Er musste die Ceausescus erschiessen

Sein ganzes Leben hatte Dorin Marian Carlan dem rumänischen Herrscher Nicolae Ceausescu geweiht. Dann geriet die Welt aus den Fugen – und seine auch.

Ein Jahr später sollte er den Diktator erschiessen: Dorin Marian Cârlan 1988 als Soldat. Foto: Petrut Calinescu (Panos)

Ein Jahr später sollte er den Diktator erschiessen: Dorin Marian Cârlan 1988 als Soldat. Foto: Petrut Calinescu (Panos)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Tat war vollbracht, aber da war keine Befriedigung und erst recht nichts von der ekstatischen Freude, die später das Land erfassen sollte. Oberfeldweibel Dorin Marian Cârlan fühlte sich leer, er fühlte auch Angst. Er fragte sich, ob er womöglich mit dem Tod bezahlen müsse für das, was er getan hatte. Vor allem aber empfand Cârlan in diesen Minuten, als er im Helikopter sass und weggeflogen wurde vom Ort der Tat: Verwirrung.

Sein ganzes Leben hatte er einem Mann geweiht, hatte schon als Kind werden wollen wie er und hatte als Erwachsener seinen militärischen Eid auf ihn geschworen. Wie für so viele andere Rumänen hatte es für ihn lange keinen anderen Gott gegeben neben Nicolae Ceausescu – und nun hatte er ihn erschossen.

Es ist ein Spätsommerabend in einem Dorf im Osten Rumäniens. Es heisst Foltesti. Dorin Marian Cârlan ist aus Bukarest gekommen, um seine Pflegemutter zu besuchen. 25 Jahre sind eine lange Zeit, fast schon ein halbes Leben, Menschen verändern sich in so vielen Jahren. Cârlan jedenfalls hat keine Ähnlichkeit mehr mit dem schlanken, durchtrainierten Mann in der Uniform eines Fallschirmjägers, der er damals, Ende der 80er-Jahre war. Vor 25 Jahren geriet die Welt aus den Fugen.

Die Freude dazuzugehören

Der erste Weihnachtstag 1989 in Rumänien war milde, sonnig, ohne Schnee. Es war Revolution im Land, der langjährige Diktator Nicolae Ceausescu war mit seiner Frau geflohen, in den Strassen der Hauptstadt Bukarest wurde gekämpft, im ganzen Land regierte Chaos. Ein Stück nordwestlich von Bukarest, in dem Ort Boteni, war das 62. Fallschirmjägerregiment stationiert, eine Eliteeinheit. Cârlan gehört ihr seit Jahren an, allerdings nicht als Kämpfer, sondern als Verantwortlicher für den Fuhrpark. Der Grossteil seiner Einheit hatte am 22. Dezember in Bukarest in die Kämpfe eingegriffen, und zwar zugunsten der Aufständischen, die Armee hatte die Seiten gewechselt. Cârlan gehörte zu denen, die sie in Boteni zurückgelassen hatten.

Es sah nicht aus, als hätte dieser 25. Dezember ihm etwas anderes zu bieten ausser der Sorge um die Familie in Bukarest. In der Nacht davor hatten sie sich in der Kaserne daran erinnert, dass Weihnachten war, und hatten ihre Unruhe mit einem Essen und mit Wein zu dämpfen versucht. Sie wussten von der Flucht der Ceausescu, aber nicht, dass das Paar inzwischen verhaftet worden war und in einer Militärkaserne, nicht weit von Boteni, festgehalten wurde. Nichts deutete darauf hin, dass sich an ihrem Wissensstand an diesem Tag etwas ändern würde, auch nicht, als der Kommandant den Rest seiner Truppe zusammenrief und acht Freiwillige auswählte für eine Kommandoaktion.

Cârlan freute sich dazuzugehören. Wenn er schon in Bukarest nicht dabei war, dann war vielleicht jetzt eine Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Zwei Helikopter wurden startklar gemacht, in Bukarest hinter dem Stadion des Fussballclubs Steaua kamen bei einer Zwischenlandung hohe Militärangehörige und hohe Zivilisten an Bord, und weiter ging es. Cârlan hatte eine Kalaschnikow dabei, eine Pistole, ein Messer und 400 Schuss Munition. Er und die anderen sieben wussten nicht, was ihnen bevorstand, nicht, wo es hinging. Dass es eine heikle Mission war, erkannten sie an den Umständen: Die Hubschrauber flogen tief, in den offenen Türen hatte man schussbereite Maschinengewehre in Stellung gebracht.

Flucht dauerte nur sechs Stunden

Die Ceausescus waren bei ihrer Flucht nicht weit gekommen. Bereits nach gut sechs Stunden hatte man sie in der Kaserne Târgoviste festgesetzt. Für den dortigen Führungsstab war es ein Schock, plötzlich den meistgesuchten Mann Rumäniens und seine Frau in Gewahrsam zu haben, aber als jetzt die Hubschrauber landeten, glaubten sie, aufatmen zu können. Schnell wurden die Ceausescus in einen Radpanzer verfrachtet, weg mit ihnen.

Doch die Männer, die soeben eingetroffen waren, hatten andere Pläne. ­Einer von ihnen, General Victor Stanculescu, eine Schlüsselfigur des Umsturzes, versammelte die acht Mann aus Boteni um sich und eröffnete ihnen, dass er mit den Mitgliedern eines militärischen Sondergerichts gekommen sei, das jetzt dem Ehepaar Ceausescu den Prozess machen werde. Und dann fragte er: «Sollte das Urteil auf Todesstrafe lauten, wärt ihr dann in der Lage, das Urteil zu vollstrecken?» Ja, riefen die Männer im Chor. Stanculescu traf seine Wahl für das dreiköpfige Exekutionskommando. Cârlan war der zweite, auf den er zeigte.

Der General hatte seine Frage im Konditionalis gestellt, aber Cârlan hatte den dringenden Eindruck, dass die Todes­strafe längst beschlossene Sache war. Ein Gott war Ceausescu für den Oberfeldweibel da schon nicht mehr, eher ein Götze, ein falscher Gott, der das Land ins Elend geführt hatte und die Menschen mit immer neuen Wahnideen plagte.

Trotzdem: Als Cârlan und die beiden anderen, der Hauptmann Ionel Boeru und der Feldwebel Octavian Gheorghiu, die Ceausescu aus dem Radpanzer zogen, als Cârlan den Conducator, den Führer, vor sich sah, hilflos, unrasiert, verwirrt, die Pelzmütze verrutscht, das Hemd verschmutzt, da dachte er an ein gehetztes Tier und fühlte fast so etwas wie Mitleid. Doch dies war kein Tag für Gefühle. Es war ein Tag, an dem es darum ging, Interessen durchzusetzen. Interessen ganz unterschiedlicher Art, aber sie zielten alle auf den schnellen Tod des Diktators.

Beim Militärarzt musste Ceausescu den rechten Ärmel hochkrempeln und sich den Blutdruck messen lassen. Später im Fernsehen sollte alles so aussehen, als sei es rechtsstaatlich zugegangen. Ein paar Türen weiter der Gerichtssaal, der aber gar kein Saal war, sondern ein enges, mit Tischen und Stühlen vollgestelltes Zimmer. Cârlan war erst 27, aber er begriff, dass dies kein ordentlicher Prozess, sondern eine Farce war. Wieder ging es nur um Bilder, die man brauchte, um einen geplanten Mord weniger mörderisch aussehen zu lassen. Als nach weniger als zwei Stunden das Urteil gefällt wurde, da traf es den Mann, der diese Tradition begründet hatte, und seine Ehefrau gleich mit. Nicht, dass Cârlan das Urteil ungerecht gefunden hätte, aber er mochte nicht, wie es zustande kam. Den entscheidenden Satz hörte er durch die Tür: «Die Todesstrafe wird sofort verhängt.»

Sie schossen alle aus der Hüfte

Bis zum Urteil hatte Cârlan eine Nebenrolle, aber nun änderte sich das. «Fesselt sie und bringt sie zur Wand.» Die Stimme des Generals Stanculescu. Aus einem wirren Knäuel wurden Schnüre herausgezogen, dann wurden Arme auf den Rücken gedreht, ein kleines Gerangel, ein letzter Widerstand. Durch einen Flur wurden die Verurteilten nach draussen geführt. Beide trugen schwere, lange Wintermäntel, sie gehörten zu der Kleidung, in der sie drei Tage vorher festgenommen worden waren.

Am Nationalfeiertag, nur ein paar Monate zuvor, war Cârlan in Bukarest Teilnehmer der grossen Parade gewesen, und er hatte Nicolae Ceausescu gesehen, wie er sie abgenommen hatte. Und nun würde er diesen Mann erschiessen? Der eben noch Conducator, oberster Befehlshaber gewesen war? Er hörte Ceausescu, wie er mit seiner Altmännerstimme die Internationale sang, er hörte ihn rufen, «Tod den Verrätern, die Geschichte wird mich rächen», und dann hatte er auch schon den Finger am Abzug seiner Kalaschnikow. Sie schossen zu dritt, aus wenigen Metern Abstand. Sie schossen aus der Hüfte. Die drei Schützen, sagt Cârlan, seien «wie Roboter» gewesen, das Denken und die Gefühle ausgeschaltet, beherrscht nur von dem einen grossen Drang, die Sache schnellstens zu erledigen.

Auf der Leiche zurückgeflogen

Dann war da eine Frauenleiche, auf der Seite liegend, flach am Boden, und daneben eine Männerleiche, auf den Knien, der Oberkörper bizarr zurückgebogen. Cârlan liess die Waffe sinken, er fühlte sich verloren.

Es kam der Arzt, um die Leichen zu untersuchen. Es wurden Plastikplanen gebracht, um die Leichen zuzudecken. Cârlan muss einen verwirrten Eindruck gemacht haben, denn plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Es war die des Generals Stanculescu. Er sagte: «Junge, du musst dich nicht schlecht fühlen, du hast das Richtige getan. Die beiden haben es verdient zu sterben.»

Heute sagt Cârlan, es seien die härtesten Augenblicke seines Lebens gewesen. Als Jahre später – Cârlan hatte sich den Baptisten zugewandt – kurz hintereinander sein Pflegevater und seine leibliche Mutter starben und er die Diagnose Krebs bekam, dachte er, es sei die Strafe Gottes für seine Rolle als Henker. Es war dann doch kein Krebs.

Einen klaren Bruch mit den kommunistischen Zeiten hat es in Rumänien nie gegeben. Die alten Seilschaften erwiesen sich als langlebig, und hervorgebracht, sagt Cârlan, hätten sie korrupte Politiker, Diebe, Lügner. Andererseits denkt Cârlan manchmal, dass vieles doch nicht so schlecht war früher, manches sogar besser. Es sind nicht wenige, die so denken, nostalgische Gefühle für die kommunistische Ära sind weit verbreitet, und deshalb hat es der Mann, der Ceausescu erschossen hat, auch nicht zum Helden gebracht. Manche halten ihn für einen Mörder. Cârlan sagt es selber: Er habe an einem politischen Mord mitgewirkt. Jedes Jahr an Weihnachten kommen die Erinnerungen, und es sind keine, auf die er stolz ist.

Das Ende der Kämpfe

Eines, immerhin, wurde durch die Tötung des Diktatorenpaares erreicht: Das Blutvergiessen im Land endete. Kaum waren die Leichen im Fernsehen gezeigt worden, brach Jubel aus im Land, und die Kämpfe hörten auf. Aber das wusste Oberfeldwebel Dorin Marian Cârlan nicht, als er im Helikopter sass auf dem Rückflug. Es war wenig Platz, und so hockte er sich in eine Ecke auf etwas, das von einer Plastikplane bedeckt war. Es fühlte sich warm an, und es war, wie sich herausstellte, die Leiche von Nicolae Ceausescu.

Als sie nach kurzem Flug in Bukarest landeten, begann es zu schneien. Cârlan sah die dicken Flocken und fühlte sich an seine Kindheit erinnert. Später entdeckte er an einem Hosenbein einen dunkel verfärbten Fleck. Offenbar hatte die Leiche im Helikopter noch geblutet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2014, 23:31 Uhr

Das Bild des toten Nicolae Ceausescu ging am 26. Dezember um die Welt. Foto: Keystone

Artikel zum Thema

Der Wahnsinn unter Ceausescu

Während der Diktatur in Rumänien hingen Bauern Äpfel an Bäume und Schweine wurden schon mal vergast - um keinen Lärm zu machen. Diese und andere Absurditäten erzählt der Film «Tales from the Golden Age». Mehr...

«Dieser Blick von Ceausescu – ich habe immer noch Albträume»

Vor 20 Jahren sind der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena nach einem Geheimprozess erschossen worden. Einer der Todesschützen erinnert sich, die Erinnerung plagt ihn heute noch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Es gibt Besseres als Escorts

Echte Erotik und richtigen Sex, bei dem beide Lust aufeinander haben, findet man nicht bei Escorts. Aber dafür beim Casual-Dating im Internet.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...