«Für die Ukraine gibt es nur den Weg nach Europa»

Die Ukraine, ein in zwei Teile zerrissenes Land? Für Anna Kovbasyuk, Leiterin einer NGO in einer Stadt unmittelbar an der russischen Grenze, ist dieses Bild falsch. Auch im Osten wolle eine Mehrheit nach Europa.

«Ohne einschneidende Reformen, auch wenn sie am Anfang sehr schmerzhaft sein werden, hat die Ukraine keine Chance, sich zu entwickeln», sagt Anna Kovbasyuk, Chefin einer NGO aus der Ostukraine: Ein Demonstrant in Kiew bekreuzigt sich. (12. Dezember 2013)

«Ohne einschneidende Reformen, auch wenn sie am Anfang sehr schmerzhaft sein werden, hat die Ukraine keine Chance, sich zu entwickeln», sagt Anna Kovbasyuk, Chefin einer NGO aus der Ostukraine: Ein Demonstrant in Kiew bekreuzigt sich. (12. Dezember 2013) Bild: AFP

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Wie funktioniert Revolution in der ostukrainischen Provinz? Wurde auch in der Stadt Sumy gegen die Präsidentschaft von Wiktor Janukowitsch demonstriert?
Ab dem ersten Tag. Sofort nach der verweigerten Unterzeichnung des Abkommens mit der EU gingen die Proteste in Sumy los, genau so wie in Kiew. Anfangs waren es bei uns natürlich noch nicht sehr viele Leute. Vielleicht knapp tausend Demonstranten. Die Bewegung wuchs allerdings an. Auch vor dem Parlamentsgebäude in unserer Stadt gab es dann ein Zeltlager. Es steht im Übrigen bis heute. Im Unterschied zu Kiew und vielen anderen Städten der Ukraine blieb der Protest in Sumy allerdings weitgehend friedlich. Es kam vereinzelt zu Verhaftungen. Ausserdem gab es einen Versuch, das Parlamentsgebäude zu stürmen, der aber nicht eskalierte.

Was hat der Protest auf lokaler Ebene gebracht?
Ein neuer Gouverneur wurde eingesetzt. Die Fraktion von Janukowitschs Partei der Regionen hat sich aufgelöst. Auch der Bürgermeister musste gehen. Er war zwar nie auf der Seite des abgesetzten Präsidenten, hat den Protest aber auch nicht aktiv unterstützt und auch nie öffentlich Kritik am alten Regime geäussert. Was jetzt zudem aufzubrechen beginnt, sind die alten Seilschaften. Die Angst vor der Zukunft ist in diesen Kreisen spürbar.

Und wie hat sich das Alltagsleben verändert?
Zustände wie auf der Krim, von wo man in den Nachrichten sehen konnte, wie die Leute in Massen vor den Banken angestanden haben, herrschen bei uns nicht. Es gibt keine offensichtlichen Anzeichen dafür, dass sich das Leben in der Stadt verändert hat. Es kommen allerdings von den Unternehmen Signale, dass sie in grösserem Ausmass Aufträge aus Russland verlieren. Das könnte sich mit der Zeit auf den Arbeitsmarkt auswirken. Die Auswirkungen sind deshalb bis jetzt vor allem psychischer Natur. Die Leute sind gestresst und haben Angst. Sie hören die Nachrichten, dass sich russische Truppen an der Grenze zusammenziehen sollen. Die Grenze ist ja nur rund 50 Kilometer entfernt.

Gibt es auch in Sumy prorussische Demonstrationen wie in den Metropolen der Ostukraine?
Nein.

Warum nicht? Auch in Sumy ist doch die Alltagssprache Russisch?
Die Aufteilung der Ukraine in Ost und West ist eine sehr starke Vereinfachung. Sumy liegt zwar in der Ostukraine und nahe der Grenze, doch die Stadt hat in den letzten Jahren immer proeuropäisch gestimmt. Auch die Orange Revolution 2004 wurde hier sehr stark mitgetragen. Politisch gesehen ist die Nähe zu Russland also nicht sehr gross. Allerdings handelt es sich auch bei den Protesten in Charkiw oder Donezk nicht um Massenveranstaltungen. Zuletzt nahmen nur noch ein paar Hundert Leute teil. Persönlich glaube ich zudem, dass es sich zumindest teilweise nicht um spontane, sondern organisierte Proteste handelt. Und für die Agitatoren ist eine Stadt wie Sumy schlicht zu unwichtig.

Sie setzen sich mit Ihrer Organisation seit Jahren für eine Annäherung der Ukraine an Europa und auch die EU ein. Warum gehört Ihr Land in die EU?
Die Mitgliedschaft in der EU ist aus unserer Sicht nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, dass Reformen durchgeführt werden und sich in der Ukraine europäische Standards durchsetzen. In Russland passiert derzeit genau das Gegenteil.

Was verstehen Sie darunter?
Dass zum Beispiel die Korruption und deren Akzeptanz in der Gesellschaft zurückgehen. Anders als ein Ukrainer ist ein Europäer nicht täglich mit Korruption konfrontiert. Oder dass die Verwaltungen effizienter und für die Bürger arbeiten, statt nur ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Und natürlich geht es uns auch um echte Meinungs- und Pressefreiheit und eine stärkere Zivilgesellschaft.

Denkt in der Ukraine die Mehrheit der Bevölkerung auch so?
Ja. Natürlich erhoffen sich viele auch ökonomisch einen Aufschwung. Doch die Proteste ausgelöst haben nicht materielle Gründe. Die Leute waren und sind nicht am Verhungern. Die ökonomische Situation hat sich im letzten Herbst, als die Proteste anfingen, auch nicht plötzlich verschlechtert. Die Mehrheit der Demonstranten in Kiew stammte zudem nicht aus der Unterschicht. Es war die Mittelschicht, die demonstriert hat. Die Angst davor, dass der Weg nach Europa mit dem Entscheid Janukowitschs endgültig verbaut worden sein könnte, hat ihren Protest ausgelöst.

Ist diesen Menschen bewusst, dass eine Öffnung nach Europa für die Ukraine ökonomisch in einer ersten Phase sehr schmerzhaft sein wird?
Ja. Das wurde breit diskutiert und war eigentlich das einzige Gegenargument zu einer Annäherung an die EU. Trotzdem setzte sich die Ansicht durch, dass kein Weg an diesem Schritt vorbeiführt.

Wird das so bleiben, wenn die Gaspreise tatsächlich erhöht werden oder Massenentlassungen beginnen?
Die Auswirkungen sind für uns ja jetzt schon spürbar. Unsere Währung zum Beispiel hat stark an Wert verloren. Die Preise steigen. Doch für die Ukraine gibt es keinen Weg zurück. Ohne einschneidende Reformen, auch wenn sie am Anfang sehr schmerzhaft sein werden, hat das Land keine Chance, sich zu entwickeln. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.03.2014, 12:58 Uhr

Anna Kovbasyuk

In der Stadt Sumy im äussersten Nordosten der Ukraine, nur einen Katzensprung von der russischen Grenze entfernt, setzt sich Anna Kovbasyuk mit ihrer Organisation «Center for European Initiatives» seit Jahren für eine Annäherung ihres Landes an Europa ein. Die kleine NGO betreibt unter anderem sogenannte Euroclubs an öffentlichen Schulen in Sumy, organisiert regelmässig gemeinsame Lager von westeuropäischen und ukrainischen Jugendlichen und ermöglicht es jungen Westeuropäern mit Volontariaten Arbeitserfahrung in der Ukraine zu sammeln. (ldc)

Die Stadt Sumy

Die Stadt Sumy, Hauptort der gleichnamigen Provinz, liegt im Nordosten der Ukraine rund 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Mit ihren knapp 270'000 Einwohnern gehört die Stadt nicht zu den tonangebenden Zentren des Landes. Sie verfügt aber über eine vergleichsweise stark diversifizierte Wirtschaft mit einigen Grossunternehmen im Bereich der Maschinen- und der chemischen Industrie. Wirtschaftlich ist Sumy eng verknüpft mit Russland. In der Stadt dominiert die russische Sprache. Im Umland wird häufiger Ukrainisch gesprochen. (Grafik: Wikipedia/ldc)

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