Er hat Erdogans AKP in Istanbul geschlagen

Statt mit schrillen Parolen punktet Ekrem Imamoglu mit Erfahrung und Bürgernähe. Er könnte der neue Bürgermeister werden.

Die Medien schreiben vom «Namen, über den sich alle wundern»: Oppositionskandidat Ekrem Imamoglu. Foto: Keystone

Die Medien schreiben vom «Namen, über den sich alle wundern»: Oppositionskandidat Ekrem Imamoglu. Foto: Keystone

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«Wer Istanbul gewinnt, gewinnt die ganze Türkei», hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan einmal gesagt. Was ihn betrifft, hatte er damit recht. In der grössten türkischen Stadt begann sein beispielloser Aufstieg vom Jungen aus ärmlichen Verhältnissen zum mächtigsten Mann des Landes. Erdogan legte den Grundstein für diese Karriere, als er dort vor 25 Jahren zum Oberbürgermeister gewählt wurde und den als unregierbar geltenden Millionenmoloch in den Griff bekam.

Erfolge in der Metropole am Bosporus sind aber nicht nur Grundlage für das weitere Fortkommen in der türkischen Politik, sondern umgekehrt auch ein Gradmesser für die Stimmung im Land. Istanbul ist die Türkei im Kleinen, mit ihren vielen tiefen Gräben und Konfliktlinien. Wenn es um das Istanbuler Oberbürgermeisteramt geht, dann geht es gleichzeitig auch um die Frage, wem das türkische Volk es zutraut, das Land aus der Wirtschaftskrise zu führen.

Eine Sensation selbst für die regierungstreue Presse

Die Antwort ist: Sie trauen es der regierenden AKP immer weniger zu. Nach einem Vierteljahrhundert könnte es mit der AKP-Herrschaft über Istanbul nun vorbei sein. Der Kandidat des Mitte-links-Bündnisses von CHP und Iyi-Partei, Ekrem Imamoglu, führte am Montag hauchdünn vor Binali Yildirim von der AKP. Selbst die regierungstreue Presse spricht von einer Sensation.

Zumal ?mamoglu in der Türkei weitgehend unbekannt ist. Bis zu seinem jetzigen Erfolg war er Bürgermeister des Istanbuler Bezirks Beylikdüzü. Yildirim hingegen war Minister und zwei Jahre lang sogar Ministerpräsident. Er hat sich im In- und Ausland als stets treuer Gefährte von Erdogan hervorgetan. Kurz vor dem Verfassungsreferendum 2017 machte er mit einem Auftritt vor Tausenden Deutschtürken in Oberhausen Furore, wo er dafür warb, sein eigenes Amt abzuschaffen, um den Weg für Präsident Erdogan frei zu machen. Erdogan wollte sich dafür offenbar mit dem Bürgermeisteramt in Istanbul bei ihm bedanken, doch ein bis dahin unbekannter Politiker hat ihm nun wohl einen Strich durch die Rechnung gemacht. Unbekannt zwar, aber nicht unbeleckt.

Wie sein Kollege in Ankara ist auch Imamoglu schon lange in der Lokalpolitik seiner Stadt aktiv. Der 49-Jährige ist ein erfahrener Kommunalpolitiker und gilt als guter Verwalter seines Stadtbezirks. Es gibt eine weitere Parallele zu Ankaras frisch gewähltem Bürgermeister Mansur Yavas. Auch Imamoglu betonte nach seinem Erfolg, ein Bürgermeister für alle 15 Millionen Istanbuler sein zu wollen – ohne Diskriminierung.

Man könnte Imamoglu fast als langweilig bezeichnen. Es scheint, als hätten die Einwohner dieser lauten Stadt genug vom Lärm.

Über Imamoglu persönlich ist wenig bekannt, selbst die grosse türkische Tageszeitung Hürriyet schreibt vom «Namen, über den sich alle wundern». Er hat Frau und drei Kinder und spielt gerne Fussball. Lebensumstände und Vorlieben, wie sie auf vermutlich jeden zweiten Türken zutreffen könnten.

Geradezu farblos wirkt er im Vergleich zu Yildirim, der wie Erdogan gut darin ist, Menschenmassen in pathetischen Reden für sich zu gewinnen. Geboren wurde Imamoglu in Trabzon an der Schwarzmeerküste. Nach Schule und Betriebwirtschaftsstudium in Istanbul stieg er zunächst in das Bauunternehmen der Familie ein, wurde dann Mitglied in der CHP. Seit den Neunzigerjahren lebt er in Istanbul.

Auf Twitter ist er in der geradezu Twitter-besessenen Türkei ein eher kleines Licht. Zumindest noch. Er zeigt sich dort leger mit der Familie beim Abendessen, gibt sich bürgernah. Sprachliches Säbelrasseln während des Wahlkampfs? Fehlanzeige. Man könnte Imamoglu fast schon als langweilig bezeichnen. Es scheint als hätten die Einwohner dieser lauten Stadt, die immer kurz vor dem Kollaps steht, genug von dem Lärm.

Erstellt: 02.04.2019, 21:12 Uhr

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