Erst die Kugeln. Dann das Geld.

Vier Monate nach dem Attentat ist die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo» zerstritten.

Einige Tage waren alle Charlie – ein Autobahnsignalwagen am Tag nach dem Attentat. Foto: Michel Spingler (AP)

Einige Tage waren alle Charlie – ein Autobahnsignalwagen am Tag nach dem Attentat. Foto: Michel Spingler (AP)

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Die bronzene Marianne auf dem Platz der Republik in Paris trägt noch immer die Spuren von Trauer und Empörung. Plakate, Graffiti, Stifte, heruntergebrannte Kerzen, verwelkte Blumen stecken in den Reliefs des Sockels unter der haushohen Statue, die die Werte der ­Republik verkörpert. Über 130 Tage liegt das Attentat auf «Charlie Hebdo» zurück.

Der Platz und Marianne waren immer die Bühne der freien Meinungsäusserung, Versammlungsort der grossen Demonstrationen. Keine hundert Meter entfernt liegt die Redaktion der Tageszeitung «Libération», wo die Überlebenden von «Charlie Hebdo» Unterschlupf gefunden haben. Zwei Einsatzwagen stehen Tag und Nacht vor der Tür, dazu Polizisten in Schwarz mit Westen und Maschinengewehren. Die Meinungsfreiheit ist ein so teures Gut in Frankreich, dass sie jetzt unter Polizeischutz steht.

Laurent Léger sitzt in einem Grossraumbüro im «Libération»-Gebäude hinter Panzerglas. Er gibt eigentlich keine Interviews. Anfangs hatte er bis zu tausend Anfragen aus aller Welt, jeden Tag. Dazu Einladungen zu Kolloquien, Gesprächsrunden, Debatten, Preisverleihungen. Nicht, dass Léger das nicht nachvollziehen könnte, er ist ja selber Journalist, aber es muss auch eine Zeitung gemacht werden, mit einem Team, das um die Hälfte dezimiert wurde. «Die Luft ist raus», sagt Léger, «wir sind müde. Wir hatten einfach keine Zeit, den Schock zu verarbeiten.»

Relaunch im September

Zerwürfnisse zwischen Direktion und Redaktion machen die Arbeit noch schwieriger. Der Zeichner Luz liess wissen, dass er das Blatt verlassen werde. Der franko-marokkanischen Journalistin Zineb El Rhazoui wurde mit Kündigung gedroht. Man warf ihr vor, nicht genug in der Redaktion gewesen und mehrfach zu spät gekommen zu sein. El Rhazoui, über die eine Fatwa verhängt wurde und die unter ständigem Polizeischutz steht, ist fassungslos: «Wenn es wirklich das ist, was man mir vorwirft, dann sollte man bitte zur Kenntnis nehmen, dass ich immer sechs Polizisten um mich herum habe und fast jeden Abend woanders übernachte. Termine zu machen und Reportagen zu schreiben, ist in der Tat nicht mehr ganz einfach.»

Im September soll ein Relaunch stattfinden. Wie der aussieht, weiss niemand. Auch nicht Léger. Er ist der Einzige des Teams, der die fatale Redaktionskonferenz des 7. Januar unversehrt überlebt hat, jedenfalls körperlich. «Ich sass auf der richtigen Seite des Tisches», sagt er trocken, «mit dem Rücken zur Tür.» Als einer der Brüder Kouachi eintrat, warf er sich instinktiv unter einen Abstelltisch, in den Schutz einer kleinen Mauer.

Aus welchem Reflex er das tat, weiss er bis heute nicht. Und dann hörte er: Allahu akbar. Und den Namen von Charb. Und die Schüsse. «Es ging sehr schnell. Niemand hat geschrien, es gab nur das dumpfe, erstickte Geräusch der Schüsse. Dann war Stille.»

Nachfolger für die Toten gibt es nicht. Die grossen Zeichner Charb, Cabu, Wolinski und Tignous können nicht so einfach ersetzt werden. «Richtige Talente sind selten», sagt Léger, «Comics werden besser bezahlt als Karikaturen.» Und wer will schon sein Leben für einen Scherz riskieren?

Arbeit unter Polizeischutz

Laurent Léger, schmal, kahler Kopf, grüne Augen, «ruhig und grossartig», wie eine Kollegin von ihm sagt, war vielleicht der einzige «richtige» Journalist in der bunten Mannschaft aus Künstlern und Lebenskünstlern, in einem unorthodoxen Blatt, für das auch ein Sanitäter und eine Psychoanalytikerin schrieben. Ein Kollege, der investigativ arbeitet. Der Akten ziehen kann. Recherchieren. Analysieren. Aber Arbeit als Droge hilft nur eine bestimmte Zeit. Denn wie weitermachen, wenn man unter Polizeischutz arbeiten muss? Wie sich hinter ein Thema klemmen, wenn einem alles banal erscheint?

Léger gibt zu, dass ihm seine Themen seltsam leer und unbedeutend vorkämen. Es sind die ganz normalen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, wenn alles seinen Geschmack verloren hat. Für einen Künstler fatal und für einen Journalisten auch. Wer heute zu ihm stossen will, muss Kontrollen über sich ergehen lassen. Es geht im Redaktionshaus der «Libération» dann hinauf über dieselbe düstere Betonwendeltreppe, die der verbliebene Rest der «Charlie»-Redaktion zwei Tage nach dem Attentat hinaufgeschritten war. In ihren Augen stand der Schrecken. Oben angekommen, fiel man sich in die Arme. Dann schloss sich die Tür des Konferenzzimmers, und die Aufgabe, die vor ihnen lag, hatte etwas Übermenschliches: Sie mussten die Ersten sein, die imstande waren, über das Drama zu lachen; sie mussten zeigen, dass der Geist von «Charlie Hebdo» nicht totzukriegen ist; sie mussten dem Terror in die Fratze lachen.

Die berühmte Ausgabe der Überlebenden erreichte eine Auflage von acht Millionen. Überlebende? Der Karikaturist Luz, der einer der wenigen war, der die Konferenz glücklicherweise verpasste, findet, das sei das falsche Wort. Die «Ausgabe der Widerstehenden» sei treffender. Der traurige Mohammed der Titelseite, den er, Luz, gezeichnet hat, ging um die Welt. Darüber die Zeile: «Tout est pardonné». Alles vergeben? Es war eine geniale Idee: Den Propheten zu zeichnen, dabei das Bilderverbot wieder zu übertreten, aber Mohammed selbst als Opfer des Wahnsinns darzustellen, der in seinem Namen begangen wird. Auch Mohammed war Charlie. Und wenn man Mördern vergeben kann, muss man dann nicht auch Karikaturisten verzeihen können?

Streit am Sarg

Die Ausgabe der Überlebenden spülte Millionen in die leeren Kassen. Dazu kamen Spenden aus aller Welt. Über dem Blatt, das noch kurz zuvor vor dem Aus stand, ging ein Geldregen nieder. Aus 8000 Abonnenten wurden 200'000, über Nacht. Inzwischen sind insgesamt 16,3 Millionen Euro auf die Konten von «Charlie Hebdo» geflossen, von Verkäufen, Spenden, Helfern, Betroffenen. 4,3 Millionen sind Spenden, die ein Rat an die Opferfamilien verteilen soll. Der Rest ist Gewinn. Pures Gift, wie sich inzwischen zeigt. Denn es gibt kein grosses Erbe ohne Zwist und Zerwürfnisse. Einen Streit am Sarg hat es auch bei Charlie gegeben. Was tun mit den Millionen? Wem gehören sie, wem stehen sie zu? Wie sollte «Charlie Hebdo» dauerhaft abgesichert werden, und was sollten die Familien der Opfer bekommen und die Kollegen, die bis heute im Krankenhaus sind?

«Das Geld ist vergiftet», sagt Luz. Auf einmal stand das links-anarchistische Blatt mit einer Politikberaterin und Krisenmanagerin da. Anne Hommel ist ihr Name, sie war PR-Beraterin von Dominique Strauss-Kahn nach dessen Sexskandal und vom Ex-Finanzminister Jérôme Cahuzac, nachdem dessen Schwarzgeldkonto in der Schweiz aufgeflogen war. An ihrer Seite steht der Staranwalt Richard Malka. «Charlie Hebdo» wuchs in jeder Hinsicht über seine Macher hinaus. Sie verloren die Kontrolle in einem globalen Spiel. Sie wurden befrachtet mit einer symbolischen Last, die schwer auf ihren Schultern wog. Zu schwer.

Vergiftet ist das Geld vor allem, weil die Eigentumsverhältnisse mehr als schräg sind: 40 Prozent gehören dem Herausgeber und Karikaturisten Riss, 20 dem Finanzdirektor Eric Portheault, die restlichen 40 dem ermordeten Chefredaktor Charb, jetzt seinen Erben. Vor dem 7. Januar konnte man darüber lachen. Es gab ja nichts zu verteilen, die Prozente verwiesen auf Luft, genauer: auf Schulden. Heute geht es um ein Vermögen. Und es wirkt alles wie ein hässliches Déjà-vu: 2007 waren durch den Abdruck der dänischen Mohammed-Karikaturen 500'000 Exemplare von «Charlie Hebdo» verkauft und 600'000 Euro in die Kassen gespült worden, die sich damals zwei Personen teilten, der damalige Chefredaktor Philippe Val und der Zeichner Cabu.

«Gift der Millionen»

Auch dieses Mal gibt es Kriegsgewinnler. Die Redaktoren fordern deshalb die Gründung einer Aktiengesellschaft nach dem Vorbild anderer Alternativmedien. Sie fordern gemeinsame Entscheidungen über die Zukunft, Transparenz bei der Spendenverteilung an die Opferfamilien, auch an diejenigen, deren Angehörige im jüdischen Supermarkt Hyper Cacher ermordet wurden.

«Wir müssen dafür sorgen, dass diese Masse Geld so angelegt wird, dass es dauerhaft das Überleben von ‹Charlie› sichert», sagt Léger. Zusammen mit 13 Kollegen hat er ein Kollektiv gegründet, das die Neugründung des Blattes fordert. Portheault, der Finanzdirektor, reagierte «angewidert». Darauf folgte ein Gastbeitrag des Kollektivs in «Le Monde»: «Charlie Hebdo», schrieb Léger darin, sei nicht mehr das Nischenblatt, das keiner lese, sondern ein «weltweites Symbol». Nur: «Wie dem Gift der Millionen entkommen?»

Die Zeitung sei eine «verlockende Beute» geworden. «Wir werden verhindern, dass sie Opfer von politischen und finanziellen Manipulationen wird und eine Handvoll von Leuten teilweise oder vollständig die Kontrolle übernimmt in vollständiger Missachtung derjenigen, die das Blatt machen.» Ein Satz wie eine Bombe. Manipulation? Für einen Augenblick sah es so aus, als würde, was die Terroristen nicht geschafft hatten, von «Charlie Hebdo» selbst erledigt werden.

Die Leichen seien noch nicht mal kalt, ereiferten sich die Anteilseigner, da fielen die anderen schon über das Geld her. Als ob es dem Haufen schräger Vögel und politischer Aussenseiter plötzlich darum ginge. «Sie stellen uns hin wie Geier», beklagt Patrick Pelloux, Sanitäter, freier Mitarbeiter von «Charlie», ein kräftiger Mann mit dünner Haut, der Erste, der am Tag des Attentats an den Schauplatz gerufen wurde, und den Frankreich als weinenden Bären erlebte.

«Wir haben alle nur ein einziges Leben»

Das Geld ist nicht das einzige Problem. Es geht um die Frage, wie es weitergeht. Eine neue Struktur muss gefunden werden, eine redaktionelle Linie. «Wir können nicht weitermachen, als wäre nichts geschehen, wir müssen uns neu erfinden», sagt Luz in einem langen Interview, das er anlässlich des Erscheinens seines Buches «Catharsis» gegeben hat. «Ist ‹Charlie› noch ein politisches Heft?», fragt Luz, «Kann es ein Nachrichtenmagazin werden?» Im selben Gespräch hatte Luz angekündigt, keine Mohammed-Karikaturen mehr zu machen. «Er interessiert mich nicht mehr.» Er ist seiner überdrüssig geworden, genau wie bei Sarkozy. Dann der angekündigte Abgang. Eine Kapitulation, ein später Sieg der Terroristen? «Nein», sagt Kollege Léger, «wir sind alle nur Menschen, wir haben alle nur ein einziges Leben und ein Leben unter Polizeischutz ist kein Leben.»

Auch die Attacken des Demografen Emmanuel Todd, der die Solidaritätsbewegung mit «Charlie Hebdo» als Veranstaltung von islamophoben Egoisten brandmarkt und von einem «totalitären Flash» spricht, will er nicht als Sieg der Terroristen gelten lassen. Todd behauptet in seinem Buch, die Demonstranten seien in Wahrheit Fremdenhasser, Verächter der gebeutelten Muslime in Frankreich. Ein schräger ­Gedanke. Aber auch die Autoren, die die PEN-Preisverleihung für «Charlie Hebdo» Anfang Mai boykottiert haben, sind auf derselben Linie.

Zu Füssen der Marianne auf der Place de la République stehen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als Allegorien, daneben ein grosser Löwe, als müssten die Werte bewacht werden, als würden sie erst dann wirklich wertvoll, wenn sie in Gefahr sind. Charlie ist nicht tot. Noch nicht ganz. Aber um das Überleben muss weitergekämpft werden. Es ist ein täglicher Kampf, den Léger und seine Kollegen führen. Bislang wollten sie ihre Leser zum Lachen bringen. Das Problem ist, dass ihnen selbst das Lachen ver­gangen ist.

Erstellt: 19.05.2015, 23:59 Uhr

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