Frankreichs «Mea Culpa» für ein TGV-Milliardengeschäft

Frankreichs Staatsbahnen entschuldigen sich für die Deportationen im Zweiten Weltkrieg, um in den USA an Milliardenaufträge für ihren TGV zu kommen. Wie moralisch ist das?

Lukratives Projekt: Der geplante Streckenverlauf der Hochgeschwindigkeitszüge in den USA.

Lukratives Projekt: Der geplante Streckenverlauf der Hochgeschwindigkeitszüge in den USA.

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Als Aussenstehender stellt man sich internationale Bieterwettbewerbe ja gemeinhin als hart vor, durchsetzt mit allen möglichen Versuchen und Mitteln des Lobbyierens zur mehr oder minder fairen Vorteilsnahme. Gerade wenn es um Geschäfte um viele Milliarden Dollar geht wie nun wieder in den Vereinigten Staaten. Auf Geheiss des Weissen Hauses sollen die Transportsysteme im Land in den nächsten Jahren revolutioniert und diversifiziert werden: mit einem Netz von Hochgeschwindigkeitslinien für Züge.

Barack Obama hat in seinem «historischen» und «visionären» Investitionsplan zehn «Korridore» ausgemacht, die je zwischen 160 und 1000 Kilometer lang sein werden. Noch steckt etliches in der ersten Projektphase. Obama hofft aber auf die Schaffung vieler Jobs, einen Schub für die Wirtschaft, auf eine umweltfreundlichere Transportkultur.

Mit einem Rückstand ins Rennen

Die Franzosen hoffen mit. Mit ihrem Hochgeschwindigkeitszug, dem TGV, ist die Société Nationale des Chemins de Fer Français (SNCF) eine anerkannte Pionierin auf dem Gebiet. Zusammen mit den Japanern, die in den 1960er-Jahren die ersten Kugelblitzzüge erdacht hatten. Auch Japan ist interessiert an Obamas Korridoren. Dazu Deutschland, Italien, Spanien, China – all jene Länder also, die in den letzten Jahrzehnten den schnellen Zug auf mittleren Strecken als Alternative zum Flugzeug entdeckten. Nun möchten sie ihre Expertise und ihr Material gerne exportieren.

Doch die Franzosen, die sich einiges einbilden auf ihre Avantgarde und den TGV für einen Juwel ihrer Industrie halten, gehen mit einem Rückstand ins Rennen, der wenig mit ihrem Angebot zu tun hat. Als nämlich bekannt wurde, dass die SNCF für die geplanten Strecken in Florida (Tampa–Orlando–Miami) und in Kalifornien (Sacramento–Los Angeles-San Diego) mitbieten würde, regte sich Widerstand in der Politik und in der Zivilgesellschaft.

78'000 Juden deportiert

Jüdische Vereinigungen monierten, die französischen Staatsbahnen hätten sich nie dafür entschuldigt, dass sie während des Zweiten Weltkriegs 78'000 Juden in die Konzentrationslager der Nazis deportiert hatten – in Sonderzügen mit plombierten Türen, die eigentlich für den Tiertransport bestimmt waren. Nur 2500 kehrten lebend zurück. Auch seien die Angehörigen der Opfer nie entschädigt worden. Einige demokratische Politiker forderten darauf, dass die SNCF nur zum Wettbewerb zugelassen werde, wenn sie sich in aller Form entschuldige und dabei mehr Schuld auf sich lade als bisher.

Und das tat nun Guillaume Pepy, der Präsident von SNCF – 65 Jahre nach Kriegsende. Immerhin ist allein der kalifornische Korridor 45 Milliarden Dollar wert. In einem offiziellen Statement äusserte Pepy sein «tief empfundenes Leid und Bedauern» für die Folgen, die das Handeln seiner Firma «im Auftrag» der deutschen Besatzer damals ausgelöst habe. Auf der Homepage der SNCF gibt es neuerdings Material zum besseren Verständnis der Rolle der Bahnen während des Kriegs – in Englisch. Pepy erzählte in Amerika auch, die SNCF plane am Bahnhof von Bobigny bei Paris, wo einst die Sonderzüge losfuhren, eine Gedenkstätte für die Deportierten.

Die Gewerkschaft ist verärgert

Nun fragt sich natürlich, ob die Initiativen wohl ausreichen werden, um die Gemüter in den USA zu besänftigen und die Geschäfte zu fördern. In Frankreich jedenfalls sorgen sie für eine offene Polemik über die moralische Statthaftigkeit eines historischen Bekenntnisses aus kommerziellen Überlegungen. Die Zeitung «Le Figaro» widmete dem späten «Mea Culpa» diese Woche eine ganze Seite mit dem Titel: «Die SNCF wird von ihrer Vergangenheit eingeholt.» Bis vor einigen Wochen hatte die offizielle Formel zur historischen Verantwortlichkeit der Firma noch so gelautet: «Die französischen Eisenbahner standen unter dem Joch der Besatzer, der Nazis, sie wurden mit dem Tod bedroht.»

Das war viel deutlicher. Aus französischer Sicht traf die SNCF also keine Schuld, schon gar keine kollektive. Diese Version wurde denn auch vom französischen Gewerkschaftsbund CGT verteidigt, der unter den «Cheminots» von allen Arbeitnehmervereinigungen die meisten Mitglieder hat. Bisher hiess es immer, dass von den 450 000 Mitarbeitern, die das Staatsunternehmen während des Krieges zählte, nur 467 aktiv mit den Nazis kollaboriert hätten. Und dass 8938 Eisenbahner von den Besatzern getötet worden seien. Pepys revidiertes Bekenntnis ärgert deshalb vor allem die CGT. Es wird als Bückling gewertet.

Trübes Geflecht von Interessensvertretern

Es gibt in Frankreich nun aber auch Kreise, die vermuten, dass in Wahrheit nicht hehre und historische Motive die Aversion gegen die SNCF nähren, sondern eher wirtschaftliche. Die Rede ist von Lobbys, die angeblich schmutzig spielten, um womöglich einen Rivalen der französischen Bahnen zu bevorteilen. Das sind zwar nur Gerüchte. Sie passen aber gut ins dichte und trübe Geflecht von mehr oder minder fair vertretenen Interessen, wie sie solche internationale Wettbewerbe um Milliarden nun mal kennzeichnen.

Erstellt: 27.11.2010, 13:54 Uhr

Bald auch in den USA? Ein TGV im Gare de l'Est in Paris. (Bild: Keystone )

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