Kommentar

Es ist unsere Schande

Es sind unsere Toten. Entsetzen und Empörung über die Tragödie sind scheinheilig. Lampedusa ist mehr als eine Insel. Es ist das Symbol einer Politik, für die in Europa ein breiter Konsens besteht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wir wollen die Migranten und Flüchtlinge nicht, die aus südlicheren Teilen Afrikas in Europa Arbeit, ein besseres Leben oder Schutz vor Verfolgung suchen. Wir werden auch die 2 Millionen Menschen nicht bei uns haben wollen, die in Syrien auf der Flucht sind und jede Chance nutzen werden, um nach Europa zu gelangen. Und in den Konflikt eingreifen vor unserer Haustür wollen wir schon gar nicht. Aber wegschauen hilft nicht. Lampedusa ist dort, wo die Erste und die Dritte Welt aufeinanderstossen. Je nach Witterung kommen fast täglich Boote. Oft haben die Insassen Glück und schaffen es lebend ans rettende Ufer. Nicht selten gehen sie mit ihrem Kahn unter. Jedes Jahr sind es Hunderte, die tot angespült und in Leichensäcke verpackt werden, ohne dass immer Fernsehkameras dabei sind.

Papst Franziskus spricht von einer Schande. Es ist Europas Schande, unsere Schande. Dass es gegen das Drama am Wohlstandsgraben keine einfachen Rezepte gibt, ist ein Allgemeinplatz. Bis zum arabischen Frühling haben Diktatoren à la Ghadhafi Europa weitgehend die Arbeit abgenommen, die Migranten zurückzuhalten, gegen Entgelt natürlich.

Festung Europa

Danach haben wir aber alles unternommen, um die Lage zu verschärfen. Je stärker Europa zur Festung ausgebaut wird, desto höher wird der Preis, desto riskanter wird die Überfahrt und desto mehr Tote werden zu beklagen sein. Mehr Radare und Satelliten mögen helfen, Leben zu retten. Aber auch jetzt ist vor allem die Rede davon, weiter aufzurüsten.

Dabei gäbe es Wege, etwas Druck von der Aussengrenze zu nehmen. Europa müsste endlich die Möglichkeiten zur legalen Einwanderung verbessern, etwa im Rahmen von Migrationspartnerschaften mit afrikanischen Staaten. Es geht auch nicht länger, dass Länder ohne Aussengrenzen wie Deutschland oder die Schweiz es den exponierten Italienern, Spaniern oder Griechen überlassen, den Flüchtlingstreck zu bewältigen. Etwas mehr Solidarität würde das Entsetzen über das tägliche Drama am Wohlstandsgraben glaubwürdiger erscheinen lassen.

Anmerkung der Redaktion: Die Kommentarsektion wurde kurzzeitig deaktiviert, weil überwiegend rassistische und ehrverletzende Kommentare abgegeben wurden. Wir machen die Leser auf die Regeln aufmerksam: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt ganz allgemein, aber insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Die Kommentarsektion ist wieder online. Weitere Kommentare werden allerdings nicht mehr publiziert. Der Artikel ist inzwischen auf der Facebook-Seite und kann dort kommentiert werden.

Erstellt: 03.10.2013, 23:38 Uhr

Umfrage

Was muss gegen Flüchtlingsdramen im Mittelmeer getan werden?






Artikel zum Thema

Italien trauert um mehr als 300 Todesopfer

Bei der Havarie eines Schiffes mit rund 500 Flüchtlingen an Bord sind vor Lampedusa wohl mindestens 300 Menschen ertrunken. Für heute hatte Italien einen Tag der Staatstrauer ausgerufen. Mehr...

Papst-Predigt vor Flüchtlingen

Mit seinem Besuch auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa setzt der Papst ein Zeichen. Vor 15'000 Menschen hielt er eine Predigt, unter ihnen viele Migranten. Mehr...

«Ihre Leichen wurden ins Meer geworfen»

Offenbar sind hundert Flüchtlinge bei der Überfahrt auf Lampedusa verdurstet. Dies berichten Überlebende. Das Flüchtlingsdrama könnte diplomatische Folgen haben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Zucker reduzieren und geniessen

Früher heiss begehrt, später vom Light-Trend verstossen, heute wieder bewusst verzehrt – das Image von Zucker hat sich in den vergangenen 100 Jahren immer wieder drastisch verändert.

Kommentare

Paid Post

Zucker reduzieren und geniessen

Früher heiss begehrt, später vom Light-Trend verstossen, heute wieder bewusst verzehrt – das Image von Zucker hat sich in den vergangenen 100 Jahren immer wieder drastisch verändert.

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...