Interview

«Er wirkte nervös, vergriff sich im Ton»

Nicolas Sarkozy lieferte sich einen erbitterten Schlagabtausch mit François Hollande. Doch wer konnte dabei punkten? Der Politologe Stefan Aykut analysiert die TV-Debatte, die sich ganz Frankreich angesehen hat.

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Herr Aykut, wo haben Sie persönlich die Sendung verfolgt, und wie war da die Stimmung?
Ich habe sie mit ein paar Freunden zu Hause in Paris verfolgt. Die Stimmung war zunächst angespannt. Ein bisschen ist so was ja wie ein Fussballmatch: Jeder Zuschauer hat seine eigene Einschätzung und gibt seine Kommentare dazu ab, was eine gute Antwort gewesen wäre.

Die Debatte gilt als grosse Stärke von Nicolas Sarkozy. Wie hat er heute auf Sie gewirkt?
Aufgrund seiner schwächeren Ausgangslage war Sarkozy wie erwartet angriffslustig und attackierte seinen Herausforderer von Anfang an. Diese Strategie schien zu Beginn aufzugehen. Insgesamt aber wirkte der Amtsinhaber angespannt und nervös. Er vergriff sich auch mehrfach im Ton, etwa als er Hollande als Lügner, inkompetent und sogar als «kleinen Verleumder» und als «Pontius Pilatus» bezeichnete.

Wie hat sich François Hollande geschlagen?
Der grosse Nachteil von Hollande ist, dass er nie höhere öffentliche Ämter bekleidet hat und daher als weniger erfahren gilt. Umfragen stellen daher regelmässig fest, dass die Franzosen ihm weniger präsidiale Statur zuschreiben als Nicolas Sarkozy. Die Strategie des sozialistischen Kandidaten war daher sichtlich, Ruhe auszustrahlen und zugleich auf die zu erwartenden Angriffe des Präsidenten entschlossen zu reagieren. Sarkozy hat es nur sehr selten geschafft, ihn aus der Reserve zu locken.

Wer konnte inhaltlich punkten?
Die Debatte war insgesamt sehr technisch, mit vielen Zahlen und viel Streit über ebenjene Zahlen, zum Beispiel was die Arbeitslosen, das öffentliche Defizit oder die Anzahl an Einwanderern in den letzten zehn Jahren anbelangt. Nach der Debatte schlägt daher die Stunde der Journalisten und spezialisierten Blogs, die entscheiden werden, wer wo richtig oder falsch lag. Wie die Debatte 2007 zwischen Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal gezeigt hat, sind diese nachträglichen Richtigstellungen aber kaum entscheidend. Insgesamt würde ich sagen, leichter Vorteil Hollande, vor allem, weil Sarkozy als Amtsinhaber ins Rennen ging.

Das TV-Duell zielt auf die Wechselwähler ab. In welche politische Kerbe hauten die Kandidaten heute?
Im Unterschied zu 2007, als François Bayrou der dritte Mann war und die Wechselwähler daher in der politischen Mitte zu suchen waren, war dieses Duell von einer starken Polarisierung geprägt, da Marine Le Pen und der rechtsextreme Front National als Dritte und Jean-Luc Mélenchon und seine Linksfront als Vierte aus der ersten Runde herausgegangen waren. Sarkozy versuchte mit traditionell rechten Themen wie dem Abbau von öffentlichen Stellen und Verweisen auf das Burkaverbot seine politische Familie zu einen. Zugleich machte er offen Jagd auf die Stimmen am rechten Rand, zum Beispiel indem er die Halbierung der legalen Einwanderung forderte – 2007 war es ihm noch um die Eindämmung der illegalen Einwanderung gegangen.

Und Hollande?
Er hingegen positionierte sich von Anfang an klar links, attackierte den «Präsident der Reichen» und besetzte traditionell linke Themen wie die höhere Besteuerung oberer Einkommensschichten, die Schaffung neuer Stellen für Bildung und Erziehung und die Erhöhung des Mindestlohns. Während Hollande also verkündete, er wolle als Präsident die Kinder der Republik beschützen, Sarkozy aber beschütze die Reichsten, antwortete ihm Sarkozy: «Sie wollen weniger Reiche, ich will weniger Arme.» Ein anderes Streitthema war das Wahlrecht von Nicht-EU-Ausländern bei den Kommunalwahlen. Während Sarkozy am Anfang seiner Amtszeit noch erklärt hatte, er sei «intellektuell dafür», rückte er jetzt davon ab und warnte davor, dass dies zu einer Art schleichenden Islamisierung führen könnte.

Den Umfragen zufolge wird Hollande am Sonntag gewinnen. Konnte Sarkozy mit diesem TV-Duell das Steuer herumreissen?
In einem Interview der Zeitschrift «Le Monde» stellte der Direktor des Meinungsforschungsinstituts Ifop fest, dass die Fernsehdebatte bisher noch nie einen messbaren Einfluss auf die Wahlabsichten gehabt habe. Das dürfte wohl auch diesmal so sein. Diese Debatten führen eher dazu, jene zu bestärken, die ihre Entscheidung schon getroffen haben.

Erstellt: 03.05.2012, 02:46 Uhr

Stefan Aykut studierte Politikwissenschaft an der FU Berlin und der Sabanci-Universität in Istanbul, seit 2007 lebt er in Paris. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutsch-Französischen Instituts in Paris und promoviert an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS).

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