Flüchtlinge als politische Geiseln

Menschen als Geiseln zu nehmen, ist ein schweres Verbrechen. Doch genau dies tut die ungarische Regierung.

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Was in den vergangenen Tagen im Budapester Ostbahnhof und was am Donnerstag im Bahnhof Bicske passierte, hat nichts mehr mit der Über­forderung staatlicher Organe und mit der fehlenden gemeinsamen Flüchtlingspolitik Europas zu tun. Es ist der eiskalte Versuch, die Europäische Union zu erpressen – mit Männern, Frauen und Kindern aus Syrien, Afghanistan, Pakistan.

Dass ausgerechnet an jenem Tag, an dem der ungarische Regierungschef Viktor Orban in Brüssel verhandelte, die Polizei sich plötzlich vom Buda­pester Ostbahnhof völlig zurückzieht und damit das Chaos zulässt, kann wohl kaum ein Zufall sein. Es muss der Polizei auch bewusst gewesen sein, dass das Gedränge auf den Perrons und an den Waggon­türen lebensbedrohlich werden kann. Hier wurde aus politischem Kalkül das Leben der Flüchtlinge aufs Spiel gesetzt.

Elementare Hilfe verweigert

Natürlich: Ungarn hat die Pflicht, die Aussengrenze der Europäischen Union zu schützen, und Ungarn hat das Recht, auf die Einhaltung des Dublin-Abkommens zu pochen. Ungarn kann auch von ­Brüssel mehr Geld fordern. Aber all das darf eine ­Regierung, die Sicherheitskräfte und das Bahn­personal nicht daran hindern, Kriegsflüchtlinge mit ­einem Minimum an Würde zu behandeln, sie mit ausreichend Wasser und Essen zu versorgen, Toiletten aufzustellen und eine medizinische Grundversorgung bereitzustellen.

Das ist keine Frage des Geldes, das kann keine Frage der Organisation sein. Wer elementare Hilfe verweigert und stattdessen Flüchtlinge politisch missbraucht, wer ihnen verspricht, sie könnten ausreisen, und sie in einen Zug lockt, nur um sie dann in ein Übergangslager zu bringen, wer den Zug mit Kindern stundenlang in brütender Hitze stehen lässt, wer jede Information verweigert und stattdessen bei den eigenen Wählern gegen Menschen in Not auch noch hetzt und sie als Bedrohung der eigenen Kultur diffamiert, der handelt nicht wie ein Christ und nicht wie ein Mensch. Der handelt wie ein Zyniker.

Erstellt: 03.09.2015, 20:09 Uhr

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