«Gebt den Nobelpreis zurück»

Für gewöhnlich erfüllt es die Norweger mit Stolz, dass ein Komitee aus ihrem Land den Friedensnobelpreis vergibt. Mit der diesjährigen Wahl sind aber viele überhaupt nicht zufrieden.

Nicht alle teilen die Freude: Die Europäische Union gewinnt den Friedensnobelpreis 2012 – bulgarische EU-Befürworter hissen in Sofia eine Flagge. (Archivbild)

Nicht alle teilen die Freude: Die Europäische Union gewinnt den Friedensnobelpreis 2012 – bulgarische EU-Befürworter hissen in Sofia eine Flagge. (Archivbild) Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Noch selten ist die Bekanntgabe eines Friedensnobelpreises nur mit Zustimmung begleitet worden. Unabhängig davon, ob es sich beim Preisträger um eine iranische Frauenrechtlerin oder einen amerikanischen Präsidenten handelte, zeigten sich die meisten Norwegerinnen und Norweger letztlich aber stolz darüber, dass ein fünfköpfiges Komitee aus ihrem abgelegenen Land einmal pro Jahr die weltweiten Schlagzeilen dominiert.

Nach der am Freitag bekannt gegebenen Verleihung des Preises an die Europäische Union wurden jedoch ganz andere Töne angeschlagen: «Gebt den Preis an die Schweden zurück», forderte ein linker Osloer Lokalpolitiker, der sich «beschämt und erniedrigt» zeigte. Der Grund: Kein anderes Thema besitzt in Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg eine derart grosse politische Sprengkraft wie das Verhältnis zu Europa.

Tanz auf mehreren Hochzeiten

Deshalb mochten sich viele eingeschworene EU-Gegner am Freitag auch gar nicht mit der Begründung des Nobelkomitees auseinandersetzen, laut welcher der Integrationsprozess in den «letzten sechzig Jahren entscheidend zu Frieden und Demokratie» in Europa beigetragen habe, sondern schossen sich sogleich auf den Komiteevorsitzenden Thorbjörn Jagland ein: Dieser habe den «Friedensnobelpreis missbraucht». Tatsächlich tanzt Jagland auf mehreren Hochzeiten: Als früherer sozialdemokratischer Premier hat er sich stets für den Beitritt seines Landes zur EU starkgemacht. Heute befasst er sich als Generalsekretär des Europarats namentlich mit europäischen Demokratiefragen.

Die gestrige Bekanntgabe wurde zudem von unschönen Vorkommnissen begleitet, die die Debatte und Proteste in Norwegen weiter anheizten: So soll die einzige klare EU-Gegnerin im Nobelkomitee an der entscheidenden Sitzung gefehlt haben. Auch ehemalige Weggefährten Jaglands wie der Staatsrechtler Eivind Smith forderten gestern Abend den Komiteevorsitzenden auf, sein Amt aufzugeben: «Die doppelten Rollen sind unglücklich für das Ansehen des Friedensnobelpreises», sagte Smith.

«Verbrüderung der Völker»

Verschiedene Kommentatoren erinnerten am Freitag an die Verleihung des Friedensnobelpreises an den damaligen westdeutschen Bundeskanzler Willy Brandt im Jahre 1971: Ein Jahr vor der ersten (von bislang) zwei Volksabstimmungen zur EU empfanden viele norwegische Europagegner diesen Entscheid schon fast als eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten – und boykottierten damals die Feierlichkeiten im Osloer Rathaus.

So weit dürfte es in diesem Jahr nicht kommen: Denn derzeit steht die Beitrittsfrage im ölreichen nordischen Land weit unten auf der politischen Tagesordnung. Das hat nicht zuletzt mit der unterdessen gesetzlich festgeschriebenen Unbeweglichkeit Norwegens in der EU-Frage zu tun. So kann schon ein Fünftel des nationalen Parlaments die Einreichung eines Beitrittsgesuches verhindern. Umgekehrt verfügen die norwegischen Bürger im Unterschied etwa zu den Schweizern über kein Recht, mittels Volksinitiative eine Frage zur Abstimmung zu bringen. Der norwegische Weltpolitiker Jagland mag in dieser blockierten Situation eine Chance gesehen haben, die grenzüberschreitende Demokratie zu würdigen, die – ganz im Sinne des Preisstifters Alfred Nobel – zur «Verbrüderung der Völker» beigetragen hat.

Erstellt: 13.10.2012, 07:40 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Frage ist, ob die EU etwas für den Frieden gemacht hat»

Interview Der Friedensnobelpreis geht an die EU. Pierre Brunner von der Basler World Peace Academy hat seine Zweifel, ob diese Vergabe Sinn macht. Mehr...

Friedensnobelpreis geht an die EU

Seit sechs Jahrzehnten ohne Krieg: Das Nobelpreiskomitee zeichnet die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis 2012 aus. Mehr...

Macht der Nobelpreis Europa chinesischer?

Kommentar Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Autor Philipp Löpfe freut sich über den Friedenspreis für Europa. Er ist ein willkommenes Signal für mehr Einigkeit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Weisse Pracht: Schneebedeckte Chalet-Dächer in Bellwald. (18. November 2019)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...