Fremd im eigenen Land

Warum nur gedeiht der Hass auf Ausländer in den neuen Bundesländern im Osten Deutschlands besonders gut? Das Soziogramm einer Entfremdung.

Der Fremde wird als Rivale wahrgenommen: Polizist vor rechtsgerichteten Gegnern der Asylunterkunft im ostdeutschen Heidenau. Foto: Axel Schmidt (Reuters)

Der Fremde wird als Rivale wahrgenommen: Polizist vor rechtsgerichteten Gegnern der Asylunterkunft im ostdeutschen Heidenau. Foto: Axel Schmidt (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nein, Ausländerhass und Gewalt gegen Flüchtlinge gibt es nicht nur im Osten Deutschlands. Alleine in diesem Jahr haben schon Asylheime in Wuppertal und Lübeck, in Bayern und Baden-Württemberg, in Hessen und Rheinland-Pfalz gebrannt. Und in den 90er-Jahren kam es auch in Westdeutschland bei rechtsextremen Übergriffen zu Mord und Totschlag. Dennoch belegen alle Statistiken, dass im Osten der Republik der Hass auf Fremde besonders verbreitet ist. Obwohl in den sechs neuen Bundesländern zwischen Rostock und Chemnitz nur gut ein Sechstel der Deutschen lebt, wurden dort in den vergangenen Monaten mehr als die Hälfte der gewaltsamen Übergriffe auf Flüchtlinge oder Asyleinrichtungen begangen. Drei- bis fünfmal überhöht ist diese Zahl auch im langjährigen Mittel seit der Wende 1989.

Eine seit zwölf Jahren laufende Untersuchung von ausländerfeindlichen Einstellungen der Universität Leipzig zeigt ein ebenso klares Bild: Ausser in Bayern sind nirgends in Deutschland die fremdenfeindlichen Mentalitäten so stark verbreitet wie in der Ex-DDR. Der Befund kontrastiert auffällig mit der realen Verteilung der Ausländer. In den neuen Bundesländern leben drei- bis fünfmal weniger Ausländer als im restlichen Deutschland, wo der Anteil rund 10 Prozent beträgt. Forscher sprechen, etwas überspitzt, von einem «Ausländerhass ohne Ausländer». Die Kombination dieser Umstände führt dazu, dass für Fremde das Risiko, Opfer von rassistischen Übergriffen zu werden, bis zu 25-mal höher ist, wenn sie im Osten Deutschlands leben statt im Westen.

Wie ist der Hass im Osten zu erklären? Studien und Gespräche mit Sozialforschern ergeben das Bild einer Gesellschaft, die zutiefst verunsichert ist. Obwohl sie kaum mit Fremden zu tun haben, fühlen sich viele Ostdeutsche als «Fremde im eigenen Land», wie es der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» formulierte. Empfindungen der Ohnmacht sind weit verbreitet, das Gefühl, zurückgesetzt, vernachlässigt, deklassiert zu sein. Der Fremdenhass projiziert dieses Gefühl auf einen Sündenbock, dem man die Schuld für die empfundene Entfremdung aufladen kann. Die verbale oder tatsächliche Gewalt gegen ihn kompensiert die empfundene Ohnmacht.

Passive Untertanenmentalität

Das ostdeutsche Fremdheitsgefühl hat vielfältige historische, kulturelle, soziologische, politische und demografische Hintergründe. Die meisten Menschen in den ostdeutschen Ländern sind in der DDR in einem autoritären Regime aufgewachsen, in dem ein aussergewöhnlich grosser Konformitätsdruck herrschte. «Die Deutsche Demokratische Republik war ein durchorganisiertes deutsches Blockwart-System, in dem Fremdes keinen Platz hatte», schreibt die ehemalige Bürgerrechtlerin Freya Klier. «Das Unbehagen galt jedem Abweichen von der Norm, grellen Haarfarben von Punkern ebenso wie Ausländern, Körperbehinderten oder auch nur Menschen mit einem ungewöhnlichen Hut.»

Die konsequent auf Anpassung statt Individualität gerichtete autoritäre Erziehung der DDR habe autoritäre Charaktere geformt und eine passive Untertanenmentalität gefördert, stellen Kriminologen wie Christian Pfeiffer und Psychoanalytiker wie der Leipziger Jochen Schade fest. Der Kommunismus mit seinem Credo des «Wir sind alle gleich» habe die Ausprägung von eigenständigen Persönlichkeiten weitgehend verhindert, sagt Schade. Das räche sich im individualistischen Westen. Die Ungleichheiten der globalisierten Welt seien für Ostdeutsche viel schwerer erträglich als für Westdeutsche. Und gibt es Ungleicheres als die Fremden?

Symptomatischerweise lebten in der DDR fast keine Ausländer. Als Ost-Berlin Ende der 70er-Jahre gezwungen war, Gastarbeiter zu importieren, zog die SED-Führung ein extrem xenophobes Regime auf. Hunderttausende von Vietnamesen («Fidschis») und Moçambiquer («Mozis») kamen, wurden aber gleich kaserniert. Dass sie Deutsch lernten, war nicht erwünscht, auch die deutschen Gaststätten waren ihnen verwehrt. Nach drei Jahren mussten sie die DDR zwingend wieder verlassen. «Vor allem aber standen ihre Frauen unter Abtreibungszwang», so die ehemalige Bürgerrechtlerin Klier. «Gibt es ein rechtsradikaleres Programm?»

«Vor allem aber standen ihre Frauen unter Abtreibungszwang»

Nach der plötzlichen Wende 1989 und dem schnellen Beitritt zur Bundesrepublik wachten die DDR-Menschen sozusagen über Nacht in einem neuen Staat auf. Die inneren Erschütterungen waren gewaltig. Zur realen Verunsicherung, wie man inmitten der komplett zusammengebrochenen DDR-Wirtschaft künftig sein Leben bestreiten könne, trat die Irritation über das neue politische System. Die Demokratie wurde zwar neugierig beäugt, aber im Grunde fremdelten viele mit ihr. Demokratisches und überhaupt zivilgesellschaftliches Engagement, Meinungsstreit und politische Teilhabe hatten es im Osten von Beginn an schwer, auch weil jeder so sehr mit sich selber beschäftigt war. Zudem half es sicher nicht, dass in der DDR, die sich grundlegend als anti-faschistischer Staat verstanden hatte, die nationalsozialistische Vergangenheit nie richtig aufgearbeitet worden war.

25 Jahre danach hat sich die Lage laut den meisten Beobachtern nicht verbessert, sondern eher verschlechtert. Viele Ostdeutsche haben das Gefühl, ihr Lebenslauf sei im Vergleich zu westdeutschen Biografien «entwertet». Die Arbeitslosenzahlen liegen höher, die Löhne deutlich tiefer, Millionen von Menschen, vor allem Gutausgebildete, Junge und Frauen, haben im vergangenen Jahrzehnt den Osten verlassen. Die ländlichen Gebiete entvölkern sich rasant. Wenn Läden, Kindergärten, Arztpraxen zumachen, greift die bange Frage um sich: «Und was wird aus uns?»

In dieser gefühlten «Fremdheit im eigenen Land» wird der tatsächliche Fremde leicht als Rivale wahrgenommen, als Futterkonkurrent, dem man nicht einmal das Feldbett in der Turnhalle gönnt. Und vom privilegierten «Besserwessi», der den Flüchtling gutmenschelnd begleitet, will man sich schon gar nicht vorschreiben lassen, was «Willkommenskultur» heisst.

Die Aufmärsche der selbst ernannten «Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes» (Pegida) wirkten in den letzten Monaten wie ein Brandbeschleuniger, umso mehr, als gleichzeitig die Flüchtlingszahlen sprunghaft stiegen. «Pegida hat im öffentlichen Raum zu einer Enthemmung geführt», sagt der Dresdener Politologe Hans Vorländer, der die erste wissenschaftliche Studie über die Bewegung vorlegte. «Der Weg von der diskursiven zur physischen Enthemmung war nicht weit. Nun wird Gewalt ausgeübt.» Die Täter kämen allerdings weniger aus der Pegida-Bewegung selbst, sondern aus den kleinen, sehr gut organisierten und vernetzten Neonazi-Gruppen im Umfeld der Nationaldemokratischen Partei (NPD). «Die sagen: ‹Es reicht nicht, wenn man sich auf solchen Kundgebungen schwindelig läuft, man muss endlich etwas tun.›» Sie könnten immer öfter auf das Wohlwollen eines Teils der Bevölkerung zählen, der selber nicht zu Gewalt neigt, aber gerne zusieht, wenn andere zuschlagen.

Viele Pegida-Demonstranten seien über die Entwicklung der letzten Monate wütend, hat Vorländers Dresdener Kollege Werner J. Patzelt festgestellt. Für ihre Kritik an der Zuwanderung seien sie in der westdeutsch geprägten Öffentlichkeit pauschal als «hirnverbrannte Idioten» und «Rechtsextreme» hingestellt worden. «Was ist das für eine Demokratie, in der Dissens bei gewissen Themen tabu ist?», zitiert Patzelt Pegida-Leute. «Was ist das für eine Demokratie, in der wir nicht gefragt werden, ob wir diese Zuwanderung eigentlich wollen?»

«Was ist das für eine Demokratie, in der Dissens bei gewissen Themen tabu ist?»

Fremd im eigenen Land fühlten sich viele Ostdeutsche auch, weil sie das Gefühl hätten, von der Politik nicht mehr gehört zu werden, schreibt Hartmut Rosa, der Soziologe aus Jena. Die Resonanzachse zwischen der etablierten Politik und weiten Teilen der Bevölkerung sei gebrochen. Daher rühre im Kern das «politische Unbehagen», für das die Fremden «nur eine willkommene Projektionsfläche» bildeten.

Die aufgestaute Wut der selbst ernannten «besorgten Bürger» verwandeln Neonazis eifrig in Wurfgeschosse und Brandsätze. «Diese Gruppen gewaltbereiter junger Männer gibt es schon lange», sagt Vorländer. Sie hätten sich in den vergangenen Jahren an den Rändern der grösseren Städte im Osten festgesetzt. Weil es in Ostdeutschland an Vereinen weitgehend fehlt, organisierten sich viele Jugendliche «männerbündisch in richtigen Schmäh- und Schlaggemeinschaften». Menschen, die sich alleine ohnmächtig fühlten, wähnten sich in der Gruppe urplötzlich stark. Nun hätten sie das Gefühl, ihre Zeit sei gekommen. Zusammen mit ihren Unterstützern bilden sie das, was der Berliner Soziologe Heinz Bude «Hass-Kollektive» nennt. «Wut kollektiviert», sagt Bude und imitiert die entsprechende Rhetorik: «Jetzt sind wir die Abgeschlagenen, aber irgendwann gibt die Geschichte uns recht, und wir werden den anderen auf Augenhöhe begegnen.»

Der Graben wächst

«Da entwickelt sich eine radikale Parallelgesellschaft», warnte Andreas Zick, Extremismusforscher aus Bielefeld, schon vor Monaten im «Spiegel». Beunruhigend sei vor allem, dass etliche bisher getrennte Gruppen nun gemeinsam marschierten und daran seien, «eine gemeinsame national-chauvinistische Identität» zu schaffen. «Die rufen zwar ‹Wir sind das Volk› – sie könnten aber auch rufen: ‹Wir sind die Völkischen.›» Auch Patzelt, der Politikwissenschaftler aus Dresden, ist pessimistisch, wenn man ihn fragt, wohin diese Entwicklung noch führt. Vor allem beunruhigt ihn, dass der Graben zwischen den «Besorgten» im Osten und denen im Westen, die in den Besorgten nur «Extremisten» sehen, immer grösser und schliesslich unüberbrückbar werden könnte.

Erstellt: 26.08.2015, 22:21 Uhr

Auftritt der Spitzenpolitiker

Es sind nur die zwei jüngsten in einer langen Liste von Vorfällen gegen Flüchtlinge in Deutschland: In der Nacht auf Mittwoch warf in Leipzig ein Unbekannter einen Brandsatz durch das offene Fenster eines Hauses, in das Asylbewerber einziehen sollten. Zuvor waren in Parchim in Mecklenburg-Vorpommern zwei mit einem Messer bewaffnete Männer auf das Gelände einer Flüchtlings­unterkunft vorgedrungen.

Um gegen diese Entwicklung ein ­Zeichen zu setzen, besuchten gestern sowohl die deutsche Kanzlerin Angela Merkel als auch Bundespräsident Joachim Gauck öffentlichkeitswirksam Flüchtlingsunterkünfte. «Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen infrage stellen», sagte Merkel im sächsischen Heidenau. Dort hatten Rechtsextreme in den vergangenen Tagen Asylbewerber bedroht und Polizisten angegriffen. Rechte Demonstranten begleiteten Merkels Auftritt in Heidenau mit Buhrufen, lauten Pfiffen und einem Hupkonzert. Gauck lobte bei seinem Auftritt in Berlin die Hunderttausenden Flüchtlingshelfer: «Es gibt ein helles Deutschland, das hier sich leuchtend darstellt gegenüber dem Dunkeldeutschland.»

Deutschland rechnet 2015 mit bis zu 800'000 Flüchtlingen. Merkel kündigte gestern rasche Gesetzesänderungen an, um Asylbewerbern besser helfen zu können. Ihr Kabinett beschloss, dass der Bund seine Flüchtlingshilfe in diesem Jahr auf eine Milliarde Euro verdoppelt. Es gilt aber als sicher, dass dies für die Bundesländer, die für die Flüchtlingshilfe in erster Linie zuständig sind, nicht ausreicht. (TA/Reuters/SDA)

Artikel zum Thema

Schweizer Nachhilfe für Deutschland in der Asylpolitik

Eine hochrangige Delegation aus Bayern hat gestern das Asyl-Testzentrum in Zürich besucht. Das eidgenössische Asylverfahren soll in Deutschland Schule machen. Mehr...

Wo Flüchtlinge in Deutschland angegriffen werden

Infografik Rechte Gewalt gegenüber Asylbewerbern ist in Deutschland massiv gestiegen: Unsere aktualisierte Karte zeigt die flüchtlingsfeindlichen Vorfälle. Mehr...

«Maurer hat recht, wenn er die Loyalität der Secondos infrage stellt»

Sefika Garibovic therapiert Jugendliche, ist SVP-Mitglied und versteht die Loyalitätszweifel von Bundesrat Ueli Maurer. Ein Gespräch über Hass und Heimatliebe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Ein Fehltritt mit Folgen

Eine kleine Unaufmerksamkeit, ein bisschen Pech – ein Unfall ist schnell passiert. Zum Glück hat die Suva die Kosten im Griff.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...