Analyse

Frigide Barjot mobilisiert Hunderttausende

Gegen die gleichgeschlechtliche Ehe in Frankreich kämpfen Traditionalisten, Ultrakatholiken, der Front National, Neonazis und Ex-Fallschirmjäger. An der Spitze steht eine skurrile Frau.

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Man hat sie kniend beten sehen, aber auch prügeln und brüllen und demonstrieren, als stehe nichts weniger als die Zukunft der Republik auf dem Spiel. Als drohe Frankreich wegen einer gesellschaftspolitischen Neuerung bald zu verschwinden. Die Gegner der «Ehe für alle», wie die Sozialisten das Eherecht der heterosexuellen wie der homosexuellen Franzosen mit einigem Sinn für das hehre Prinzip der Egalité nennen, liefen mit einer solchen Inbrunst Sturm gegen das Gesetz, dass man sich fragen konnte, in welchem Jahrhundert sie eigentlich leben. Manchmal artete die Gegnerschaft auch in verbale Entgleisungen und gewalttätige Übergriffe gegen Homosexuelle aus, wie man sie überwunden gewähnt hatte.

Verhindern liess sich das Gesetz nicht, das war von Anfang an klar. Es war eines der grossen Wahlversprechen von François Hollande gewesen. Der Präsident räumte ihm eine lange, zunächst durchaus spannende Debatte ein. Nach der Verabschiedung der Vorlage ist Frankreich nun das vierzehnte Land der Welt und das neunte Europas, das schwulen und lesbischen Paaren das Recht gibt, sich zu vermählen. Mit allem, was an Rechten und Pflichten zur Ehe gehört. Es nimmt den Heterosexuellen nichts weg, wie Justizministerin Christiane Taubira, die das Dossier im Parlament vertrat, einmal treffend sagte. Es hebt nur eine Ungerechtigkeit auf.

Frigide Barjot mobilisierte

Und dieser Meinung ist auch eine stattliche Mehrheit der Franzosen. In allen Umfragen, die es zu diesem Thema in den letzten Monaten und Jahren gab, begrüssten zwischen 55 und 60 Prozent der befragten Franzosen die «Ehe für alle». Etwas weniger breit akzeptiert, aber immer noch knapp mehrheitsfähig ist das nun ebenfalls eingeführte Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Nur das Recht auf künstliche Befruchtung für lesbische Paare fällt mehrheitlich durch. Kurz: Die französische Gesellschaft, die bei Fragen rund um die Sexualität immer schon recht progressiv dachte, ist für die Homoehe seit längerem bereit, der Politik also um etliche Jahre voraus.

Dass die Debatte dennoch zum Kulturkampf verkam, ist einer eigentümlichen Dynamik geschuldet. Zunächst war da die erwartete Ablehnung der katholischen Kirche, den Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde und von muslimischen Geistlichen. Verstärkt wurde sie von einer Gruppe von Ultrakatholiken, die dem Aufruf von Frigide Barjot folgte, einer Frau mit bewegtem Lebenslauf, Satirikerin und ehemalige Beraterin konservativer Politiker, deren Name eine Verballhornung von Brigitte Bardot ist. Mit ihrer «Demo für alle» schaffte sie es, Hunderttausende zu mobilisieren. Auch viele junge Eltern marschierten mit ihr mit – samt Kindern und dem Spruchband: «Ein Kind kommt immer von einem Vater und einer Mutter.»

Journalisten verprügelt, Politiker bedroht

Traditionalisten aller Art schlossen sich der Bewegung an, auch Neonazis und Ex-Fallschirmjäger. Am Rand der Kundgebungen kam es immer öfter zu Ausschreitungen. Unliebsame Journalisten wurden verprügelt, Politiker bedroht. Auch der rechtsextreme Front National (FN) gesellte sich dazu, was nicht weiter verwunderte. Verstörend aber war, wie zuletzt auch die bürgerliche Rechte sich in die erhitzte Diskussion einschaltete. Mit massiven Appellen. Die Oppositionspartei Union pour un Mouvement Populaire (UMP) fürchtete wohl, sonst noch mehr Wähler an Marine Le Pen zu verlieren. Und so marschierten Politiker der UMP und des FN Seite an Seite. Es mutete wie die Hauptprobe einer künftigen Allianz an, auch wenn es alle bestreiten. Ausser der Haltung zu Europa und zur Todesstrafe trennt den grossen, einst von Nicolas Sarkozy befeuerten rechten Flügel der UMP fast nichts mehr vom FN.

Den beiden Parteien könnte bald neue Konkurrenz erwachsen: Kraft ihres Mobilisierungspotenzials möchte auch Frigide Barjot eine Partei gründen, eine Art französische Tea Party, in der sie jene Wähler sammeln will, die von der parlamentarischen Politik enttäuscht sind. Eine weibliche, überfromme Replik auf den italienischen Komiker Beppe Grillo also. Wenn man Barjot in den letzten Wochen beobachtete, wie sie nahe am Nervenzusammenbruch navigierte und zuweilen auch einfach vor den Kameras heulte, wünscht man Frankreich nun vor allem eine schnelle Abkühlung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2013, 08:37 Uhr

Gegner werfen Steine auf Polizisten

Nach der Einführung der Homo-Ehe durch das französische Parlament ist es bei Protesten gegen die Reform in Paris zu Zusammenstössen gekommen. Einige Demonstranten bewarfen Ordnungskräfte am Dienstagabend mit Gegenständen.

Die Organisatoren der Demonstration hatten die Teilnehmer um kurz vor 22.00 Uhr via Lautsprecher aufgerufen, friedlich nach Hause zu gehen, wie Journalisten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Gegen 22.45 Uhr waren jedoch noch hunderte Demonstranten vor Ort.

Demonstranten werfen Pflastersteine

Etwa 50 bis 100 von ihnen, einige davon vermummt, provozierten die Ordnungskräfte, die den Zugang zur Nationalversammlung abriegelten, indem sie sie mit Knallkörpern, Flaschen und anderen Wurfgeschossen bewarfen. Die Polizei setzte daraufhin Tränengas ein.

Einige Randalierer setzten ihre Angriffe auf die Ordnungskräfte jedoch fort. Sie bewarfen die Beamten mit gestohlenen Gegenständen von einer Baustelle wie Pflastersteinen, Absperrungen und Eisenstangen. «Die Auseinandersetzungen sind extrem gewalttätig», verlautete aus Polizeikreisen. Ein Beamter wurde demnach von einem Pflasterstein am Kopf verletzt.

Auch Journalisten wurden von den Randalierern beschimpft, unter anderem als «Kollaborateure», und auch tätlich angegriffen, wie die AFP-Journalisten berichteten. (sda)

In Paris kam es zu Ausschreitungen zwischen Gegnern der Homo-Ehe und der Polizei. (Video: Reuters)

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