Eine sensationell unglamouröse Siegerin

Anne Hidalgo, Tochter spanischer Einwanderer und Sozialistin, ist die erste Bürgermeisterin von Paris.

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In der Regel kommen Sensationen mit Trommelwirbel daher, nicht selten auch mit Feuerwerk. Diesmal nicht. Paris erlebt seine politische Sensation wie eine Fatalität, eine längst fällige. Anne Hidalgo, 54 Jahre alt, ist die erste Frau, die Frankreichs Hauptstadt, früher ein Hochamt macho- und klüngelhafter Machtpolitik, regieren wird. Es gäbe also Gründe, die Premiere als weiteren Schritt hin zur Emanzipation zu feiern.

Doch irgendwie will dieses Gefühl nicht aufkommen. Und das hat auch mit Anne Hidalgo zu tun. Wenn man der Sozialistin gegenübersitzt, zum Kaffee bei der Sorbonne zum Beispiel, wirkt sie so nett und natürlich, dass man ihren politischen Protagonismus glatt vergessen könnte. Kein Glamour und keine Attitüden, die den Umgang erschweren würden. Während des Wahlkampfs erzählte sie offen von ihren Müdigkeitsschüben, vom Stress und der Tortur einer solchen Kampagne. Angenehm normal eben. Aber reicht normal für diese grandiose, komplexe, extravagante Stadt?

Sensationell unextravagant

Hidalgo ist zwar sensationell unextravagant. Doch den Job kennt sie, jedes Dossier. 13 Jahre lang war sie die Nummer 2 der Mairie, Vize von Bertrand Delanoë, ihrem ungleich charismatischeren und visionäreren Mentor und Förderer. Sie stand immer in dessen Schatten – so sehr, dass man sie vor ihrer Kandidatur ausserhalb von Paris kaum kannte. Ihre Rivalin, die Grossbürgerliche Nathalie Kosciusko-Morizet, einst Ministerin unter Nicolas Sarkozy und landesweit als NKM bekannt, belächelte Hidalgo als Delanoës «Erbin», als hätte die Vize keine eigenen Verdienste. Aus NKMs Entourage kamen noch perfidere Prädikate. «Concierge» nannte man sie auch – und «Dacia», wie das Billigauto. Der Machismus hält sich eben doch.

Doch die Belächelte liess sich nicht beirren, machte einen minuziös geplanten Wahlkampf ohne Fehler und ohne Risiken. Ihre Reden waren zwar eher langfädig und monoton, was sie von den oftmals provokativen Auftritten der Kontrahentin unterschieden. Doch sie waren auch vernünftig, auf der Linie Delanoës, der die Stadt auch für das Dafürhalten der Gegner gut regiert hat – mit einem besonderen Auge für die Kultur, die Ökologie und den sozialen Wohnungsbau. Hidalgo will da anknüpfen, will das Tramnetz ausbauen, will nach dem beliebten Veloverleih Vélib, der jüngeren Initiative Autolib auch die Scooter kollektivieren, will die Grünflächen mehren, die Fussgängerzonen und die Krippenplätze auch.

Eine wirklich kühne Idee ist nicht dabei. Aber alles wirkt wie solide Erbverwaltung. Die Ansprüche an die Lebensqualität der «Bobos», der progressiven und hedonistischen «Bourgeois-Bohème», sind bedient. Und das reichte für den Wahlsieg. Paris ist nicht Frankreich – dieses alte Bonmot erfuhr bei den Gemeindewahlen eine neuerliche Bestätigung. Der Wahlsieg der Linken stand hier nie infrage.

Französin mit 12

In Hidalgos Vita erkennen sich viele Pariser wieder, vor allem die Wahlpariser. Es ist die Geschichte einer Einwanderung und einer sozialen Revanche. Hidalgos Eltern, Andalusier aus Cádiz, flüchteten vor Franco, da war Anne zwei Jahre alt. Sie hiess damals Ana. Niemand in der Familie sprach Französisch. Man zog in ein Arbeiterviertel in Lyon – der Vater arbeitete auf dem Bau. Die Nachbarn waren Algerier, Italiener, Portugiesen. Anne war 12, als die Familie eingebürgert wurde. Sie machte eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin, wurde Arbeitsinspektorin, «ging hinauf» nach Paris, wie die Franzosen sagen: Paris ist immer oben, in jeder Hinsicht.

Als die Linke von 1997 bis 2002 die französische Regierung stellte, sass Hidalgo als Beraterin in verschiedenen Ministerien, unter anderem im Arbeitsministerium von Martine Aubry. Kaum hatte Delanoë die Bürgermeisterwahlen gewonnen, machte er Hidalgo zu seiner engsten Vertrauten. Die beiden funktionierten als Duo ohne Zwist. Kein Misston wurde je publik. Die Rollen aber, die waren immer klar verteilt. Noch hängt Anne Hidalgo der Duft der Nebenrolle an, der unglamourösen Nummer 2.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.03.2014, 23:31 Uhr

Hidalgos Dankesrede in Paris

(Quelle: BFMTV)

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