Frankreichs Stehaufmännchen

Obwohl François Hollande der unbeliebteste Präsident aller Zeiten ist, will er wieder kandidieren.

François Hollande: Kritiker nennen ihn auch Wackelpudding.

François Hollande: Kritiker nennen ihn auch Wackelpudding. Bild: Reuters

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François Hollande ist ein rätselhafter Mensch: Er ist so unbeliebt wie kein Präsident vor ihm. Er wird kritisiert, man macht sich über ihn lustig, das Hollande-Bashing ist zum Nationalsport in Frankreich geworden, und bei den Präsidentschaftswahlen im Frühling rechnen ihm die Meinungsforschungsinstitute keinerlei Chancen aus. «Flanby» nennen sie ihn abfällig, Wackelpudding, aber sein zweiter Spitzname trifft es viel besser: Stehaufmännchen. Denn von all der Häme lässt sich Hollande nicht beeindrucken. Er glaubt an sich und seinen guten Stern. Baraka nennt er das, auf Arabisch ist das die Segenskraft, das Glück, das Gute im Überfluss.

Alles deutet darauf hin, dass Hollande Anfang Dezember seine Kandidatur bekannt geben wird. «Zweifel habe ich nicht», sagt Regierungssprecher und Hollande-Freund Stéphane Le Foll, «aber über den Zeitpunkt entscheidet er.» Hollande wird sicher abwarten, wer morgen Sonntag bei den Konservativen die Vorwahl gewinnt. Bis zum 15. Dezember müssen wiederum die Sozialisten ihre Kandidatur für ihre eigene Vorwahl einreichen. Sollte François Fillon gewinnen, wird sich Hollande wohl in der ersten Dezemberwoche erklären.

Fillons überraschender Sieg in der ersten Runde bestätigt Hollande in seiner Entscheidung. Fillons erzkonservatives Gesellschaftsbild und seine ultraliberale Linie in Wirtschaftsfragen machen ihn für den Sozialisten zum idealen Gegner. Vom gemässigten Alain Juppé würde er sich viel weniger abheben.

Blabla statt Bling-Bling

Noch etwas legt er für sich aus: dass man auf Wahlumfragen viele Monate im Voraus nichts geben darf. Fillon lag vor drei Monaten bei 8 Prozent, vor zehn Tagen bei 30, ging letzten Sonntag mit 44 Prozent in Führung und liegt heute bei 57. Er ist der Kandidat, der aus dem Nichts kam. Wie einst Hollande 2011.

Auch damals haben nur wenige auf ihn gesetzt. Zu ihnen gehörten die beiden Journalisten Fabrice Lhomme und Gérard Davet. Es sind die Autoren des Buches, das Hollande den Rest gegeben hat. «Ein Präsident sollte so nicht reden»: knapp 700 Seiten, beruhend auf doppelt so vielen Seiten Gesprächsprotokollen, aufgezeichnet während Hunderten Stunden bei insgesamt 61 Treffen mit dem Präsidenten. Die Franzosen, die 2012 Nicolas Sarkozy abgesetzt und nun endgültig in den politischen Vorruhestand geschickt haben, begriffen dank diesem Buch, dass sie ihren Bling-Bling-Präsidenten einfach nur durch einen Blabla-Präsidenten ersetzt haben.

Mit gutem Gewissen

Wer ein wenig Abstand nimmt, muss sich fragen: Wie konnte das passieren? Wie kann ein Präsident im Amt sich eine solche Blösse geben? Im Gespräch berichten die beiden Investigativjournalisten von «Le Monde», wie es zu dem unglaublichen Deal mit Hollande kam: bei einem Apfelkuchen. Es war noch vor den Vorwahlen der Sozialisten. Die Meinungsforschungsinstitute rechneten Hollande keinerlei Chancen aus. Davet und Lhomme setzten aber auf ihn und schlugen ihm vor, sollte er wider Erwarten Präsident werden, die ersten 100 Tage im Amt zu erzählen, ohne Verstellungen, ohne «Off», wie es im Jargon heisst, alles «on the record». Und vor allem ohne Gegenlesen. Alles, was Hollande sagen würde, konnte gegen ihn verwendet werden. Oder für ihn.

Hollande war begeistert. Es entsprach genau seiner Vorstellung einer neuen, notwendigen Transparenz. Aus den 100 Tagen wurde die Amtszeit, und Hollande war tatsächlich bis zum Schluss davon überzeugt, dass ihm dieses Buch dienen würde. «In seinen Augen sprach nichts dagegen», sagt Davet. «Tief im Innersten ist er davon überzeugt, dass er gute Arbeit geleistet hat», ergänzt Lhomme.

Ein politischer Schachspieler

Seit der Veröffentlichung Mitte Oktober wendeten sich die letzten Getreuen vom Präsidenten ab, Premier Manuel Valls kündigte seine Treue auf und kritisierte Hollande offen. Diese Woche ist eine gerichtliche Untersuchung wegen Verstoss gegen die militärische Geheimhaltungspflicht eingeleitet worden. Ein Oppositionsabgeordneter hat die Amtsenthebung beantragt. «Sollten wir dazu beitragen, dass Hollande zurücktreten muss, wäre das bedauerlich, aber auch nicht zu ändern», sagt Fabrice Lhomme trocken. Ihr Ziel war das nie.

Hollandes Äusserungen über die Justiz und die Spieler der Fussballnationalmannschaft haben dafür gesorgt, dass dieses Buch ein politisches Ereignis, ja eine Staatsaffäre geworden ist. Wer nicht nur die Rosinen rauspickt, sondern alles liest, wird die eigentliche Dimension dieses Buches ermessen: Es ist das erste und sicherlich das letzte Mal, dass einem Präsidenten bei der Ausübung der Macht über die Schulter geblickt wurde. Der Blick hinter die Kulissen zeigt Hollande als politischen Schachspieler, dem es vor allem um eins geht: Machterhaltung. «Er wollte ein normaler Präsident sein, was mit dem Posten nicht vereinbar ist. Man nennt so etwas das Peter-Prinzip: wenn jemand bis zur Stufe seiner Unfähigkeit aufsteigt», sagt Fabrice Lhomme.

Panik unter den Sozialisten

Viele Sozialisten sind davon überzeugt, dass sie mit diesem schwarzen Peter die nächsten Wahlen verlieren und den Konservativen den Kampf gegen FN-Chefin Marine Le Pen überlassen. Der sozialistische Abgeordnete Malek Boutih warnt vor einer Katastrophe für die Partei: «Wir müssen die Kandidatur von Hollande verhindern.» Seine Gegner seien inzwischen selbst in der Regierung in der Mehrheit. Auch Valls macht kein Geheimnis daraus, dass er sich bessere Chancen als Hollande ausrechnet, der unter Umständen schon an den Vorwahlen scheitern könnte.

Erstellt: 25.11.2016, 21:04 Uhr

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