Porträt

Einst Kriegshetzer, heute schämt er sich dafür

Aleksandar Vucic ist vermutlich Serbiens nächster Premier. Seine wundersame Wandlung eröffnet dem Land neue Möglichkeiten.

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Die Szene wirkt heute, fast 20 Jahre später, noch immer Furcht einflössend. Ein gross gewachsener junger Mann, kurzärmeliges Hemd, graue Krawatte, marschiert im serbischen Parlament ans Rednerpult. Es ist der 20. Juli 1995, und es ist der blutigste Monat in den jugoslawischen Zerfallskriegen.

Zehn Tage zuvor hatten bosnisch-serbische Truppen die Kleinstadt Srebrenica erobert und fast 8000 muslimische Männer und Knaben niedergemetzelt: der erste Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Die internationale Gemeinschaft reagierte so hilflos wie heute im Syrien-Konflikt, und Aleksandar Vucic, so hiess der junge Parlamentarier am Rednerpult, brüllte folgenden Satz ins Mikrofon: «Wenn ihr uns bombardiert, dann werden wir für einen toten Serben hundert Muslime ermorden.» Die Botschaft galt den westlichen Nato-Staaten, die mit Luftangriffen auf serbische Stellungen in Bosnien drohten. Im Krieg von 1992 bis 1995 kamen mindestens 100'000 Menschen um – etwa so viele wie bisher in Syrien.

Schuld am Blutbad in Bosnien-Herzegowina tragen nicht nur die Entscheidungsträger in Slobodan Milosevics Regime. Am Räderwerk der Kriegsmaschinerie drehten auch Leute wie Vucic. Als 22-Jähriger reiste er 1992 aus Belgrad, seiner Heimatstadt, in die Serbenhochburg Pale oberhalb von Sarajevo, um beim Propagandaradio Kanal S zu arbeiten. Von hier aus wurde auch die Belagerung und Beschiessung der bosnischen Hauptstadt organisiert. Der Journalist und angehende Jurist Aleksandar Vucic war damals ein Agitator im Dienste der mutmasslichen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic und Ratko Mladic, die heute vor dem UNO-Tribunal in Den Haag stehen.

Schatten der Vergangenheit

Nachdem er die Feuertaufe auf dem bosnischen Schlachtfeld bestanden hatte, kehrte Vucic 1993 nach Belgrad zurück und wurde Gründungsmitglied der Serbischen Radikalen Partei (SRS) von Vojislav Seselj. Der redegewandte Ultranationalist Seselj wusste, wie man die Massen manipuliert, schliesslich hatte er seine Doktorarbeit über das politische Wesen des Militarismus und Faschismus geschrieben. Vucic war von seinem Förderer begeistert, er klatschte und johlte, wenn Seselj drohte, er werde den Kroaten mit rostigen Löffeln die Augen auskratzen und die Albaner mit dem HI-Virus infizieren, um das lästige Kosovo-Problem ein für alle Mal zu lösen.

An dieses düstere Kapitel der jüngsten Geschichte Serbiens möchte Aleksandar Vucic lieber nicht erinnert werden, aber die Schatten der Vergangenheit verfolgen ihn. In fast jedem Interview wird er gefragt, ob er sich nicht schäme, dass er ab 1998 Informations-minister und damit Oberzensor des Milosevic-Regimes war. Vucic, seit mittlerweile zwei Jahren serbischer Vizepremier, Verteidigungsminister und Chef aller Geheimdienste, senkt dann jeweils den Blick und sagt mit ruhiger Stimme: «Ja, ich schäme mich.» Der mächtigste Politiker in Belgrad schämt sich jetzt auch für den Massenmord in Srebrenica, den er einst als Erfindung der Feinde Serbiens abtat. Die Feinde – das waren für Vucic die USA und die EU. Und dieser Mann wird wahrscheinlich bald serbischer Regierungschef. Staatspräsident Tomislav Nikolic hat am Mittwoch vorgezogene Neuwahlen für den 16. März ausgerufen. Vucic drängte seit Monaten auf die Abstimmung, weil seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) nach populistischen Attacken gegen verhasste Oligarchen im Hoch ist. Die neue Regierung soll den Reformstau lösen und Serbien fit machen für die EU-Beitrittsverhandlungen, die letzte Woche aufgenommen wurden.

Bruch in der Biografie

Vucics Wandlung vom Ultranationalisten zum Europafreund war ein langer Prozess. Er begann nicht mit Milosevics Sturz im Oktober 2000, als das ganze Ausmass der Kriegskatastrophe von Slowenien bis Kosovo sichtbar wurde. Serbien war wirtschaftlich und moralisch ruiniert, aber Vucic bezeichnete die Errichtung eines Grossserbien von der kroatischen Adriaküste bis zur griechischen Grenze als «historisches Ziel».

Erst 2008 vollzog er einen Meinungsumschwung: Vucic, damals Generalsekretär der Serbischen Radikalen Partei, wandte sich vom nationalistischen Lager ab und gründete zusammen mit dem heutigen Präsidenten Tomislav Nikolic die Serbische Fortschrittspartei. Der endgültige Bruch mit Freischärlerführer Vojislav Seselj, der seit 2003 als Angeklagter in einer Zelle in Den Haag sitzt.

Warum? Mit der Unabhängigkeit Kosovos im Februar 2008 mussten auch die letzten Hitzköpfe in Serbien erkennen, dass die Albaner-Provinz verloren war. Zweitens lockte die EU mit einem Assoziierungsabkommen, das als Vorstufe für Beitrittsverhandlungen gilt. Drittens konnte Vucic die Realität nicht mehr ignorieren: Die weltweite Finanzkrise hatte auch das wirtschaftlich darniederliegende Serbien erfasst – und viele Bürger waren der grossserbischen Märchen überdrüssig.

Deutliche Worte

Vier Jahre später, im Mai 2012, zeichnete sich schliesslich eine Zeitenwende ab: Die Fortschrittspartei gewann die Parlamentswahlen. Die ehemaligen Ultranationalisten, die inzwischen viel proeuropäische Kreide gefressen hatten, bildeten die neue Regierung – zusammen mit der Sozialistischen Partei (SPS), deren Chef Ivica Dacic einst dem Autokraten Milosevic als Sprecher gedient hatte. Dacic, der Juniorpartner, wurde Premier und kümmerte sich – unter EU-Vermittlung – um die Lösung der vielen offenen Fragen mit dem neuen Nachbarland Kosovo. Vucic war als stellvertretender Premier für die Räumungsarbeiten in Serbien zuständig.

Er liess den Oligarchen Miroslav Miskovic verhaften, der jahrelang Parteien finanziert und im Gegenzug vom serbischen Raubkapitalismus profitiert hatte. Seinen Ex-Mentor Seselj nennt Vucic heute einen «gewöhnlichen Lügner». Zudem liest er seinen Landsleuten regelmässig die Leviten: Er wirft ihnen Faulheit vor. Der deutsche Soziologe Max Weber und sein Werk «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» haben ihn tief beeindruckt und geprägt, heisst es in seinem Umfeld. Im vergangenen Mai veröffentlichte Vucic in der proeuropäischen Tageszeitung «Danas» einen Gastbeitrag, in dem er die Fehler der Vergangenheit direkt ansprach: «Wir Serben sind die Einzigen, die den Fall der Berliner Mauer verschlafen und die politische und wirtschaftliche Entwicklung in Europa und der Welt überhaupt nicht begriffen haben.» Durchaus selbstkritisch merkte er an: «Weil wir immer die Schlausten waren, haben wir es geschafft, alle zusammen gegen uns aufzubringen. Wir haben uns auf unsere Muskeln und die mythische Rhetorik gestützt in der Erwartung von Geschenken vom Himmel.»

Morde und Komplotte

Das sind ganz neue Töne in Serbien. Vucic betont: «Wir müssen die Gesetze der Europäischen Union achten, ihre Ordnung und die Verpflichtungen, die daraus hervorgehen.» Dazu gehört auch die zivile Kontrolle der terroraffinen Geheimdienste und Sicherheitskräfte, die in der Geschichte des Landes oft eine unheilvolle Rolle spielten: 1903 wurde König Alexander von Armeeoffizieren in einer Orgie sinnloser Gewalt niedergeschossen und mit einer Axt zerhackt, 1914 unterstützte Serbiens Geheimdienst das Mordkomplott in Sarajevo gegen den Habsburger Thronfolger Franz Ferdinand, das zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte, und 2003 erschossen Mitglieder einer Sonderpolizeieinheit in Belgrad den prowestlichen und polyglotten Premier Zoran Djindjic.

Dem blutigen Treiben möchte Geheimdienstkoordinator Vucic ein Ende setzen. Und er ist vermutlich der erste Politiker seit Milosevics Sturz, der die Nachrichtendienste auch tatsächlich kontrolliert. Ende Dezember schockierte Vucic die Öffentlichkeit mit der Information, dass die Hinrichtung des regimekritischen Journalisten Slavko Curuvija am 11. April 1999 von Mitarbeitern des Geheimdienstes und «im Auftrag des Staates» ausgeführt worden sei. Vor zwei Wochen wurden die Drahtzieher, zwei ehemalige Agenten, verhaftet. Der Schütze soll sich in Tansania aufhalten – auf Grosswildjagd.

Fast nebenbei erklärte Vucic, dass die Erschiessung von sechs serbischen Jugendlichen Ende 1998 in einem Kaffeehaus in der westkosovarischen Stadt Peja kein Werk von «albanischen Extremisten» gewesen sei. Unabhängige Beobachter in Belgrad vermuten, dass das Milosevic-Regime die kosovo-albanische Befreiungsarmee UCK mithilfe der Morde als terroristische Organisation hinstellen wollte. Und einen Vorwand schaffen wollte für ethnische Säuberungen. Tatsächlich wurde die Altstadt von Peja wenige Wochen nach dem Mordanschlag in Schutt und Asche gelegt.

Wirft seinen Landsleuten Faulheit vor

Wenn der geläuterte Grossserbe Aleksandar Vucic heute über die Gräueltaten spricht, dann holt er tief Luft und sagt, Serbien müsse sich in den nächsten Jahren auf viele böse Überraschungen gefasst machen. Wunder sind aber auch mit ihm als Premier nicht zu erwarten. «Ich fürchte mich vor unserer Mentalität», sagte der 42-Jährige vergangene Woche im Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Serbien steht vor dem Bankrott, die Arbeitslosigkeit liegt nach offiziellen Angaben bei 20,1 Prozent – Tendenz steigend. Schmerzliche Einschnitte sind nötig. Von 7,3 Millionen Einwohnern sind fast 800'000 beim Staat beschäftigt, das Haushaltsdefizit beträgt mehr als 7 Prozent des Bruttoinlandprodukts, 179 meist unrentable Staatsunternehmen sollen privatisiert werden.

Vucic zeigt sich zuversichtlich, dass Serbien 2020 der EU beitreten wird. Wirtschaftsexperten sind skeptisch, weil das Balkanland viele Chancen verpasst hat. Kritiker werfen Vucic vor, er habe trotz seines wilden Aktionismus bisher wenig Greifbares erreicht. Sein Kampf gegen milliardenschwere Profiteure sei sehr selektiv, wirft ihm der bisherige Wirtschaftsminister vor, der aus Protest gegen «Reformbremser» Vucic am letzten Wochenende aus der Regierung ausgetreten ist.

Die Machtfülle von Vucic ist so riesig, dass manche in Belgrad ihn bereits mit Kreml-Herrscher Wladimir Putin vergleichen. Über sein Privatleben zum Beispiel dürfen die serbischen Medien nicht berichten. Laut offiziellen Angaben ist er mit einer Journalistin verheiratet und Vater zweier Kinder.

Tiefe Spuren

Zehn Jahre Krieg und anschliessend zehn Jahre Krise haben in Serbien tiefe Spuren hinterlassen. Auf der Suche nach Helfern blickt Vucic nicht nur nach Brüssel, sondern auch nach Abu Dhabi. Denn seit Sommer bekommt Serbien kaum noch Geld, die Kreditwürdigkeit ist auf Ramschniveau gesunken, und der künftige Premier, der für einen toten Serben einst hundert Muslime ermorden lassen wollte, hofft nun, dass die Vereinigten Arabischen Emirate seinem Land einen Kredit von drei Milliarden Euro geben.

Die Golfairline Etihad ist seit kurzem mit 49 Prozent an der Air Serbia beteiligt. Den ersten Flug absolvierte die neu gegründete serbische Airline nach Abu Dhabi – und selbstverständlich war Aleksandar Vucic mit an Bord. Er kämpft jetzt an vielen Fronten mit friedlichen Mitteln für ein besseres Serbien. Wohin die Reise führt, ist offen. Seine wundersame Wandlung, wenn sie echt ist, könnte ihn zu jenem Regierungschef machen, der einen grundlegenden Wandel in Serbien herbeiführt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2014, 10:49 Uhr

Der Auftritt vom 20. Juli 1995



«Wenn ihr uns bombardiert, dann werden wir für einen toten Serben hundert Muslime ermorden»: Zitat von Aleksander Vucic 1995 im serbischen Parlament.(Quelle:RTS1/Youtube)

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2006 pries Aleksandar Vucic noch ein Buch des mutmasslichen Kriegsverbrechers Vojislav Seselj. (Bild: Keystone )

(Bild: TA-Grafik)

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