Franziskus, der erste grüne Papst

Papst Franziskus verbindet die Klima- mit der Armutsfrage, lässt aber die Überbevölkerung ausser Acht.

In seinen Augen haben die Klimagipfel der Vergangenheit nichts gebracht: Papst Franziskus, hier bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz Ende April. Foto: «L'Osservatore Romano» (AP, Keystone)

In seinen Augen haben die Klimagipfel der Vergangenheit nichts gebracht: Papst Franziskus, hier bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz Ende April. Foto: «L'Osservatore Romano» (AP, Keystone)

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Papst Franziskus, bisher schwerpunktmässig mit der sozialen Frage beschäftigt, weitet diese auf das Thema Umwelt aus. Sein erstes eigenständiges Lehrschreiben ist zugleich die erste Öko-Enzyklika der römischen Kirche. Ausgerechnet sie ist am Montag geleakt worden, ein einmaliges Vorkommnis in der Geschichte päpstlicher Lehrschreiben. Der bekannte Vatikanist Sandro Magister hat einen 192-seitigen Entwurf im Magazin «L’Espresso» veröffentlicht. Prompt ist er vom vatikanischen Pressesaal ausgeschlossen worden. Dieser will die Enzyklika erst am Donnerstag vorstellen. Reform der Kurie hin oder her – Indiskretionen finden noch immer den Weg in die Öffentlichkeit.

«Laudato si», «Gelobt seist Du»: Der Titel der Enzyklika ist dem berühmten Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi entnommen. Doch die Poesie weicht schnell der Pragmatik. Denn Papst Franziskus schlägt sich auf die Seite derer, welche die globale Erderwärmung auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe zurückführen, auf menschlichen Einfluss also.

Aus dem ersten Teil der Enzyklika hört man die Stimme des päpstlichen Ratgebers Erwin Kräutler heraus, des umtriebigen österreichischen Amazonas-Bischofs: Der Mensch hat die ökologische Krise selber verursacht. Durch Abholzung der Tropenwälder, welche das Ökosystem belas­tet. Durch Monokulturen, welche die Biodiversität zerstören. Durch Privatisierung des Wassers, was die Armen um sauberes Trinkwasser bringt. Durch die «Wegwerfkultur», die die Erde zu einer «grossen Müllhalde» macht.

Warnungen aus den USA

Klimaskeptiker hören das gar nicht gern. US-Republikaner hatten den Papst vorweg gemahnt, sich nicht in naturwissenschaftliche und politische Themen einzumischen. Rechtskatholiken warfen ihm vor, er agiere im Schlepptau der UNO. Dafür scheint es eindeutige Anzeichen zu geben: So wird bei der Medienkonferenz vom Donnerstag in Rom auch Hans Joachim Schellnhuber auftreten, der Gründer des Potsdam-Instituts für Klimaforschung und Mitglied des Weltklimarats. Zudem hatte der Papst bei einer Klimatagung vom April im Vatikan Ban Ki-moon die Unterstützung der katholischen Kirche beim Klimawandel zugesichert. Besonders argwöhnisch beäugt wurde der Begleiter des UNO-Generalsekretärs: der Star­ökonom Jeffrey Sachs, der die Idee der nachhaltigen Entwicklung auch mit einer weltweiten radikalen Geburtenreduzierung angehen will.

Gerade in diesem Punkt mag Franziskus der UNO nicht folgen. Es frappiert, wie er um das ideologische Minenfeld der Überbevölkerung und der Geburtenregelung einen Bogen macht, ohne ihm ein eigenes Kapitel zu widmen. Wohl auch, weil er weiss, wie sehr die Position der Kirche die Gläubigen abschreckt.

Dennoch ist offensichtlich, dass Franziskus, der am 25. September vor den Vereinten Nationen in New York reden wird, mit der UNO im Dialog bleiben, ja ihr spiritueller Einflüsterer sein möchte. Gezielt hat er seine Enzyklika im Vorfeld des Weltklimagipfels vom Dezember in Paris lanciert. Wiederholt beruft er sich auf den Erdgipfel von 1992 in Rio. Er bemängelt aber, dass die Klimagipfel der letzten Jahre, namentlich jener vom Dezember 2014 in Lima, wegen fehlender politischer Entscheidungen keine wirksamen Resultate gebracht hätten.

Die Länder des Nordens

Gegenüber UNO und Klimaexperten argumentiert Franziskus durchaus eigenständig, von einer schöpfungstheologischen Warte aus. Der Papst der Armen mag den Klimawandel gerade nicht von der sozialen Frage trennen, sondern verknüpft ihn mit der Armutsproblematik. Er redet den Ländern des Nordens ins Gewissen, dass sie die Hauptverantwortung für den immensen Energieverbrauch tragen. Er appelliert an die internationale Politik, sich nicht der Wirtschaft unterzuordnen, und an den Menschen, sich vor Selbstzerstörung und dem modernen Anthropozentrismus zu schützen. Jedem Einzelnen rät der Papst, aus der christlichen Spiritualität, die für ihn mit Franz von Assisi verbunden ist, die Inspiration zu einem neuen Lebensstil zu schöpfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2015, 17:27 Uhr

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