Franz Kafka am Bosporus

Der türkische Journalist Kadri Gürsel wurde freigelassen. Vorläufig.

Ihm drohen bis zu 43 Jahre Haft: Kadri Gürsel bei seiner vorläufigen Entlassung aus dem Gefängnis. Foto: Kurtulus Ari/Cumhuriyet via AP

Ihm drohen bis zu 43 Jahre Haft: Kadri Gürsel bei seiner vorläufigen Entlassung aus dem Gefängnis. Foto: Kurtulus Ari/Cumhuriyet via AP

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Es ist zwar eine Befreiung, fühlt sich aber eher wie ein Albtraum an. Einer, der nach dem Erwachen gar nicht mehr enden will. In der Nacht auf gestern Dienstag wurde der türkische Journalist Kadri Gürsel nach elf Monaten Haft aus der Strafvollzugsanstalt Silivri westlich von Istanbul entlassen. Er schloss seine Frau Nazire in die Arme, Kollegen von der Tageszeitung «Cumhuriyet» begrüssten ihn. Die Gerichtsbehörden hatten Gürsels Freilassung angeordnet, obwohl das Verfahren gegen ihn und 16 weitere Mitarbeiter des linksliberalen Blattes immer noch im Gang ist. Nazire Gürsel hat dafür nur Spott übrig: «Viele vergleichen diesen Prozess mit einem Theaterstück, doch das ist eine Beleidigung für das Theater.»

Der 55-jährige Kadri Gürsel ist Kolumnist von «Cumhuriyet» («Republik») – allerdings erst seit Herbst 2015. Die älteste Zeitung der Türkei wird von einer unabhängigen Stiftung herausgegeben. Sie hatte Gürsel angestellt, nachdem er vom Konkurrenzblatt «Milliyet» («Nationalität») entlassen worden war. Der Entlassungsgrund: ein Tweet. Nach einem IS-Selbstmordanschlag in Suruc an der syrischen Grenze, bei dem 34 Menschen getötet worden waren, hatte Gürsel geschrieben, es sei beschämend, «dass ausländische Politiker ausgerechnet der Person ihr Beileid aussprechen, die der Grund Nummer eins für den IS-Terror in der Türkei ist».

Gemeint war Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Dessen Lavieren gegenüber dem IS hatte in den Augen von Kritikern wie Gürsel die Türkei erst zum Terrorziel gemacht. Staatsanwälte strengten prompt ein Verfahren gegen Gürsel wegen Beleidigung des Präsidenten an. Es blieb dann bei der Entlassung. «Die minimale Strafe ist die Entlassung», sagte Gürsel damals der BBC, «die maximale ist Haft.»

Ihm drohen bis zu 43 Jahre Haft

Dazu kam es dann nach dem gescheiterten Putsch gegen Erdogan im Juli 2016. Seither häuft die Staatsanwaltschaft Aktenberge auf, die zu einer Verurteilung der 17 inhaftierten «Cumhuriyet»-Redaktoren führen sollen. Der Vorwurf: Unterstützung von terroristischen Organisationen. Als Beweise werden SMS und Telefonanrufe angeführt. Der Haken daran: Gürsel hatte einen Grossteil der Nachrichten gar nicht geöffnet.

Zur Unerforschlichkeit der türkischen Justiz gehört, dass Angeklagte willkürlich aus dem Gefängnis entlassen werden. Nach der Freilassung Gürsels sind nun noch vier in Haft. Aber der Prozess geht Ende Oktober in die nächste Runde.

In seinem Roman «Der Prozess» sagt Franz Kafkas Protagonist Josef K.: «Und der Sinn dieser grossen Organisation, meine Herren? Er besteht darin, dass unschuldige Personen verhaftet werden und gegen sie ein sinnloses und meistens, wie in meinem Fall, ergebnisloses Verfahren eingeleitet wird.»

So optimistisch ist Gürsel nicht. Für die Vergehen, die ihm und seinen Kollegen vorgeworfen werden, drohen bis zu 43 Jahre Haft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2017, 21:36 Uhr

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