Interview

«Es läuft nicht gut für Uli Hoeness»

Uli Hoeness hat deutlich mehr Steuern hinterzogen als bisher bekannt. Vor Gericht habe Hoeness das Bild eines Zockers vermittelt, der keinen Überblick über seine Geschäfte hatte, sagt Korrespondent David Nauer.

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In München läuft der Prozess gegen Uli Hoeness wegen Steuerhinterziehung. Welchen Eindruck hat er beim Prozessauftakt hinterlassen?
Als Hoeness den Gerichtssaal betrat, versuchte er, locker zu wirken. Er plauderte mit seinen Anwälten und rang sich ein Lächeln ab. Er war aber sehr angespannt, er hatte einen roten Kopf, und er hielt sich am Stuhl fest. Dann las Hoeness ab Blatt in ruhiger Stimme eine Erklärung vor. Er gab zu, dass er Steuern hinterzogen habe. Er sagte, dass er sein Fehlverhalten zutiefst bedauere. Er werde alle Steuerschulden nachzahlen, beteuerte Hoeness. Er sei froh, dass er nun reinen Tisch machen könne. Praktisch nebenbei wurde bekannt, dass Hoeness zusätzliche 15 Millionen Euro an Steuern hinterzogen hat. In der Anklageschrift ist lediglich von 3,5 Millionen die Rede.

Wie sind diese 15 Millionen Euro aufgetaucht?
Die Bank Vontobel, bei der Hoeness sein Zocker-Konto hatte, hat rund ein Jahr lang Dokumente zu den Spekulationsgeschäften des FC-Bayern-Präsidenten zusammengestellt. Erst wenige Tage vor Prozessbeginn übergaben Hoeness' Anwälte etwa 70'000 Seiten an Dokumenten den Strafverfolgungsbehörden. Bei der Befragung durch den Richter machte er keinen guten Eindruck. Für einen Mann, der jahrelang mit Unsummen spekulierte, wirkte Hoeness reichlich naiv.

Inwiefern?
Es entstand der Eindruck, dass Hoeness keinen rechten Überblick über seine Börsengeschäfte hatte. Er scheint nicht immer genau gewusst zu haben, welche Geschäfte seine Bank in der Schweiz tätigte. Hoeness hatte angeblich nie Bankdokumente zu Hause, er wusste nicht genau Bescheid über seinen Kontostand, er vertraute offenbar blind seinem Bankberater. Bei einem einzelnen Geschäft, aus dem ein Verlust von 18 Millionen Euro resultierte, konnte Hoeness nicht genau erklären, worum es sich handelte. Mit dem Zocken begann Hoeness Anfang der Nullerjahre. Von 2002 bis 2004 erzielte er riesige Gewinne, einmal 50 Millionen in einem Jahr, dann 78 Millionen. Ab 2005 machte er jährliche Verluste von 28, 38 und 58 Millionen.

Eine zentrale Frage des Prozesses ist, ob die Selbstanzeige von Hoeness ganz oder zumindest teilweise anerkannt wird. Wie wollen Hoeness' Anwälte in diesem Punkt das Gericht überzeugen, nachdem der Angeklagte deutlich mehr Steuern hinterzogen hat als bisher bekannt?
Die Verteidigungsstrategie besteht darin, dass nur schon die Einreichung der Selbstanzeige positiv gewertet werden müsse. Zudem müsse berücksichtigt werden, dass es bei Zehntausenden Transaktionen, die Hoeness ausführen liess, einige Zeit brauchte, bis alle Dokumente der Bank zusammengestellt werden konnten. Trotzdem erscheint es sehr fraglich, dass das Gericht die ursprüngliche Selbstanzeige von Hoeness als vollständig betrachten und als strafbefreiend beurteilen wird. Als Hoeness seine Selbstanzeige einreichte, fehlten offenkundig relevante Dokumente.

Wie hat Hoeness seine Selbstanzeige begründet? Und warum hat er diese Anfang 2013 eingereicht?
Hoeness sagte, dass er auf das Steuerabkommen zwischen Deutschland und der Schweiz gehofft habe. Nach dem Scheitern des Abkommens Ende 2012 habe er sich entschieden, mit einer Selbstanzeige reinen Tisch zu machen. Hoeness sagte, dass die Nachfrage eines «Stern»-Journalisten bei der Bank Vontobel, von der er anschliessend erfahren habe, keine grosse Rolle gespielt habe. In diesem Punkt widersprach Hoeness seinem Verteidiger. Dabei hatte Hoeness die Selbstanzeige zwei Tage nach dem Anruf des Journalisten bei der Bank erstattet. Hoeness hinterliess ein weiteres Mal keinen guten Eindruck. Es läuft nicht gut für Hoeness.

Erstellt: 10.03.2014, 14:49 Uhr

David Nauer ist Deutschland-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er verfolgt den Hoeness-Prozess am Landgericht München.

In Bedrängnis: Uli Hoeness am ersten Prozesstag. (Video: Reuters )

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