Erst zieht er den Kürzeren, dann den Stecker

Silvio Berlusconi setzt drei grelle Politshows auf seinen Kanälen ab – weil sie seinen Gegnern halfen.

Im Januar trat Silvio Berlusconi noch selber in der Sendung «Quinta Colonna» von Rete 4 auf. Foto: Andreas Solaro (AFP)

Im Januar trat Silvio Berlusconi noch selber in der Sendung «Quinta Colonna» von Rete 4 auf. Foto: Andreas Solaro (AFP)

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Es gab einmal eine Zeit, da nannten die Italiener Silvio Berlusconi «Sua Emittenza». Das ist die schöpferische Verschmelzung aus «Sua Eminenza», die Anrede für Kardinäle, und dem Wort «emittente», Sender. Der Titel war nur halb scherzhaft gemeint. Mit seinen drei privaten, nationalen Fernsehkanälen spielte sich der Mailänder Medienunternehmer mächtig in die Köpfe der Menschen. Einen hübschen Teil seiner politischen Fortüne verdankte er dieser Sendekraft. Im Nachhinein lässt sich auch sagen, dass er über seine vielen Kanäle die Gesellschaft und die Kultur des Landes prägte – nicht unbedingt gut, aber ihm durchaus dienlich.

Nun aber hat es den Anschein, als sei Berlusconi erstmals in seiner langen Karriere zum Opfer der grellen Formate geworden, die auf seinen Sendern laufen. Jedenfalls denkt er das selbst. In den vergangenen Tagen setzte Mediaset, wie sein Fernsehimperium in Cologno Monzese bei Mailand heisst, nacheinander drei politische Talkshows ab, die von Journalisten und Moderatoren verantwortet wurden, auf die der Chef grosse Stücke hielt. In dieser Phase, da Italien sich politisch gerade neu formiert und nach einer Regierung sucht, geschüttelt und erschüttert vom eklatanten Ausgang der jüngsten Parlamentswahlen, fällt eine solche Umprogrammierung im Konzern Berlusconis natürlich auf.

Scripted Reality

Gekippt wurden die Programme «Dalla vostra parte» von Maurizio Belpietro, «Stasera Italia» von Mario Giordano, das nur einige wenige Ausgaben senden durfte, und «Quinta colonna» von Paolo Del Debbio. Gemein war ihnen, dass sie sich sehr oft und sehr laut mit demselben Thema beschäftigten: mit der Immigration. Dargestellt wurde die Zuwanderung immer nur als Gefahr, für den Wohlstand der Italiener, die Jobsicherheit, die Sicherheit an Leib und Leben. Ganz gern verhandelten die Talkshows auch die Privilegien der Politiker, der «Kaste» also, und die wirkten umso anstössiger, wenn man sie am Lebensstandard der Italiener mass. Der ist während der langen Wirtschaftskrise nämlich arg gesunken.

«Dalla vostra parte», «Auf eurer Seite» also, trug das Geschäftsmodell im Namen. Belpietro schaltete am liebsten Menschen zu, die auf den Piazze ihrer Dörfer standen und auf alles schimpfte. Je zorniger sie waren, desto besser und desto höher die Quoten. Manche dieser Menschen waren engagiert, wie eine Theatertruppe. Auf Kommando rezitierten sie Botschaften ab Skript, samt Empörung. Dazwischen zeigten die Sendungen jeweils Beiträge, die alle Vorurteile über Einwanderer zementieren sollten. Manchmal waren sie frei erfunden und wurden dem Publikum auch schon mal mit gepixelten Bildern serviert, für ein Mass mehr Dramatik. Bekannt wurde etwa der Fall eines angeblichen «rumänischen Autodiebs», der in Wahrheit ein Schauspieler war, angestellt von den Fernsehmachern.

Spiel mit den Träumen

Berlusconi muss aufgefallen sein, dass diese Sendungen den Populisten von den Cinque Stelle und der rechtsnationalen Lega, den beiden Wahlsiegern, politisch mehr geholfen haben als seiner eigenen Partei, der bürgerlichen Forza Italia. Und das ist eine ironische Wendung der Geschichte. Gewiss, drei kontraproduktive Talkshows erklären Berlusconis dürftiges Wahlergebnis nicht, ausserdem spielen auch in Italien die sozialen Medien eine immer wichtigere Rolle vor Wahlen. Doch bisher war es immer so gewesen, dass «Sua Emittenza» im Bauch des Volkes las und ihm genau das servierte, was ihm schmeckte. Heute würde man es populistisch nennen: Er spielte nicht mit den Ängsten und dem Zorn der Menschen, sondern mit deren Träumen. Fair war auch das nicht.

Nun will er plötzlich gemässigt und verlässlich sein, eine Antithese zu den Populisten. Und da passt der Tonfall dieser Sendungen nicht mehr, das Geschrei, dieses ständige «Vaffanculo» (Leck mich am Arsch) auf allen Kanälen. Am meisten stört Berlusconi aber, dass sein Fernsehen ausgerechnet seinem Bündnispartner und Rivalen Matteo Salvini von der Lega mehr brachte als ihm selbst. Erstmals seit 1994 ist die Lega jetzt stärker als seine Forza Italia: Bei den Parlamentswahlen gewann Salvini 17 Prozent der Stimmen. Das sind nur 3 Prozent mehr als Berlusconis 14 Prozent. Doch seither spielt sich Salvini wie der neue Chef des Rechtslagers auf. Berlusconi fühlt sich deshalb gedrängt, seine ganze Strategie zu überdenken, die mediale wie die politische.

Er weigert sich, kürzerzutreten

Besonders wirkungsvoll ist bisher sein politischer Plan: Berlusconi blockiert die Regierungsbildung. Das geht ganz einfach: Er weigert sich, etwas kürzerzutreten, wie das Salvini von ihm fordert, damit der mit den Cinque Stelle verhandeln kann, die ihn ganz weghaben möchten. Er lacht ihnen ins Gesicht. «Von Berlusconi kann man alles erwarten», schreibt Eugenio Scalfari in seinem sonntäglichen Leitartikel in der Zeitung «La Repubblica», «er ist Autor und Akteur, er schreibt die Komödie und spielt dann auch die Hauptrolle.» Das mache das Stück lustiger und wirkungsvoller.

Nun, nicht alle mögen die Deutung Scalfaris teilen, zumindest die komische Seite ist Geschmacksache. Doch ja, er spielt wieder sich selbst, nur in einer neuen, x-ten Ausführung. Es heisst, Berlusconi setze darauf, dass der Staatspräsident am Ende eine Grosse Koalition anmahnt, über die Gräben hinweg, mit allen drin – oder wenigstens mit ihm, den Sozialdemokraten und Matteo Salvini. Zentrum plus Lega. Klingt nach Komödie, noch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2018, 18:10 Uhr

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