Interview

«Er hat den Kontakt zur Realität längst verloren»

Psychoanalytiker Mario Erdheim sagt, wer in seinem Beruf so viel narzisstische Bestätigung bekomme wie der Papst, müsse sich nicht ändern. Benedikt habe keinerlei Bezug mehr zu den Problemen der Menschen.

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Ein Unfehlbarer geht, weil er sich für das Amt zu schwach fühlt.
Unfehlbar gilt der Papst nur in Bezug auf das katholische Dogma. Auch das erst seit dem 1. Vatikanischen Konzil, 1870. Aber es fällt auf: Zum ersten Mal seit Jahrhunderten hat nicht der Tod die Karriere des Papstes beendet, sondern der Papst selber. Normalerweise bleibt Gott für solche Entscheide zuständig: Er holt den Papst zu sich, wenn die Zeit gekommen ist.

Benedikts Vorgänger starb in aller Öffentlichkeit.
Das wollte sich sein Nachfolger offenbar nicht zumuten. Auf jeden Fall halte ich seine Ankündigung für bemerkenswert. Ein solches Amt gibt man nicht ohne weiteres auf. Auch Könige traten kaum je zurück, sie starben oder wurden gestürzt. Und auch bei ihnen findet sich diese Vorstellung, sie seien von Gott ausersehen worden und nur Gott könne sie auch abberufen. Eine auffällige Ausnahme blieb Karl V., der 1555 zurücktrat, nachdem er das Habsburger Reich in einen spanischen und einen deutschen Flügel aufgeteilt hatte. Nach seiner Abdankung zog er sich ins Kloster zurück, wo er sich morgens in einen Sarg legte und der eigenen Totenmesse lauschte.

Papst Benedikt hielt nichts von Reformen der katholischen Kirche. Wie kann ein so starres System so lange überdauern?
Die katholische Kirche hat sich immer wieder regenerieren können, selbst nach der Reformation. Regeneration bedeutet: jenen Männern zur Macht zu verhelfen, welche die jeweils reaktionärste Position einnehmen und verteidigen. Es ging immer darum, Reformen abzublocken, Unliebsame auszusortieren und das dogmatische Gebäude zu festigen. Das schafft eine bleibende Identität, wenn auch eine starre.

Was nicht ohne Folgen bleibt.
Papst Benedikt schaffte es nicht, seine mächtige Organisation mit den religiösen Bedürfnissen zu versöhnen, wie sie sich in einer modernen Gesellschaft ergeben. Die Kirchen im Westen leeren sich, viele Gläubige wenden sich der Esoterik zu, exotischen Heilslehren.

Das ist in südlichen Ländern anders.
Mich nimmt wunder, wie der Vatikan auf diese Entwicklung reagiert. Benedikt hatte sich von Anfang an als Übergangspapst verstanden, hat aber durch die Ernennung getreuer Kardinäle sichergestellt, dass sich nichts Radikales ändert.

Benedikt bestand weiter auf dem Zölibat, während zum Beispiel im amerikanischen Judentum Frauen eine zentrale Rolle spielen.
Was zeigt, dass auch orthodoxe Bewegungen sich reformieren können. Das gilt nicht nur für die Frauen, sondern auch für russisch-jüdische Einwanderer, die als Analphabeten ins Land kamen und dennoch aufstiegen.

Wie haben Sie Papst Benedikt wahrgenommen?
Als schrecklich, und das von verschiedenen Richtungen her. Er war ein Intellektueller, aber absolut linientreu. Er war schon vor seiner Berufung so lange im System aktiv gewesen, dass er den Kontakt zur Realität längst verloren hatte. Er hatte keinerlei Bezug zu den Problemen der Menschen. Das zeigte seine Reaktion auf die wiederholten Fälle von systematischem sexuellem Missbrauch in der Kirche. Papst Benedikt konnte sich nicht entschuldigen, weil er nicht bereit oder fähig war, Schuld anzuerkennen.

Die offensichtliche Frage ist, wie sexueller Missbrauch mit sexueller Verdrängung zusammenhängt.
Die sich aufdrängende Frage lautet, wie stark Sexualität in diesen Fällen mit Gewalt konnotiert ist. Der sexuelle Missbrauch unter dem Katholizismus ist geprägt von Sadismus und Erniedrigung. Kinder und Jugendliche wurden geschlagen, gepeinigt und gedemütigt. Es gibt keine Freude an der Sexualität in der katholischen Kirche, sie ist eine Variante angewandter Gewalt gegen Schwache. Machtprobleme werden sexualisiert.

Unter diesem Papst wurden nicht nur Missbräuche bekannt, sondern Korruptionsskandale, Intrigen aus dem Vatikan, Vorwürfe von Geldwäscherei gegen die Vatikanbank ...
... weshalb ich mir vorstellen kann, dass ein neuer Puritanismus die katholische Kirche ergreifen könnte, auch das hat es in der Geschichte mehrfach gegeben, zum Beispiel durch den Jesuitenorden bei der Gegenreformation, wobei die Jesuiten streng waren, aber sehr flexibel im Dienste des Machterhalts.

Wer Petrus vertritt, Jesus verkörpert und in Gottes Auftrag handelt, kann sich nicht über einen Mangel an narzisstischer Zufuhr beklagen. Was, denken Sie, löst das bei einem Papst psychisch aus?
Macht, Glanz, ideologische Triumphe, das allein selig machende Gefühl. Bei Benedikt führte das dazu, und das fand ich wirklich unglaublich: dass er nicht nur die anderen Weltreligionen, sondern sogar die christlichen Religionen entwertet hat mit seiner Bemerkung, der Katholizismus sei so vollendet, dass er sich gar nicht erst mit einer Variante auseinandersetzen musste. Diese Verweigerung fand ich nicht nur falsch; ich fand sie pathologisch. Hier hat sich jemand dermassen in seinem Narzissmus abgekapselt, dass er die Wirklichkeit nicht anders wahrnimmt denn als eine Störung.

Erstellt: 12.02.2013, 06:50 Uhr

Mario Erdheim ist Psychoanalytiker und Ethnologe. (Bild: Mario Erdheim)

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