«Garant des Übergangs – entzaubert durch eine Elefantenjagd»

Nach fast 40 Jahren tritt Juan Carlos überraschend ab. Korrespondent Oliver Meiler über den abdankenden König, Thronfolger Felipe und die grosse Herausforderung des spanischen Königshauses.

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Juan Carlos dankt ab als König von Spanien. Wie überraschend ist dies?
Trotz der Skandale in den letzten zwei, drei Jahren und der gesundheitlichen Probleme kommt die Abdankung von Juan Carlos sehr überraschend. Bei seinem TV-Auftritt heute um 13 Uhr sagte er, es sei Zeit für eine neue Generation, mit neuen Energien, die auch begangene Fehler korrigiere. Er sieht seine Geste also als politischen Akt der Renovation, nicht als Folge seiner gesundheitlichen Schwächung. Er strich das auch hervor: Er fühle sich körperlich wieder in Form, sagte er.

Gerade eine solch freiwillige Abdankung erstaunt wohl viele Spanier.
Ja, selbst in seiner engen Entourage ist die Überraschung gross. Ein Bourbone danke nicht ab, pflegte er zu sagen. Wie überraschend der Rücktritt von Juan Carlos ist, zeigt auch der Umstand, dass der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy heute Vormittag in aller Eile eine Medienkonferenz einberufen hat, was er in seiner Amtszeit noch nie gemacht hat. Niemand sah den Entscheid kommen.

Wie gut steht es denn wirklich um die Gesundheit von Juan Carlos?
In den letzten Jahren musste sich Juan Carlos mehreren Operationen unterziehen. Nach einem Sturz bei der famosen Elefantenjagd in Botswana 2012, die ihm in der Heimat viel Kritik eintrug, musste er sich an der Hüfte operieren lassen. Bei einigen Auftritten fiel auf, dass er stotterte, sich sein Gesicht schnell rötete. In den letzten Wochen war Juan Carlos aber wieder besser auf den Beinen, er war wieder mehr unterwegs und reiste zum Beispiel nach Saudiarabien, wo er den saudischen König traf und über Handelsbeziehungen verhandelte. Zudem nahm die Popularität des spanischen Königshauses nach einer längeren Baisse wieder etwas zu – zwar ganz wenig nur, aber immerhin.

Juan Carlos spielte beim Übergang Spaniens von der Diktatur zur Demokratie eine wichtige Rolle. Wie wird er in Erinnerung bleiben?
Juan Carlos' Rolle ist nicht in allen Details endgültig geklärt. Und ihm haftet der Makel an, dass er von Diktator Franco auf den Thron gehoben wurde. In den Geschichtsbüchern wird man ihn aber als Geburtshelfer und Garanten der spanischen Demokratie würdigen. Unter der Ägide von Juan Carlos fand Spanien – trotz Putschversuchen – relativ ruhig den Weg zur Demokratie. Deswegen war er sehr lange sehr beliebt bei der spanischen Bevölkerung. Juan Carlos überzeugte als strahlende, leichtfüssige und volksnahe Figur, die der Versuchung widerstand, ihre Macht dazu zu missbrauchen, selber als eine Art Caudillo über Spanien zu herrschen. Die Spanier waren keine Monarchisten, als er König wurde, sie wurden aber zu «Juancarlisten».

Warum fiel der sehr beliebte König plötzlich in Ungnade bei den Spaniern?
Die Elefantenjagd in Botswana in Begleitung einer jüngeren Frau war der Auslöser der Entzauberung. Der Hintergrund der Kritik am König war die schwerste wirtschaftliche und soziale Krise Spaniens in den letzten Jahrzehnten. Nur wenige Tage vor der Elefantenjagd hatte Juan Carlos in einer TV-Ansprache erklärt, dass er kaum schlafen könne und mit den von der Krise gebeutelten Spaniern mitleide. Seine Glaubwürdigkeit litt stark. Gewisse Dinge, die sich das Königshaus bis dahin geleistet hatte, wurden nicht mehr toleriert. Darum konnte der Prozess um veruntreute Gelder gegen Juan Carlos' Tochter Cristina und deren Ehemann Inaki Urdangarin zu einem so grossen öffentlichen Thema werden. Die Skandale schröpften das Prestige der Krone.

Prinz Felipe wird neuer König Spaniens. Was ist von ihm zu erwarten?
Felipe war in letzter Zeit die beliebteste Figur des spanischen Königshauses – neben Königin Sofia. Während der gesundheitlich bedingten Abwesenheit seines Vaters übernahm Felipe viele protokollarische Pflichten, und er machte dabei in den Augen der Spanier eine gute Figur. Felipe ähnelt mehr seiner Mutter Sofia als seinem Vater. Er macht einen ruhigeren, nüchternen und disziplinierten Eindruck. Felipes Frau Letizia, mit der er seit genau zehn Jahren verheiratet ist, ist noch nicht sehr beliebt im Volk. Letizia, eine Bürgerliche und frühere TV-Moderatorin, gilt als sperrig. Sie schert sich nicht so sehr ums Protokoll. Das neue Königspaar ist aber näher an der gesellschaftlichen Realität. Es versteht die Sorgen der einfachen Spanier vielleicht etwas besser. Das meinte Juan Carlos wohl auch, als er von der neuen Generation sprach.

Welchen Herausforderungen wird sich König Felipe stellen müssen?
Es sind keine guten Zeiten für die zentralistischen Institutionen Spaniens, weil im Land starke Zentrifugalkräfte wirken. Vor allem die Katalanen können es gar nicht gut mit der Zentralregierung in Madrid. Die zentrale Frage ist, ob es Felipe schafft, die Katalanen für sich zu gewinnen, ob er als Moderator und Vermittler wirken kann. Die Bewahrung der spanischen Einheit ist die grosse politische Herausforderung der nächsten Jahre. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.06.2014, 15:22 Uhr

Oliver Meiler ist Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet in Barcelona.

Video

Abdankungsrede von König Juan Carlos. (Quelle: Youtube/Euronews)

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