«Es herrscht eine Stimmung zwischen Volksfest und Hysterie»

Die Grossstreik in Frankreich stürzt ein ganzes Land ins Chaos. TA-Korrespondent Oliver Meiler schildert, wie die Bevölkerung mit der Situation umgeht.

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In Frankreich läuft bereits der vierte Grosstreiktag gegen die geplante Rentenreform. Der öffentliche Verkehr liegt lahm. Wie ist die Situation in einer Grossstadt wie Marseille?
In Frankreich haben Streiks eine lange Tradition. Die Bevölkerung geht entsprechend routiniert mit der Situation um – man arrangiert sich. Gerade in Marseille, wo Mireille Chessa – eine Gewerkschaftschefin aus Marseille – herkommt. Sie organisiert den Kampf gegen die Rentenreform. Die Initialzündung dieses Streiks kam von Marseille und verteilte sich aufs ganze Land.

Wie arrangiert sich die Bevölkerung mit dem Chaos?
Die Behörden und Medien informieren die Leute zu jeder Zeit über die aktuellen Entwicklungen des Streiks. Das erleichtert die Situation der Bürger. Sie wissen, wann und wie sie wohin kommen. Zudem sind die Franzosen aufgrund ihrer grossen Streiktradition sehr flexibel: Arbeitende, die von ausserhalb der Stadt kommen, mieten sich während dieser Tage auch schon mal ein Hotelzimmer – oder wohnen bei Verwandten und Freunden. Arbeitgeber haben Verständnis für Verspätungen. Die Leute nehmen die Situation gelassen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Einige beklagen sich, aber diese Lamenti gehören dazu.

Was zeigt sich für ein Bild bei einem Stadtrundgang durch Marseille?
Es herrscht eine Stimmung zwischen Volksfest und Hysterie. Viele Schulen haben geschlossen und die jungen Leute gehen auf die Strasse und protestieren gegen die Reform. Rund 70 Prozent der Bevölkerung steht hinter den Gewerkschaften. Vor etlichen Tankstellen stauten sich heute Morgen die Autos, weil die Leute Angst haben, dass das Benzin in den nächsten Tagen ausgehen könnte. Immerhin werden viele Raffinerien bestreikt.

Werden die Proteste etwas bewirken?
Vergangene Streiks haben in Frankreich immer wieder zum Erfolg geführt. Bisher hat die Regierung zwar noch nicht reagiert, doch der Druck steigt. Als Beispiel: Durch jedes einzelne Handelsschiff, das im Hafen von Marseille strandet, gehen Zehntausende von Euro verloren.

Stehen die Gewerkschaften geschlossen hinter dem Streik?
Es gibt eine kleinere Gewerkschaft, die sich dem Streik in der Pariser Metro widersetzt. Ansonsten schliessen sich alle den Protesten an. Das heisst nun aber nicht, dass überhaupt keine Busse und Züge mehr verkehren. Es gibt auch Angestellte im öffentlichen Verkehr, die ihre Arbeit trotz dem Druck aus den Gewerkschaften nicht niederlegen.

Was ist der Grund dafür?
Die Streikenden verlieren jeden Tag, an dem sie nicht arbeiten, einen Tageslohn. Nicht alle können sich das leisten. Wenn Arbeitende vier bis fünf Tage am Stück streiken, wissen sie nicht, ob sie am Ende des Monats über die Runden kommen.

Wie lange werden die Streiks in Frankreich noch anhalten?
Das ist schwer einschätzbar. Sie könnten morgen schon beendet sein, oder Ende Woche, vielleicht sogar erst nächste Woche. Die Gewerkschaften entscheiden für jeden Tag neu, ob die Streiks weitergeführt werden.

Erstellt: 12.10.2010, 12:34 Uhr

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