Frankreich und Mexiko streiten um Florence Cassez

Mexiko wollte dieses Jahr in Frankreich seine Kultur präsentieren. Wegen der angeblichen Kidnapperin Florence Cassez droht der Anlass nun zu scheitern.

Wurde in Mexiko zu 60 Jahren Haft verurteilt: Die mutmassliche Entführerin Florence Cassez.

Wurde in Mexiko zu 60 Jahren Haft verurteilt: Die mutmassliche Entführerin Florence Cassez. Bild: Keystone

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Zwischen Frankreich und Mexiko ist eine schwere diplomatische Krise ausgebrochen. Grund dafür ist die 36-jährige Französin Florence Cassez, die im lateinamerikanischen Land als Mitglied einer Entführerbande zu 60 Jahren Gefängnis verurteilt worden ist.

Die Ermittlungen der Polizei waren jedoch von schweren Versäumnissen und Verstössen geprägt. So wurde Cassez kurz nach ihrer Verhaftung im Dezember 2005 gezwungen, an einer Inszenierung fürs Fernsehen teilzunehmen. Dabei gaukelten die Ordnungskräfte dem Publikum vor, es würde die Befreiung von drei Entführten live miterleben. Überdies waren die Aussagen der Opfer widersprüchlich.

Trotzdem hat am Donnerstag ein Gericht die Verurteilung bestätigt, wonach Cassez’ Rekursmöglichkeiten in Mexiko ausgeschöpft sind. Während ihr Anwalt den Gang vor den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte in Costa Rica ankündigte, riefen ihre Eltern die französische Regierung dazu auf, das «mexikanische Jahr» abzusagen – ein Event, bei dem Mexiko 2011 seine Kultur und Gastronomie in Frankreich präsentieren soll.

Ausstellung gestrichen

Die französische Aussenministerin Michèle Alliot-Marie sagte, sie werde ohnehin an keinem einzigen Anlass teilnehmen. Die sozialistische Bürgermeisterin der Stadt Lille strich eine Ausstellung und bat sämtliche Amtskollegen aus ihrer Partei, sich dem Boykott anzuschliessen. Cassez hingegen sprach sich dafür aus, die Veranstaltungen durchzuführen; man solle sie nutzen, über ihren Fall zu debattieren.

Nachdem Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy am Montag die Eltern der Verurteilten empfangen hatte, verkündete er, sein Land werde am «mexikanischen Jahr» festhalten – allerdings sei es Florence Cassez gewidmet. Zudem will er den Zwist beim nächsten Treffen der G-20-Staaten aufgreifen.

Dies wiederum war der mexikanischen Regierung zu viel. Sie bekräftigte die Rechtmässigkeit des Verdikts und verbat es sich, den ursprünglich von Frankreich initiierten Kulturanlass einer verurteilten Entführerin zu widmen. Unter diesen Umständen sei es Mexiko, das verzichte.

Der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand sprach von einer «Staatsaffäre», während Präsident Sarkozy forderte, zumindest solle Florence Cassez ihre Strafe gemäss dem Strassburger Abkommen in ihrem Heimatland Frankreich absitzen dürfen. Mexiko hat dieses Begehren bereits im vergangenen Jahr zurückgewiesen.

Erstellt: 16.02.2011, 11:45 Uhr

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