Frankreichs obdachloser Twitter-Star

Dank Twitter wurde er zum bekanntesten Clochard von Paris. Christian Page weiss, in was für einer Gesellschaft die Franzosen leben.

Buchautor, Social-Media-Star, Welterklärer, Obdachloser: Christian Page auf den Strassen von Paris. Foto: Bruno Coutier (AFP)

Buchautor, Social-Media-Star, Welterklärer, Obdachloser: Christian Page auf den Strassen von Paris. Foto: Bruno Coutier (AFP)

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Christian Page weiss, wie er die Menschen daran erinnert, dass er ein Mensch ist. Er streichelt ihre Hunde. Ihrem Tier vertrauen die meisten mehr als einem Mann, der am Boden sitzt. «Na, wie geht es dir heute?» Page hat seine Bierdose beiseitegestellt und krault einem Golden Retriever den Nacken. Irgendwann fragt auch die Frau, die zum Hund gehört: «Und Christian, wie gehts?» Gut, sagt Page. Er ist jetzt 46, und es ging ihm schon mal schlechter.

Am 6. August 2018 hält Page nach dreieinhalb Jahren auf der Strasse zum ersten Mal wieder einen Wohnungsschlüssel in der Hand. Er hält sich selten lange damit auf, zu erzählen, wie ihm seine letzte Wohnung abhandenkam. Alkohol, Scheidung, Depression, Miete nicht bezahlt. Er erzählt lieber, wie er begonnen hat, sich wieder einzurichten. Er hat sogar Salz und Pfeffer gekauft, und während er es erzählt, ahmt er andächtig nach, wie er die zwei kleinen Gefässe ins Regal gestellt hat.

Als Page in seine Wohnung einzieht, fiebern Tausende mit. Christian Page ist Frankreichs obdachloser Twitter-Star, er hat mehr als 32'000 Follower. Die Streits und Debatten in seiner Twitter-Timeline zeigen, wie der Umgang mit den Ärmsten in Frankreich zur Identitätsfrage wurde.

Pages Buch und sein Twitter-Feed sind eine genaue Analyse des heutigen Frankreich.

«Es ist eine Schande, dass Franzosen wie du auf der Strasse leben müssen», schreiben ihm die Leute. In solchen Fällen schimpft Page zurück: «Den anderen soll man nicht helfen, oder was?» Und ausserdem sei er selber halber Ausländer, seine Mutter war Schweizerin. Inzwischen hat sich Page öffentlich mit beinah allen wichtigen Politikern Frankreichs angelegt. Er greift Präsident Emmanuel Macron ebenso an wie den linken Jean-Luc Mélenchon. Die rechtsradikale Marine Le Pen erträgt er ohnehin nicht. Le Pens militante Brüder im Geiste, die Identitären, schenken eine «soupe galoise» an Bedürftige aus. Eine gallische Identitätssuppe auf Schweinebasis, die Muslime nicht essen können. Etwas Warmes, mit Hass gekocht. Page nennt die Abschottungsideen der Rechten eine «Brandstiftung, die niemand mehr löschen kann».

«Wenn ich in meinem Schlafsack sitze und die Finger sind eigentlich zu kalt, um mein altes Handy zu halten, und dann erklärt mir jemand auf Twitter, dass die Ausländer schuld daran sind, dass ich arm bin», Page macht eine Pause und lächelt, «dann bleibe ich nicht höflich.»

«Bonjour la famille»

Pages Erfolg beginnt mit einem Ärgernis. Im Herbst 2016 wird er um sieben Uhr morgens von einem kalten Wasserstrahl geweckt. Ein Mitarbeiter der Stadtreinigung zielt mit seinem Gartenschlauch auf Page. Triefender Schlafsack, nasse Wechselklamotten. Page empört sich auf Twitter – und auf einmal schimpfen alle mit. Der Tweet wird hundertfach geteilt. Am nächsten Morgen meldet sich das Büro der Pariser Bürgermeisterin und lässt ihm und einem Freund neue Schlafsäcke liefern.

Twitter wird für Page das neue Hundestreicheln: seine Verbindung zum Leben der Mehrheit. Er beginnt eine Art öffentliches Tagebuch. 12. November 2017: «Eine Nachbarin hat mir eine heisse Schokolade gebracht. Die Leute sind ebenso grossartig, wie die Regierung unwürdig ist. Euch allen einen schönen Sonntag.» 7. September 2018: «Scheisse. Obwohl er seit dem Frühjahr eine Unterkunft hat. . . Jean-Jacques ist tot. Es ist zum Kotzen, und es tut weh.» 8. Oktober 2018: Page postet ein Video von einem Strassenmusiker, dazu ein Reigen bestens gelaunter Smileys.

Page beginnt viele seiner Tweets mit «Bonjour la famille» – die digitale Familie hat ihn aufgenommen und schickt ihm analoge Pakete mit neuen Schuhen, Medizin oder Kleidung. Nur wohnen kann man im Internet nicht. In seinem dritten Winter auf der Strasse meldet sich ein Verlag. Ob Page nicht ein Buch schreiben will? Page will und beginnt seine Notizen auf dem Boden, im Schlafsack. Als das Manuskript fertig ist, kommt der Bescheid vom Sozialamt, auf den Page drei Jahre lang gewartet hat: Wir haben eine Wohnung für Sie.

Eine genaue Analyse

Es ist elf Uhr, ein kalter Januarmorgen, und Page bestellt sich ein Bier in seinem Stammrestaurant La Sardine. Früher kam er nur hierher, um auf die Toilette zu gehen und um das Gäste-WLAN zu nutzen. Heute macht er hier seine Pressearbeit. Seit November ist sein Buch auf dem Markt, bald geht es in die zweite Auflage. «Belleville au cœur» heisst das Werk, weil Page dort, im Nordosten von Paris, so etwas wie eine Heimat gefunden hat.

Während Page in der «Sardine» sitzt, geht Nassim am Fenster vorbei. Sofort läuft Page nach draussen und holt den Freund an den Tisch. Page nennt Nassim «meinen Strassenbruder». Die meisten Episoden, die Page in seinem Buch beschreibt, erlebt er zusammen mit Nassim.

Wenn Nassim und Page nebeneinandersitzen, sehen sie aus, als hätten ein Studienrat und ein Rock ’n’ Roller Freundschaft geschlossen. Page geht nie ohne seinen AC/DC-Pullover aus dem Haus, Nassim trägt einen Dufflecoat, wie ein englischer Internatsschüler. Dazu Aktentasche und Lederschuhe. Nur dass in der Tasche keine Klausuren liegen, sondern eine rosafarbene Mappe, in der er seinen Kampf mit der Bürokratie sammelt. Für drei Wintermonate wurde er in einem Zimmer untergebracht.

«Ich habe mein Buch gestern in einer Buchhandlung im Soziologie-Regal gesehen», erzählt Page. «Gleich neben Bourdieu», sagt Nassim. Wirklich? «Nein» – beide lachen. Eine genaue Analyse des heutigen Frankreich ist das Buch dennoch.

Innenansichten der Realität

Es sind Innenansichten einer Realität, die in Paris ebenso präsent wie verborgen ist. Geht man frühmorgens durch die Stadt, sieht man in den Hauseingängen stille Gestalten, die ihr Nachtlager zusammenrollen. Mittags läuft man an denen vorbei, die im Vollrausch mitten auf dem Bürgersteig zusammengebrochen sind. Abends ziehen die Menschen, die auf den wärmenden Abluftschächten der U-Bahn liegen, ihre Mützen bis zur Nase runter. Als die Stadt Paris im vergangenen Winter Freiwillige auf die Strasse schickte, damit gezählt wird, wer dort alles schläft, kamen sie auf mehr als 3000 Schutzlose.

Vier Millionen Menschen leben in Frankreich in unwürdigen Verhältnissen. Sie können nicht heizen, sind bei Verwandten untergeschlüpft oder haben einen Dreimonatsvertrag für ein Hotelzimmer. Die Nächte auf der Parkbank sind der Endpunkt eines langen Abstiegs. Die Zahl der Obdachlosen hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Die Mietpreise sind explodiert. Gleichzeitig sind die staatlichen Ausgaben für die soziale Wohnungspolitik gesunken.

«Das Leben ist voller Überraschungen»

Die Bewegung der «gilets jaunes» hat dazu geführt, dass wieder grundsätzlich darüber gestritten wird, wie viel noch dran ist an den grossen Versprechen der Republik: égalité, fraternité. Gleichheit und Brüderlichkeit. Zwischen den Forderungen nach niedrigeren Benzinpreisen und dem Hass auf Macron, der für viele den reichen, gnadenlosen Streber verkörpert, taucht immer wieder das Schreckgespenst Obdachlosigkeit auf.

Als Page und Nassim noch auf der Strasse lebten, hielten sie sich jeden Tag an dieselbe Routine. Als sie nun die alten Orte ablaufen, an denen sie früher ihre Pappkartons ausgelegt haben, sagt Nassim: «Manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe in einem Albtraum. Wir sind mitten in Paris, und wir stecken im Dreck fest.»

In seinem Buch schildert Page, wie Nassim einmal auf dem Bürgersteig sitzt und eine Bach-Suite hört. Eine Frau bleibt stehen und sagt: «Das ist das erste Mal, dass ich einen Araber sehe, der Klassik mag.» Nassim entgegnet: «Das Leben ist voller Überraschungen. Ich erlebe gerade auch zum ersten Mal, dass sich eine Frau ihrer Qualität einem Affen wie mir nähert.»

Würde – auch auf der Strasse

Der Twitter-Star Page hat auch deshalb Erfolg, weil er so widerborstig bleibt und so unerschütterlich wirkt. Er wolle nicht öffentlich jammern, sagt Page, das hätten schon genug vor ihm getan. Stattdessen feuert er seine Follower an, damit sie Petitionen unterschreiben, an Demonstrationen teilnehmen und Obdachlosen Spenden vorbeibringen. Die Medien, die Politiker, die engagierten Bürger: Alle lieben Page, weil er nicht aufgibt. Weder sich noch seine Überzeugungen.

Man versteht, wie viel Willenskraft das kostet, wenn man Page gemeinsam mit Nassim erlebt. «Wir Obdachlosen setzen alles daran, damit wir auch auf der Strasse unsere Würde bewahren. Deshalb ist es so wichtig, sich zu waschen», sagt Page. Nassim schüttelt den Kopf. «Das stimmt doch nicht, dass alle sich waschen. Viele werden einfach wahnsinnig. Vielleicht wären wir auch schon verrückt im Kopf, wenn wir keine Wohnung gefunden hätten.»

Trinken aus Einsamkeit

Es ist ein Uhr mittags, Page und Nassim sitzen auf einer Bank gegenüber der Obdachlosenmission, in die über die Jahre ihre Post geschickt wurde und wo sie Stunden um Stunden angestanden haben. Mal für die Duschen, mal für ein Essen. «Man kann sich nicht vorstellen, wie einsam man sich fühlt, wenn man auf der Strasse liegt», sagt Nassim. «Deshalb trinke ich. Mit einer Flasche Wein bin ich weniger allein.» Page öffnet ein Dosenbier. Wein ist für ihn tabu. Er war der Anfang und das Ende seines alten Lebens.

Er hat als Sommelier in einem edlen Restaurant auf den Champs-Elysée gearbeitet. «Vielleicht zu viel gearbeitet», sagt Page. Alkoholsucht. Depression. Seine Frau verliess ihn und nahm den gemeinsamen Sohn mit. Zwölf Jahre war der Junge alt, als Page ihn das letzte Mal gesehen hat, inzwischen ist er 16.

Auch Nassim hat eine Tochter. Sie studiert. Sie gehört zu denen, die Nassim «die Normalen» nennt. Seit 2011 lebt er auf der Strasse, bei den Normalen fühlt er sich inzwischen fremd. «Und ich bin neidisch auf die Normalen.» Aber vielleicht sind die alle gar nicht so normal, wie sie aussehen? «Das ist mir egal», sagt Nassim, «auf mich wirken sie normal, das reicht aus, damit ich Angst vor ihnen habe.»

Eine junge Frau kommt auf Page und Nassim zu. «Wollen Sie ein halbes Baguette? Es ist noch warm.» Die Frau lächelt, Page lächelt zurück. Als die Frau gegangen ist, sagt Page zu Nassim: «Siehst du, wir sind wirklich Soziologen. Wir beobachten all diese Dinge, die die Menschen so tun.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.02.2019, 08:21 Uhr

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