Interview

«Für die Russen heisst Demokratie: Raubüberfall»

Die Rückkehr Wladimir Putins erniedrigt die russischen Staatsbürger, sagt der Philosoph Michail Ryklin. Er spricht im Interview über die erstickte Opposition und die tragische Geschichte seiner Frau.

«Putins System hat genetisch viel mit Stalinismus zu tun»: Michail Ryklin am 30. September in Zürich.

«Putins System hat genetisch viel mit Stalinismus zu tun»: Michail Ryklin am 30. September in Zürich. Bild: Sophie Stieger

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Herr Ryklin, nun ist es offiziell: Wladimir Putin kehrt zurück. Was bedeutet das für Russland?
Nichts Gutes. Putin ist seit 12 Jahren ununterbrochen am Ruder. Acht Jahre als Präsident, vier Jahre als der Mann hinter Dmitri Medwedew. Jetzt stehen uns weitere 12 Jahre bevor. Für die russischen Staatsbürger ist das erniedrigend. Medwedew hat offen gesagt, der Ämtertausch sei schon vor langer Zeit entschieden worden. Dabei stehen die Wahlen ja erst an! Die reden, als ob alles entschieden wäre. Die Wahlen sind also eine Formalität. Das heisst, es gibt keine Wahlen mehr in Russland.

Hatten Sie Hoffnungen gesetzt in Medwedew?
Ja. So wie alle. Die ganze Welt hat Medwedew als milde Alternative zu Putin gesehen. Man wusste, er war Putins Mann. Aber er schien unabhängiger, liberaler zu werden. Jetzt ist die Seifenblase geplatzt. Wir glaubten, es herrsche Spannung zwischen Putin und Medwedew. Doch da herrscht nur Kumpanei. Es war ein Spielchen, mehr nicht. Ich glaube, die Russen sind sehr enttäuscht.

Noch wäre doch Zeit, eine Opposition aufzubauen.
Keine Chance. Es gibt keinen Spielraum. Wir haben das mit Michail Prochorow und der Partei Rechte Sache gesehen. Diese angeblich liberale Kleinpartei war von Anfang an ein Kreml-Projekt, eine Schein-Opposition. Doch der junge Rohstoff-Milliardär Prochorow dachte, er könne als Vorsitzender trotzdem etwas bewirken. Nun hat ihn der Kreml fallen gelassen, aus allen Gremien ausgeschlossen. Es ist ganz ungewiss, was mit ihm passieren wird. Hoffen wir, er wird nicht Chodorkowskis Schicksal teilen.

Was ist mit dem Ex-Schachmeister und Putin-Gegner Garri Kasparow?
Keine Chance. Die Medien sind zu 95 Prozent unter Kontrolle des Kremls. Oppositionelle haben keine Möglichkeit, mit der Wählerschaft zu reden.

Würden die Wähler denn zuhören?
Sicher ist, dass sie wegen der Wirtschaftskrise unruhiger und unzufriedener werden. Putins Trumpf waren ständig steigende Rohstoffpreise in den acht Jahren seiner Präsidentschaft. Er war ein Glückspilz. Er kam, als das Barrel Öl 12 Dollar kostete. Jetzt liegt der Preis bei über 100 Dollar. Ob das aber so bleibt, ist fraglich. Dann wird es eng für Russland. 75 Prozent des russischen Einkommens hängen von Rohstoffen ab.

Wie explosiv ist die Unzufriedenheit der Bevölkerung?
Vielleicht kommt es zu Unruhen bei den Wahlen. In den letzten Wochen hat der Rubel 15 Prozent seines Werts verloren. Das ist ein harter Schlag für die Bevölkerung.

Könnte es in Russland Aufstände geben wie in der arabischen Welt?
Nein. Russland ist demografisch eine schlechte Kopie Europas. Es stirbt aus. Russland hat Millionen von Menschen verloren in den letzten 15 Jahren. Die Jungen wandern aus. Hier ist kein Vergleich mit Tunesien oder Ägypten möglich, wo das Durchschnittsalter bei 30 Jahren liegt. Russland hat zudem eine hohe Männersterblichkeit: Die Lebenserwartung eines russischen Mannes beträgt 60 Jahre. Renten machen gar keinen Sinn mehr: Der Durchschnittsrusse ist tot, wenn er ins Rentenalter kommt.

Ist die russische Bevölkerung enttäuscht von der Demokratie?
Ja. Russland hat zu Beginn der 90er-Jahre eine perverse Form der Demokratie erlebt. Ich kenne kein Volk, das so etwas gut vertragen hätte. Es kam zum Wirtschaftskollaps, viele wurden arbeitslos, auf einen Schlag verschwanden alle Ersparnisse. Zugleich bereicherten sich einige wenige im Zuge der Privatisierungen rücksichtslos. Für die meisten Menschen war das eine Katastrophe. Für sie bedeutet Demokratie: Raubüberfall.

Russland hat ein Demokratie-Trauma?
Und es wird andauern. Putins System ist nichts Gutes. Aber was kommt danach? Im Moment sind die nationalen Kräfte am chancenreichsten. Diese Leute sind ausgesprochen nationalistisch und antisemitisch, eine Bedrohung für Russland. Die Putin-Leute sagen immer: Seid froh um uns, nach uns kommen noch viel Schlimmere. Und sie haben recht.

Putin ist das kleinere Übel?
Das Übel ist nicht gerade klein. Aber das, was sonst noch Chancen hat, ist schlimmer. Die Extremisten sind die wahre Opposition.

Sie erforschen totalitäre Systeme. Wie unterscheidet sich Putins gelenkte Demokratie vom sowjetischen Totalitarismus?
Es gibt gravierende Unterschiede. Russland ist vor allem offener geworden. Der Eiserne Vorhang war Bedingung für den stalinistischen Terror. Heute herrscht Austausch zwischen Russland und der Welt. Und trotzdem: Putins System hat genetisch viel mit dem Stalinismus zu tun. Die Geheimdienstwelt, die Putin geprägt hat, war eine stalinistische.

Wird Stalin deshalb in Russland schleichend rehabilitiert?
Ja. Die Geheimdienste kontrollieren die Archive der Sowjetzeit. Auch das ist Macht: Die Vergangenheit kontrollieren. Es war eine schreckliche Vergangenheit, und viele Leute wollen nicht, dass sie öffentlich wird. Wir wissen, welche Schmerzen es ausgelöst hat, als die Stasi-Archive geöffnet wurden und die Leute erfahren haben, dass ihr Nachbar oder ihre Frau Spitzel waren. Auch in Polen gab es tragische Vorfälle. In Russland werden die Ausmasse des Schreckens noch viel grösser sein. Russland hat dieses System praktisch erfunden.

Muss man die Archive öffnen?
Unbedingt. Ohne Vergangenheitsbewältigung geht es nicht voran. In Russland wird Stalin heute glorifiziert. Es heisst, er sei ein grosser Politiker, und seine Säuberungen seien nötig gewesen. Stalin wird instrumentalisiert. Putins Polittechnologen sagen: Das Einzige, was Russland noch zusammenhält, ist Stalins Sieg im Zweiten Weltkrieg. Wenn wir das verlieren, zerbricht Russland. Sie sagen: Klar, da waren Säuberungen, auch ein paar unschuldige Opfer, wenn auch nicht so viele, wie die Historiker sagen. Aber wir haben gewonnen! Stalins Weste wird gewaschen. Der Sieg rechtfertigt die Toten. Millionen Opfer werden sinnvoll, geheiligt durch seinen Sieg.

Die orthodoxe Kirche wirkt mit an dieser Geschichtsklitterung. Sie verschmilzt mit dem autoritären Staat. Was geschieht hier?
Die orthodoxe Kirche ist ein Nährboden für die Nationalisten. Sie will Staatskirche sein und bezieht sich dabei auf die Tradition: Seit Peter dem Grossen war die Kirche verstaatlicht. Sie hat keine Erfahrung mit der Unabhängigkeit.

Aber eine Erfahrung des humanitären Widerstands zu Sowjetzeiten?
Falsch. Die offizielle Kirche und die Sowjetbehörden haben zusammengearbeitet. Die wenigen Priester, die Dissidenten waren, wurden von der Kirche ausgestossen. Viele sassen jahrelang hinter Gittern, und das Patriarchat in Moskau hat geschwiegen. Es ist ein Mythos, dass die Kirche gegen die Sowjetmacht gekämpft hat.

Behindert die Kirche die demokratische Entwicklung in Russland?
Ja. Die Kirche ist zutiefst undemokratisch. Sie sagt: Demokratie ist keine russische Tradition, wir sind ein kollektivistisch geprägtes Volk. Einer ihrer Kernbegriffe heisst Sobornost, eine spirituelle Union, in der die Einzelnen zur Gemeinschaft zusammengehen.

Die Mythologie der russischen Untertanen-Seele.
Russland hat in der Tat keine historische Erfahrung mit Freiheit und Demokratie. Die Leute wissen einfach nicht, was Demokratie sein könnte, welche Vorteile sie birgt. Sie sind enttäuscht. Putin nutzt diese Enttäuschung. Die Idee des russischen Volkscharakters hilft ihm dabei.

Warum ist in Russland so viel vom Nationalcharakter die Rede? In Europa hat man das aufgegeben.
Glauben Sie? In Deutschland wird doch gerade heftig über «Deutsche» und «Griechen» diskutiert. Es geht um grundsätzliche Lebensweisen, um die frühen Renten und die Einstellung zum Sparen. Dass die Griechen nur ungern Steuern bezahlen, ist für die Deutschen fast eine Art Beleidigung! Ebenso die Kultur des Fakelaki, also der sanften Korruption.

Europa hängt Mentalitäten nach?
Ja. Und viele Mentalitäts-Unterschiede sind ja auch evident. Vielleicht hat Max Weber eben recht gehabt. Protestantische Arbeitsmoral ist nicht ohne Bedeutung. Es gibt kein protestantisches Volk, das im Moment in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Die verschuldeten Völker sind ohne Ausnahme Katholiken oder Orthodoxe. Holland, Schweden, Dänemark? Gute Sparer, gute Planer! Iren, Portugiesen, Italiener? Weber hat es nicht so falsch eingeschätzt.

Aber Sie sagen mir jetzt nicht, russische Mentalität und Demokratie seien tatsächlich unvereinbar?
Nein. Das wäre falsch. Russland wird demokratisch werden. Aber nicht von heute auf morgen. Es braucht Zeit.

Viele Russen wandern aus. Auch Sie leben mehrheitlich in Berlin. Wie werden Sie zu Hause gelesen?
Wenig. In den 90er-Jahren war alles freier. Bücher verkauften sich besser, Vorträge waren besucht. Nun sind viele Verlage verschwunden, die Auflagen sinken. Meine Bücher lesen wohl nur noch einige Hundert Leute in Russland.

Macht Sie das traurig?
Es ist nicht so schlimm. Ich fühle mich als Europäer. Meine Texte sind in über 25 Sprachen übersetzt worden. Ich fühle mich in Deutschland besser verstanden als in Russland. Natürlich ist Russland wichtig, aber lebenswichtig?

Ihre Frau, die Künstlerin Anna Altschuk, ist in Moskau wegen angeblich staatsfeindlicher Kunst vor Gericht gestellt und von Patrioten und Christen mit dem Tod bedroht worden. Vor drei Jahren starb sie in Berlin. Hatte diese Tragödie einen politischen Hintergrund?
Meine Frau wurde nicht ermordet. Es war Selbstmord. Damals dachte man erst, sie sei entführt und ermordet worden. Aber ich habe die Tagebücher meiner Frau gefunden und bin jetzt ganz sicher, dass es Selbstmord war. Doch es war ein politisch motivierter Suizid. Nach der Ausstellung «Achtung Religion!» musste sie sich 2003 einem Prozess und unbarmherziger Verfolgung stellen. Sie war nicht vorbereitet auf die Rolle der Dissidentin. Sie war Künstlerin und Lyrikerin. Sie wurde freigesprochen, hatte aber zu grossen Schaden genommen. Ich versuche nun, die Umstände aufzuschreiben, die zum Tod meiner Frau geführt haben. Ruhig und analytisch. Es ist schrecklich. Wir waren 33 Jahre zusammen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2011, 09:06 Uhr

Wladimir Putin bei Schiessübungen in einer Militärakademie: Der Ex-Geheimdienstler wird Russland wohl weitere 12 Jahre regieren. (Bild: Reuters )

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Philosoph des Totalitären

Michail Ryklin, geboren 1948 in Leningrad, ist Professor der Philosophie und Essayist. Er erforscht Psychologie und Geschichte des Totalitarismus und ist eine der prononciertesten russischen Stimmen der Gegenwart. Ryklin forscht an der Moskauer Akademie der Wissenschaften und hatte Gastprofessuren in Paris, New York und Berlin inne. 2007 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse zur Europäischen Verständigung, seit 1995 ist er Kolumnist der Kulturzeitschrift «Lettre International». Zu seinen Werken zählen «Mit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der ‹gelenkten Demokratie›» (2006) und «Kommunismus als Religion» (2008). Er lebt in Berlin und Moskau. (dhe.)

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