140'000 Passagiere von Drohnen-Chaos betroffen

Der Gatwick-Flughafen in London ist wieder offen. Die Polizei hat eine Frau und einen Mann festgenommen.

Tausend Flüge waren vom Drohnen-Vorfall betroffen: Wartende Passagiere in London Gatwick. (Bild: Jack Taylor, Getty Images) (21. Dezember 2018)

Tausend Flüge waren vom Drohnen-Vorfall betroffen: Wartende Passagiere in London Gatwick. (Bild: Jack Taylor, Getty Images) (21. Dezember 2018)

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Wegen der umherfliegenden Drohnen am Londoner Flughafen Gatwick sind seit Mittwochnacht etwa 1000 Flüge ausgefallen oder umgeleitet worden. Das bestätigte ein Flughafensprecher am Samstag. Betroffen von dem schweren Vorfall kurz vor Weihnachten waren demnach etwa 140'000 Passagiere.

Im Laufe des Samstags sollte Europas achtgrösster Airport wieder zum Normalbetrieb zurückkehren. «Die Passagiere müssen aber immer noch mit Verspätungen und Flugausfällen rechnen», sagte ein Sprecher. Geplant seien am Samstag 757 Flüge mit mehr als 124'000 Passagieren. Viele Reisende waren auf dem Weg in die Weihnachtsferien am zweitgrössten Flughafen Grossbritanniens gestrandet. In den vergangenen Tagen waren rund 40 Mal Drohnen über dem Airport gesichtet worden.

Die Ermittlungen der Behörden wegen «krimineller Nutzung von Drohnen» führten zu zwei Festnahmen am Freitagabend kurz nach 22 Uhr Ortszeit, wie die zuständige Polizei in der Grafschaft Sussex mitteilte. Es handle sich um einen Mann und eine Frau, die «in der Gegend von Gatwick» gefasst worden seien, berichtete die britische Nachrichtenagentur Press Association unter Berufung auf die Polizei. Nähere Informationen zum Ablauf des Einsatzes gab es zunächst nicht.

«Alle Pisten der Ermittlung werden weiter verfolgt, bis wir sicher sind, dass wir weitere Bedrohungen für die Sicherheit der Passagiere entschärft haben», hiess es in der Polizei-Mitteilung. Man bemühe sich nach wie vor darum, etwaige weitere Drohnen über dem Flughafengelände zu orten und unschädlich zu machen. Augenzeugen und andere Hinweisgeber sollten sich direkt an die Polizei wenden.

150'000 Passagiere betroffen

Nachdem im Londoner Flughafen Gatwick am Freitagmorgen der Flugbetrieb nach 36-stündigem Stillstand wieder hatte aufgenommen werden können, wurde am Abend erneut eine Drohne gesichtet. Wieder wurde das Flugfeld gesperrt – doch diesmal nur für etwas mehr als eine Stunde.

Es habe tatsächlich eine bestätigte Drohnensichtung gegeben, sagte eine Flughafensprecherin. Doch die Abwehrmassnahmen des Militärs seien ausreichend, um die Sicherheit zur gewährleisten. Wer hinter der gezielten Störaktion steckt, war weiter unklar.

Insgesamt rund 150'000 Passagiere waren von den Flugausfällen und Umleitungen seit Mittwochabend betroffen. Am Donnerstag war der zweitgrösste Airport in Grossbritannien fast den ganzen Tag komplett stillgelegt gewesen. Dutzende Male waren Drohnen gesichtet worden.

Das Militär hatten Technik am Flughafen installiert, mit der die Sicherheit gewährleistet werden sollte und die Drohnen abgewehrt werden können. Nach der erneuten Drohnensichtung am Freitag wurden laut Polizei «erhebliche Kräfte mobilisiert», um die Drohne und denjenigen, der sie lenkt, ausfindig zu machen. Bislang jedoch ohne Erfolg.

«Hochkriminelles Verhalten»

Die Ermittler haben bereits Personen im Visier, die zu den Vorfällen befragt werden sollen. Ob damit Verdächtige oder nur mögliche Zeugen gemeint sind, war zunächst unklar. Bei den Störaktionen handle es sich um «hochkriminelles Verhalten», sagte ein Polizeisprecher der BBC am Freitag. Von einem terroristischen Hintergrund gehen die Behörden bislang nicht aus. Es gebe auch keine Hinweise darauf, dass ein Staat hinter den Drohnenflügen stecke, so der Sprecher.

Von Mittwochabend bis Freitagfrüh war in Gatwick – abgesehen von einer dreiviertelstündigen Unterbrechung – kein einziges Flugzeug mehr gelandet oder gestartet. Ankommende Maschinen mussten umgeleitet werden und teils hunderte Kilometer entfernte Airports wie Amsterdam und Paris ansteuern. Die Einsatzkräfte konnten die Störmanöver trotz eines grossen Polizeieinsatzes mit Helikopter, Scharfschützen und Spezialgerät der Armee zunächst nicht unterbinden.

Der Abschuss der Drohnen war lediglich als «taktische Option» in Erwägung gezogen worden. Die Gefahr durch fehlgeleitete Geschosse sei zu gross, sagte der britische Verkehrsminister Chris Grayling in einem BBC-Interview. «Man kann nicht einfach aufs Geratewohl Waffen in einem bebauten Gebiet um den Flughafen abfeuern. Das hätte Konsequenzen, wenn es schief ginge», so Grayling.

Polizei und Militär hatten Technik am Flughafen installiert, mit der die Sicherheit gewährleistet werden sollte und die Drohnen abgewehrt werden können. Eine Ortung der Drohnen-Fernsteuerung etwa ist jedoch nur möglich, solange das Fluggerät in der Luft und somit die Funkverbindung aktiv ist. Die Täterschaft scheint sich dessen bewusst gewesen zu sein. «Jedes Mal, wenn wir glauben, dass wir dem Piloten nahekommen, verschwindet die Drohne», hatte der für den Flughafen zuständige Polizeikommandant, Justin Burtenshaw, am Donnerstag erklärt. «Wenn wir versuchen, den Flugplatz wieder zu öffnen, taucht die Drohne wieder auf», so Burtenshaw zur BBC. Die Drohnen einer neueren Generation seien grösser und hätten mehr Reichweite, was es der Polizei die Ortung erheblich erschwere.

«Wir arbeiten mit Material der Überwachungskameras und versuchen, die Marke und das Modell zu eruieren», hatte Chefkommissar Jason Tingley von der zuständigen Polizei Sussex dem «Guardian» gesagt. «Unsere Arbeitshypothese ist, dass sie grösser ist als das, was jemand online kaufen könnte. Wir denken, dass sie angepasst und weiterentwickelt wurde.» Das Fluggerät wurde vonseiten verschiedener Behörden als «substanziell», «kommerziell» und «industriell» beschrieben.

Die Polizei geht bislang nicht von einem terroristischen Motiv aus. Bereits am Donnerstag hatten britische Medien berichtet, dass einige Ermittler der These nachgingen, dass es sich bei den Tätern um Umweltaktivisten handeln könnte.

Störsender, Netzsysteme, Adler

Neben herkömmlichen Schusswaffen gibt es auch zur Drohnenabwehr spezialisierte Systeme. In der Schweiz werden am WEF zum Beispiel Zielstörsender eingesetzt. Sie blockieren die Signale zwischen dem Fluggerät und der Fernbedienung des Benutzers, der die Drohne daraufhin nicht mehr steuern kann. Gemäss Herstellerangaben soll das in der Schweiz eingesetzte Modell auf über 300 Meter Entfernung funktionieren.

Drohne im Visier: Ein Mitglied der WEF-Sicherheitskräfte testet eines der mysteriösen Geräte. (18. Januar 2017) Bild: Simon Dawson/Bloomberg

Die Drohne ist durch den Störsender nicht mehr in der Lage, ihre Aufnahmen beziehungsweise Livebilder zu übertragen. Sie fällt aber nicht einfach auf den Boden, sondern wird von der Anti-Drohnen-Waffe an Ort und Stelle gehalten, damit sie entweder abgeschossen oder kontrolliert eingefangen und zu Boden gebracht werden kann.

Die Churer Firma Droptec hat eine Netzpistole gegen Drohnen entwickelt: Eine Demonstration. (Februar 2018) Video: SDA

Dieser Abschuss muss nicht unbedingt mit einer Schusswaffe erfolgen. Die Churer Firma Droptec hat zum Beispiel eine Netzpistole mit einer Reichweite von bis zu 50 Metern entwickelt. Das britische Unternehmen Openworks bietet eine Netz-Bazooka an, die eine Drohne gemäss Angaben des Herstellers auf über 100 Meter Entfernung vom Himmel holen kann. Und die technische Universität Michigan hat eine Jägerdrohne entwickelt, die Netze schiessen und andere Drohnen so einfangen kann.

Vor knapp zwei Jahren machte ein Ansatz aus den Niederlanden Schlagzeilen: Die Polizei hatte Adler trainiert, um Drohnen anzugreifen und sie mit ihren Krallen vom Himmel zu reissen. Der Versuch wurde allerdings aufgegeben, wie der öffentlich-rechtliche Sender NOS berichtete ein Jahr später berichtete: Die Verletzungsgefahr der Vögel war zu hoch, ihr Training zu teuer und die Tiere letztlich zu unzuverlässig.

Niederländische Polizei trainierte Adler Drohnen zu fangen. (Februar 2016) Video: Storyful/Guard from Above

(mch/hvw/fal/sda/afp)

Erstellt: 22.12.2018, 04:49 Uhr

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