«Eine einzige Gemeinde nahm mehr Flüchtlinge als die USA auf»

Schweden will Tausende von Syrern unbefristet aufnehmen. Beunruhigt sind deswegen aber nur wenige, wie TA-Korrespondent Bruno Kaufmann weiss.

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Bruno Kaufmann, Schweden nimmt bereits Tausende von Syrern auf. Was ändert sich nun überhaupt?
Die über 14'000 syrischen Flüchtlinge in Schweden erhalten einen neuen Status. Bisher erhielten sie nur Schutzbewilligungen, die nach drei Jahren auslaufen. Nun können sie eine unbefristete Aufenthaltsbewilligung beantragen. Jede Person muss dazu allerdings ein Gesuch stellen, die Umwandlung geschieht nicht automatisch.

Schweden will demnach aber nicht zusätzliche Flüchtlinge ins Land holen.
Nein. Die Einwanderungsbehörde hat einen Grundsatzentscheid getroffen. Sie kam zur Einschätzung, dass keine Verbesserungen zu erwarten sind, was die Situation der syrischen Flüchtlinge angeht. Eine pauschale Aufnahme von Flüchtlingen beispielsweise aus den Lagern in Syriens Nachbarländern ist zwar vorstellbar, wurde aber bisher nicht diskutiert. Man wollte vielmehr die Flüchtlinge, die bereits in Schweden sind, nicht über ihren Status im Ungewissen lassen.

Ist der Entscheid in Schweden umstritten?
Eigentlich nicht. Politisch hat sich niemand dagegen gewendet. Die Flüchtlinge aus Syrien werden als Leute betrachtet, die des Schutzes bedürfen – und dies ist aus schwedischer Sicht Asylgrund genug.

Wie verkraftet Schwedens Asylwesen die hohen Flüchtlingszahlen?
Die Flüchtlinge werden von den Aufnahmezentren sehr schnell in die Gemeinden weitergeschleust. Vor allem aber ist Schweden die hohen Flüchtlingszahlen seit Jahrzehnten gewohnt. Im Gegensatz zu anderen Ländern wie Dänemark hat Schweden pro Kopf durchgehend sehr viele Flüchtlinge aufgenommen. An dieser Tradition möchte man auch festhalten.

Auch in den einzelnen Gemeinden?
Die Diskussion ist immer wieder, ob man den Asylsuchenden Plätze in den Gemeinden zuweisen darf oder es ihnen offenstehen soll, wohin sie gehen wollen. Heute können sich die meisten ihren Wohnort frei aussuchen, abgesehen von alleinstehenden Minderjährigen beispielsweise. Dies führt natürlich dazu, dass sich in einzelnen Gemeinden grosse Gemeinschaften von Flüchtlingen aus bestimmten Regionen bilden. In der Stadt Södertälje südlich von Stockholm hat inzwischen ein Drittel der Bevölkerung einen Flüchtlingshintergrund. Södertälje nahm damals besonders viele Flüchtlinge aus dem Irak auf. Man muss sich das vorstellen: Eine einzige Gemeinde in Schweden nahm damals mehr Flüchtlinge auf als die USA und Kanada zusammen.

Trotzdem herrscht in Södertälje und ähnlichen Gemeinden kein Unmut.
Es gibt Spannungen, sobald mal etwas passiert, beispielsweise ein Asylbewerber kriminell wird. Das schlägt sich teilweise auch in den politischen Kräfteverhältnissen in den betroffenen Gemeinden nieder – allerdings nicht extrem. Gegen die Flüchtlingspolitik stellen sich von den Parteien einzig die Schwedendemokraten, welche die jüngste Partei des Landes sind und nationalkonservativ ausgerichtet sind. Gerade in ländlichen Gebieten wird die Aufnahme der Flüchtlinge aber meist positiv gesehen. Diese Gemeinden sind oft von der Abwanderung betroffen, erhalten aber viel Unterstützung, wenn sie Flüchtlinge aufnehmen – insbesondere für die Schulen.

Soeben ist US-Präsident Barack Obama zu einem Besuch in Schweden eingetroffen. Was steht auf seinem Programm?
Er wird sich mit der schwedischen Regierung treffen – gerade schüttelt er auf dem Flughafen dem Aussenminister die Hand. Verschiedene inhaltliche Besuche sind ebenfalls geplant, Obama interessiert sich besonders auch für die Energiestrategie Schwedens, daneben auch für Sozialstaatsfragen. Vor allem aber befindet sich Obama auf dem Weg zum G-20-Gipfel – da will sich Obama versichern, dass die nordischen Länder ihn unterstützen – auch in Bezug auf Syrien.

Welche Haltung ist da von Schweden zu erwarten?
Die schwedische Regierung hat sich im Vorfeld positiv zu Obamas Haltung geäussert. Genaueres könnte heute an einer Pressekonferenz bekannt werden. Dass Schwedens Unterstützung viel weiter gehen wird, ist allerdings fraglich. Wie die anderen nordischen Länder legt Schweden traditionell sehr viel Wert auf die Einhaltung der UNO-Charta. Gut möglich also, dass die schwedische Regierung die UNO stärker ins Spiel bringen möchte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.09.2013, 15:40 Uhr

Bruno Kaufmann ist Korrespondent des «Tages-Anzeigers» in Stockholm.

Obama in Schweden

Kurz vor dem G-20-Gipfel in St. Petersburg ist US-Präsident Barack Obama zu einem zweitägigen Besuch in Schweden eingetroffen. Obama ist am Morgen auf dem Flughafen Arlanda in Stockholm gelandet. Ursprünglich sollte er stattdessen seinen russischen Kollegen Wladimir Putin treffen. Im Zuge der Spannungen zwischen Washington und Moskau wegen des US-Geheimdienstenthüllers Edward Snowden hatte Obama die Zusammenkunft aber abgesagt. (sda/AFP)

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