Frankreich sagt Oui zur Homo-Ehe

Wie kaum ein anderes politisches Vorhaben zuvor entzweite die Heiratserlaubnis für Homosexuelle ganz Frankreich. Kurz vor der Abstimmung kam es in der Nationalversammlung nochmals zu wüsten Szenen.

Die Ehe für alle ist da: Plakat eines Demonstranten in Lyon. (Archivfoto)

Die Ehe für alle ist da: Plakat eines Demonstranten in Lyon. (Archivfoto) Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Trotz des erbitterten Widerstands der konservativen Opposition und der katholischen Kirche hat Frankreich als 14. Land weltweit die Homo-Ehe eingeführt. Die französische Nationalversammlung votierte in einer abschliessenden Abstimmung mit deutlicher Mehrheit für die Homo-Ehe und ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Für das umstrittene Vorhaben stimmten 331 Abgeordnete, 225 Parlamentarier stimmten dagegen.

Entzweites Frankreich

«Unsere Unterschiede dürfen nicht zur Spaltung führen. Unsere Vielfalt nicht zu Zwietracht. Das Land braucht Befriedung, Versöhnung, Sammlung» - mit diesen Worten trat François Hollande im Mai vergangenen Jahres als französischer Präsident an.

Keine zwölf Monate später entzweit das nun endgültig beschlossene Gesetz die Nation von «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» wie kaum ein anderes politisches Vorhaben zuvor.

Für viele Schwule und Lesben ist das ein Schock. Sie müssen mit Entsetzen feststellen, wie sehr sich ein grosser Teil der Bevölkerung dagegen stemmt, dass Homosexuelle künftig heiraten und als Paare Kinder adoptieren dürfen. Vor allem Ältere fühlen sich um Jahrzehnte zurückversetzt, als offener Schwulenhass und Homophobie noch an der Tagesordnung waren.

Auch junge, gut gebildete Leute dagegen

Betroffene Jugendliche berichten bei Hilfsorganisationen wie «Le Refuge» (Die Zufluchtsstätte) verzweifelt, wie ihre eigenen Eltern sich an den Massendemonstrationen gegen die Homo-Ehe beteiligen. «Das Schlimmste ist, dass sie nicht einmal wissen, wie sehr sie mir wehtun», schreibt ein schwuler 17-Jähriger, der bislang nicht den Mut fand, sich zu outen.

Besonders belastet es Betroffene, dass zahlreiche junge und gut gebildete Leute gegen das Gesetz auf die Strasse gehen - Franzosen, die auf den ersten Blick kaum dem Bild des weltfremden Konservativen oder Erzkatholiken entsprechen.

Nach den jüngsten Umfragezahlen ist nur eine knappe Mehrheit für die Homo-Ehe. Das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare wird sogar mehrheitlich abgelehnt.

Angst vor Sittenverfall

Bei den Gegnern der Homo-Ehe spielen Gefühle ebenfalls eine grosse Rolle, doch sind dies eher Unverständnis und Wut. Der Grossteil beteuert, keineswegs homophob zu sein und sieht sich vor allem im Kampf für die Rechte von Kindern.

«Zu verhindern, dass ein Kind Vater und Mutter hat, das geht zu weit», heisst es. Zudem wird darauf verwiesen, über per Lebenspartnerschaft verbundene Paare verfügten schon jetzt über die gleichen Steuervorteile wie verheiratete.

Religiöse Kritiker sehen die Homo-Ehe als Einfallstor zu tiefgreifendem Sittenverfall. «Später werden sie Dreier- oder Viererpaare bilden wollen. Danach wird vielleicht eines Tages das Inzest-Verbot fallen», warnt der französische Kardinal Philippe Barbarin.

Die Muslime-Union UOIF geht noch weiter und fragt: «Wer wird im Namen der sakrosankten Liebe dann noch Geschlechtsverkehr mit Tieren die Legitimität (...) absprechen können?»

Hollande setzt darauf, dass das Thema nach der Verabschiedung schnell in Vergessenheit gerät - und akzeptiert wird, wie die damals ebenfalls umstrittene Abschaffung der Todesstrafe Anfang der 80er Jahre.

Weiterer Widerstand angekündigt

Doch die Gegner haben bereits angekündigt, das Verfassungsgericht einzuschalten, um die Homo-Ehe noch zu kippen. Auch zwei weitere Grossdemonstrationen sind bereits geplant.

Die seit Monaten couragiert für das Projekt kämpfende Justizministerin Christiane Taubira ist darüber nicht weniger entsetzt als viele Homosexuelle.

«Ich tue mich schwer damit zu verstehen, wie es in unserer Gesellschaft eine solche Mobilisierung gegen die Rechte von Anderen geben kann», sagte die dunkelhäutige Politikerin kurz vor der endgültigen parlamentarischen Verabschiedung des Gesetzes. Das Klima der Intoleranz sei besorgniserregend.

(kle/AFP)

Erstellt: 23.04.2013, 17:40 Uhr

Frankreich führt die Homo-Ehe ein. (23. April 2013) (Video: Reuters )

Artikel zum Thema

«Das Gesicht des Schwulenhasses»

Die Homo-Ehe ist in Frankreich beschlossene Sache. Dies, obwohl der Kampf gegen die Anerkennung der Rechte von Schwulen und Lesben mit harten Bandagen geführt wurde – bis hin zu körperlichen Angriffen. Mehr...

Frankreich führt die Homo-Ehe ein

Wochenlang hat die Frage der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften die französische Öffentlichkeit gespalten. Nun ist sie im Prinzip beschlossen. Schwule sollen bald auch Kinder adoptieren können. Mehr...

Uruguay führt die Homo-Ehe ein

In Eheverträgen in Uruguay ist künftig nicht mehr von «Mann und Frau» sondern von «Vertragsparteien» die Rede. Der Senat hat die Ehe zwischen homosexuellen Paaren gebilligt. Dies löste im ganzen Land Jubel aus. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

History Reloaded Vom Liebling Hitlers zum Verräter

Mamablog Aufklärung schützt vor sexueller Gewalt

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...