt: 01.04.2015, 11:28 Uhr

Alexandra Karle, Sprecherin Amnesty International Schweiz.

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