Kopf des Tages

Er durchlebt den Albtraum aller Eltern

Der Mathematiker Siegfried Mundlos versucht zu erklären, wie sein Sohn Uwe zum rechtsradikalen Mörder wurde.

Nazi, Serienmörder, Türkenhasser: Uwe Mundlos (r.) bildete mit Beate Zschäpe (l.) und Uwe Böhnhard den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU).

Nazi, Serienmörder, Türkenhasser: Uwe Mundlos (r.) bildete mit Beate Zschäpe (l.) und Uwe Böhnhard den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU).

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Siegfried Mundlos, Mathematiker und pensionierter Informatikprofessor, ist gewohnt, dass die Dinge logisch aufgehen. Ausgerechnet vom eigenen Sohn gibt es zwei Varianten, die unmöglich zusammenpassen.

Da ist der Knabe Uwe Mundlos, geboren 1973. Ein guter, schüchterner Schüler, der behütet aufwächst. Liebevoll habe sich Uwe um seinen behinderten Bruder gekümmert, ihn im Rollstuhl durch Jena geschoben. Alten Frauen schenkte er Blumensträusse, Kollegen gab er Nachhilfe.

Nazi, Serienmörder, Türkenhasser

Und da ist der erwachsene Uwe Mundlos. Ein Nazi, Serienmörder, Türkenhasser. Mit Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt bildete er den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), eine rechtsradikale Terrorzelle, die zwischen 2000 und 2007 acht Türken, einen Griechen und eine deutsche Polizistin ermordet haben soll. 2011 erschossen sich Mundlos und Böhnhardt mit einer Pumpgun, als die Polizei nach einem Banküberfall ihren Wohnwagen umzingelt hatte.

Siegfried Mundlos, ein kleiner Mann mit gutmütigem Gesicht, durchlebt den Albtraum aller Eltern. Vor dem NSU-Untersuchungsausschuss versucht er den Graben zwischen den zwei Uwes zu schliessen. Mit Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien, sagen Kritiker. Er zeige bloss Widersprüche auf, entgegnet der 66-Jährige.

Um sich Arbeit zu beschaffen, habe der Verfassungsschutz die Thüringer Neonazi-Szene mitaufgebaut. Die «Schreibtischtäter» hätten Böhnhardt erpresst, als Spitzel anzuheuern. Im Gegenzug würden sie ihm eine Gefängnisstrafe streichen. Zschäpe und Mundlos seien aus Freundschaft mit Böhnhardt untergetaucht. Der Verfassungsschutz habe gewusst, dass sich die drei in Chemnitz versteckt hielten.

Ein unerträgliches Verbrechen

Uwes Verbrechen seien unerträglich, sagt Siegfried Mundlos. Beschämend, durch nichts zu entschuldigen. In einem «Spiegel»-Interview machte er den Sohn trotzdem zum Opfer. Wegen seiner Nazikleidung habe ihn die Polizei verfolgt, überwacht, mehrmals festgenommen. Bis sich Uwe zum Feind eines gewalttätigen Systems stilisieren konnte.

Während Uwe Mitte der 90er-Jahre in die damals blühende rechtsradikale Szene abrutschte, drückte der Vater dagegen. Wies den Sohn auf Widersprüche hin, organisierte Elterntreffs, fuhr mit Uwe ans Meer, um zu verhindern, dass er an Neonazi-Konzerten mitgrölte. Einmal schickte er den Sohn und dessen damalige Freundin Beate Zschäpe für vier Wochen in die Wildnis, zum Campen.

Als Carl Zeiss Tausende Stellen strich und der 22-jährige Uwe den Job verlor, zahlte ihm der Vater eine Schule, um das Abitur nachzuholen. Uwe wohnte in einem christlichen Jugenddorf. Spätestens die Uni sollte ihn vom Nazivirus heilen, hoffte der Vater. «Ich habe alles getan.»

Es reichte nicht. Uwe radikalisierte sich. Im Januar 1998 hoben Polizisten eine Garage voller Sprengstoff aus. Sie gehörte dem Nazitrio. Bevor Uwe in den Untergrund ging, verabschiedete er sich am Telefon: «Ich hab euch lieb.» Seither haben die Eltern nichts mehr von ihm gehört. Fahnder und Uwes Freunde rieten dem Vater ab, den Sohn aufzuspüren. Zu gefährlich. Irgendwann hielt er Uwe für tot. «Das schien wahrscheinlicher. Sonst hätte er mir ein Zeichen gegeben.»

Siegfried Mundlos bekam recht. Für seine anderen Theorien fehlen bisher die Beweise. Mundlos wird weitersuchen müssen. Nach der Logik, die erklärt, weshalb sein Sohn, der Musterschüler, zum Killer heranwuchs.

Erstellt: 12.11.2013, 18:38 Uhr

Siegfried Mundlos, Vater des NSU-Terroristen Uwe Mundlos als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss. Foto: Keystone

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