Interview

«Er hatte den Vatikan nicht im Griff»

Benedikt XVI. ist der erste Papst seit 700 Jahren, der sein Amt freiwillig abgibt. Vatikan-Kenner Michael Meier sagt, welche Gründe zum Rücktritt geführt haben könnten und was ein Papst im Ruhestand tut.

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Wie aus heiterem Himmel hat Papst Benedikt XVI. heute seinen Rücktritt auf Ende Februar bekannt gegeben. Was könnte ihn zu diesem Schritt bewogen haben?
Offenbar waren es seine schwindenden Kräfte, immerhin ist Benedikt mit 85 Jahren einer der ältesten Päpste der Geschichte. Hinzu kommt, dass er während seiner Amtszeit immer wieder stark unter Beschuss geraten ist, man denke an die Kindsmissbrauchs-Skandale innerhalb der Kirche oder die Vatileaks-Affäre. Er machte keinen Hehl daraus, dass er unter diesen Angriffen leidet, und sprach von einer «sprungbereiten Feindseligkeit», die man ihm gegenüber an den Tag legt. Scheinbar haben ihn die Angriffe noch stärker getroffen, als man von aussen mitbekommen hat.

In der Vergangenheit wurde immer wieder spekuliert, dass Benedikt an Depressionen oder Alzheimer leiden könnte. Könnten diese Gerüchte sich jetzt bewahrheiten?
Damit rechne ich eher nicht. Kurz bevor er sein Amt 2005 antrat, hatte er zwar zwei kleinere Schlaganfälle. Davon hat er sich aber in der Folge gut erholt. Es ist wohl der normale Alterungsprozess, der ihm jetzt zusetzt.

Benedikt war nur rund acht Jahre lang Papst. Seine Amtszeit war, wie Sie bereits sagten, geprägt von mehreren Skandalen innerhalb der Kirche. Wie hat er sich bei der Bewältigung dieser Krisen geschlagen?
Sein Krisenmanagement war von Beginn weg nicht besonders gut. Das zeigte sich zum Beispiel, als er den britischen Bischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson rehabilitierte. Auch bei den Kindsmissbrauchs-Skandalen und der Vatileaks-Affäre gab er jeweils immer nur so viel zu, wie man ihm nachweisen konnte, darum stand er unter dauerndem Beschuss. Sein Verhalten hat deutlicher gemacht, dass sich in der Kurie verschiedenste Seilschaften und Fraktionen bekämpfen und rivalisieren. Er hatte den Vatikan nicht im Griff.

Könnte auch Druck von aussen zu seinem Rücktritt geführt haben?
Das glaube ich nicht, es war wohl tatsächlich seine alleinige Entscheidung. Benedikt ist ein grosser Ästhet, der viel Wert auf einen makellosen Auftritt legt. Seine Agonie der ganzen Welt präsentieren, so wie es sein Vorgänger Johannes Paul II. machte, das würde er nicht wollen. Er würde sich nie in dieser Hinfälligkeit und Gebrechlichkeit öffentlich zeigen und tritt darum zurück, bevor es so weit kommen kann. Er will das Bild des makellosen Stellvertreters Christi nicht beschmutzen.

Sein Rücktritt ist ein historisches Novum: Benedikt XVI. ist der erste Papst seit dem 13. Jahrhundert, der vorzeitig abtritt.
Darum ist der Entschluss eine solch riesige Überraschung, viele Leute sind jetzt wohl perplex. Sein Abgang wird Benedikt Kritik eintragen, weil er die Frage aufwirft, ob er mit den Krisen und Pannen der letzten Jahre zu tun hat und darum einen Schatten auf die Kirche werfen könnte. Andererseits wird er aber auch grosse Bewunderung erfahren. Es ist ein fast schon revolutionärer Schritt.

Am 28. Februar um 20 Uhr wird er sein Amt offiziell aufgeben. Wie geht es nachher weiter?
Es ist erstaunlich, dass er schon in so kurzer Zeit zurücktritt. Der Kardinalsdekan wird die Geschäfte dann wahrscheinlich für einige Wochen übernehmen und ein Konklave zur Wahl des neuen Papstes vorbereiten, zu dem dann die Kardinäle nach Rom anreisen. Das wird bestimmt mehrere Wochen dauern.

Gibt es bereits Spekulationen über mögliche Nachfolger?
Ja, die gibt es. Grosse Chancen werden dem Mailänder Erzbischof Angelo Kardinal Scola eingeräumt, dem Erzbischof Leonardo Sandri, der italienisch-argentinischer Doppelbürger ist, oder dem kanadischen Kardinal Marc Ouellet. Es ist gut möglich, dass diesmal ein Kardinal aus der südlichen Hemisphäre gewählt wird, weil diese als revolutionär und aufgeklärt gelten – obwohl sämtliche Kardinäle, die in den letzten dreissig Jahren gewählt wurden, sehr konservativ sind.

Wie sieht Benedikts Zukunft jetzt aus? Was macht ein Papst, der in Ruhestand geht?
Er wird sich wahrscheinlich aus der Öffentlichkeit zurückziehen, ein bisschen spazieren, Klavier spielen und Bücher schreiben. Er galt schon immer als Schöngeist, der lieber schreibt, argumentiert und mit Argumenten ficht, statt zu regieren.

Erstellt: 11.02.2013, 14:16 Uhr

Michael Meier ist Journalist und schreibt regelmässig im «Tages-Anzeiger» über Kirche und Religion. Er erhielt 2011 den Zürcher Journalistenpreis für sein Gesamtwerk.

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