«Gauland konstruiert eine globale Macht, die uns steuert»

Was haben die deutschen Rechtspopulisten von heute gemeinsam mit Adolf Hitler? Auch sie bezögen ihre Argumente im Kulturpessimismus des 19. Jahrhunderts, sagt Historiker Magnus Brechtken.

«Die globalistische Klasse gibt kulturell und politisch den Takt vor»: AfD-Chef Alexander Gauland.

«Die globalistische Klasse gibt kulturell und politisch den Takt vor»: AfD-Chef Alexander Gauland. Bild: Keystone

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Ein Gastbeitrag von AfD-Chef Alexander Gauland in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) sorgte in den letzten Tagen für heftige Kontroversen. Nach Ansicht von Historikern wie Wolfgang Benz und Michael Wolffsohn argumentiert Gauland wie Adolf Hitler in einer Rede von 1933. In dem FAZ-Text prangert Gauland die «globalistische Klasse» an, «die kulturell und politisch den Takt vorgibt». Ihre Mitglieder fühlten sich als Weltbürger in einer «abgehobenen Parallelgesellschaft». Die Bindung dieser «neuen Elite» an ihr Heimatland sei schwach. Ihnen gegenüber stünden «diejenigen, für die Heimat noch immer ein Wert an sich ist und die als Erste ihre Heimat verlieren, weil es ihr Milieu ist, in das die Einwanderer strömen».

AfD-Sprecher Christian Lüth, der vermutlich den Gauland-Text verfasst hat, dementierte jegliche Anleihen aus der Hitler-Rede. Der Artikel basiere auf einem in der liberalen Berliner Zeitung «Tagesspiegel» erschienenen Essay von 2016, der sich seinerseits auf den bekannten liberalen Soziologen Ralf Dahrendorf bezieht. In all diesen Texten geht es um Eliten- und Globalisierungskritik.

Zur Einordnung der Gauland-Debatte hat unsere Zeitung mit dem Historiker Magnus Brechtken gesprochen. Er ist stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München sowie Verfasser einer Biografie von Hitler-Intimus Albert Speer und leitet ein Editionsprojekt über Hitlers Reden aus den Jahren 1933 bis 1945.

Herr Brechtken, wie beurteilen Sie die Debatte über Gaulands FAZ-Text?
Das ist eine Kakofonie verschiedener Stimmen, die sich über unterschiedliche Dinge äussern und dies oft nicht merken. Gauland nimmt Gedanken aus einem «Tagesspiegel»-Artikel auf, gibt diesen aber eine andere Stossrichtung. Historisch steht der Gauland-Text in der Tradition des Kulturpessimismus, der seine Wurzeln im 19. Jahrhundert hat. Immer wenn es in Teilen der Bevölkerung ein Unbehagen und ein Nichtverstehen der Komplexität des gesellschaftlichen Wandels gibt, tauchen auch verschwörungstheoretische Erklärungen auf. Beim Gauland-Text sind es nun die globalen Eliten. Die Diskussion um globale Klassen hat eine lange Tradition.

Wie viel Hitler steckt im Gauland-Text?
Gauland und Hitler stehen in denselben Denktraditionen: Die Imagination der international vernetzten «Elite», die die Geschicke des unschuldig sich nicht wehren könnenden Volkes bestimmt, wogegen «das Volk» politische Führer braucht, die dieses «System» beseitigen. Ob Gauland sich der Hitler-Parallelen bewusst ist oder nicht, ist dabei nachrangig. Als durchaus Gebildeter sollte Gauland aber die Denktradition kennen, in die er sich stellt und in der eben auch Hitler stand.

Können Sie erklären, wie der Kulturpessimismus entstanden ist?
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war geprägt von starker Industrialisierung und technischer Entwicklung. Vielen Menschen erschien diese neue Welt überkomplex, sie fühlten sich überfordert. Anstatt sich Gedanken über die Ursachen des Wandels zu machen, suchten sie nach einfachen Erklärungen. Das waren dann oft anonyme Kräfte oder Personengruppen, die verantwortlich sein sollten.

Das heisst?
Ein Beispiel für solche Erklärungsmuster sehen wir im modernen Antisemitismus, der damals entstand. In modernen Berufen, etwa bei Bankiers, Anwälten, auch Journalisten, waren Menschen jüdischer Herkunft oft erfolgreich. So wurden sie mit der neuen Komplexität und den unwillkommenen Folgen des Wandels identifiziert. «Kulturpessimismus als politische Gefahr» heisst ein kluges Buch des Historikers Fritz Stern. Darin analysiert er Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck als Exponenten dieses Irrationalismus. Sie entwickelten Denkfiguren und Argumentationsmuster, bei denen sich auch Hitler bediente. So zum Beispiel in der nun diskutierten Rede Hitlers vor Arbeitern der Siemens-Werke in Berlin im November 1933. Hitler sprach damals von einer wurzellosen internationalen Clique. Ähnliche Denkfiguren verwendeten auch die Marxisten. Bei ihnen ging es um Finanzkapitalisten und Unternehmer. Solche Interpretationen ziehen sich bis in die Gegenwart. Vereinfachungen dieser Art sind typisch für alle Spielarten des Populismus.

Heute sind es vor allem die Digitalisierung und die Migration, die die Menschen verunsichern und Verlustängste auslösen. Was antworten Sie Gauland, wenn er die globale Elite als Ursache vieler Übel anprangert?
Gauland konstruiert eine anonyme Macht, die unsere Gesellschaften kontrolliert und steuert. Dass eine globale Elite etwa die deutsche Politik diktiert, ist Unsinn. Politik findet auf zahlreichen Ebenen statt, vom Bundestag abwärts. Jeder kann sich einmischen, wenn er mag. Bürger können sich in Parteien engagieren und an öffentlichen Debatten teilnehmen. Gerade die Tatsache, dass die AfD selbstverständlich wählbar ist und auch gewählt wird, zeigt, dass wir in Deutschland eine funktionierende politische Streitkultur haben. Die anderen Parteien setzen sich mit der AfD auseinander. Das ist ein ganz normaler Prozess in einer Demokratie. Dagegen versucht Gauland den Eindruck zu erwecken, dass die repräsentative Demokratie nicht funktioniert. Auch diese Fundamentalkritik am sogenannten System ist eine typische Denkfigur der Rechten, die zum Beispiel auch von der NPD bekannt ist.

Die AfD propagiert ein eigenes Geschichtsbild. Björn Höcke fantasiert offen mit völkischen Ideen. Ist auch das ein typisches Denkmuster in der AfD?
Ja. Die Vorstellung eines homogenen Volkes ist eine historische Konstruktion. Bei der Nationalstaatenbildung kamen in Europa und vor allem in Deutschland völkische Elemente dazu. Im Nationalsozialismus steigerte sich dies zu einem aggressiven Rassismus. Auf diese Geistestradition einer vermeintlich homogenen Gruppe spielt Höcke an, wenn er sagt: «Mein liebes Volk.» Tatsache ist, dass gerade Mitteleuropa immer ein grosser Topf des sozialen Wandels war. Es gab immer starke Wanderungsbewegungen in alle Richtungen. Die Vorstellung eines homogenen Urvolks ist pure Fantasie. Wenn Höcke seine Vorfahren aus dem 16. Jahrhundert treffen würde, hätte er grosse Schwierigkeiten, sich mit ihnen zu verständigen. Sprache, Weltbilder und Lebensauffassung wären sehr unterschiedlich.

Auch Gauland fällt mit eigenartigem Geschichtsverständnis auf. Etwa in seiner Vogelschiss-Rede, bei der er von einem Deutschland mit 1000 Jahren erfolgreicher Geschichte sprach. Lässt man Gaulands «Vogelschiss Zweiter Weltkrieg und Holocaust» weg, bleiben etwa noch der Erste Weltkrieg oder auch der Dreissigjährige Krieg, die keinesfalls für Erfolg stehen. Welche deutsche Geschichte meint Gauland?
Gauland, aber auch Höcke haben vermutlich Goethe, Kant, Hegel oder Beethoven vor Augen. Man muss sich aber vorstellen, wie die Mehrzahl der Menschen etwa zu Kants Zeiten gelebt haben. Das waren überwiegend Bauern, Landarbeiter, Handwerker, Menschen in einfachen Alltagsumständen, oft in widrigsten Lebensbedingungen mit hoher Sterblichkeit. Kriege und Gewalt gehörten zum Alltag. Die genannten grossen Köpfe waren Angehörige einer sehr kleinen Gesellschaftsschicht. Im Übrigen wurde der Nationalismus erst im 18. Jahrhundert erfunden. Ein Bauer in Sachsen, ein Kaufmann in Hamburg, ein Wirt in München hätte wohl seine regionale und seine religiöse Bindung benannt, aber sich kaum als deutschen Nationalisten bezeichnet. Goethe verstand sich als Kosmopolit.

Die AfD ist 2017 erstmals in den Bundestag eingezogen, in den ostdeutschen Bundesländern ist sie eine wichtige Kraft, sie dominiert die öffentlichen Debatten. Warum ist die AfD derart erfolgreich unterwegs?
Viele Menschen bevorzugen einfache Erklärungen der Welt, gerade weil diese immer komplexer wird. Das historische Bewusstsein für die Grundlagen unserer heutigen Freiheit gerät aus dem Blick. Gerade in West- und Zentraleuropa haben wir Gesellschaften mit nie gekanntem Wohlstand, einen nie gekanntem Grossraum des Friedens und ein nie gekanntes Mass an persönlicher Freiheit und Sicherheit. Keine Generation vor uns hat historisch in Europa 73 Jahre ununterbrochenen Friedens erlebt. Wenn die Vergangenheit verklärt wird, sollte sich jeder AfD-Wähler vergegenwärtigen, wie seine Vorfahren vor hundert oder zweihundert Jahren in Deutschland lebten. Wir erleben seit Jahrzehnten enorme Fortschritte, medizinisch, sozial, gesellschaftlich. Die Gründe liegen vor allem in unserem stabilen Rahmen von Freiheit und Recht. Die parlamentarische Demokratie ist eine historische Errungenschaft, ebenso wie die soziale Marktwirtschaft und der Rechtsstaat: Diese Errungenschaften müssen wir immer wieder als historisch geworden erklären und verteidigen. Sie bedürfen unseres Einsatzes.

Wie viel Extremismus steckt in der AfD? Wo ist für Sie die Grenze zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus?
Es wird dann problematisch, wenn die parlamentarische Demokratie oder die Rechtsstaatlichkeit infrage gestellt wird. Oder wenn zu Gewalt aufgerufen wird.

Von Gauland stammt der Kampfaufruf gegen Kanzlerin Angela Merkel: «Wir werden sie jagen?» Wie beurteilen Sie das?
Klar, Worte stehen für Denken und Wollen. Man muss die Menschen aber an ihren Taten messen. Wer mit «jagen» Gewalt meint und nicht parlamentarische Debatten, ist ein Gegner der Demokratie und der Verfassung. Worte sind oft Vorstufen des Handelns, weil sie appellativen Charakter haben. Die Verrohung der Sprache ist in jedem Fall bedenklich.

In Deutschland läuft eine Debatte über die Frage, ob die AfD unter Beobachtung des Verfassungsschutzes gestellt werden soll. Was ist Ihre Meinung dazu?
Es gibt Überschneidungen zwischen der AfD und den Reichsbürgern und der Identitären Bewegung: Bei diesen erklärten Gegnern des Grundgesetzes und des Rechtsstaates muss der Verfassungsschutz aktiv sein. Die AfD als Ganzes erscheint komplexer. Würde die AfD insgesamt beobachtet, könnte sie sich in eine Opfer- und Stigmatisierungsrolle gestellt sehen. Das würde ihr wohl eher nützen. Mit der AfD muss man sich politisch auseinandersetzen. Das ist sehr wichtig. Man muss zeigen, woher sie kommt, wofür sie steht und wohin sie will. Dann muss jeder Bürger selber entscheiden, ob er in einem AfD-gedachten, völkischen Staat leben möchte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2018, 21:46 Uhr

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