Gefallene Königin des Boulevards

Als britische Statthalterin von Medienmogul Murdoch übte Rebekah Brooks einst ungeheuren Einfluss aus. Jetzt steht sie wegen Abhöraktionen vor Gericht – und bestreitet, von dem illegalen Tun gewusst zu haben.

Tief gefallen: Rebekah Brooks,ehemalige Chefredakteuren der «News of the World».

Tief gefallen: Rebekah Brooks,ehemalige Chefredakteuren der «News of the World». Bild: Sang Tan/Keystone

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Sie war die einflussreichste Frau seit Margaret Thatcher in Grossbritannien. Sie gab allmorgendlich den Ton an, einen Ton, den die «einfachen Leute» im Land verstanden. Sie konnte über Nacht Karrieren zerstören, Filmstars vom Himmel holen, Politiker und Royals in Panik zu versetzen. Buckingham Palace suchte sich mit ihr zu arrangieren. Drei britische Premiers buhlten um ihre Gunst.

«Times», «Sunday Times», «Sun» und «News of the World» waren ihr Reich. Rebekah Mary Brooks, vormals Rebekah Wade, war erst Rupert Murdochs Günstling, dann seine Stimme in London und später seine Statthalterin auf den Britischen Inseln. Sie war bestens vernetzt, die begehrteste Salonlöwin in der politischen Szene. Wohin sie kam, wurde der rote Teppich für sie ausgerollt.Und nun? Nun sitzt Brooks bleich in Saal 12 des Old Bailey, dem Londoner Hauptstrafgericht: im Angeklagtenkäfig. Aus allen Wolken ist die frühere Himmelsstürmerin gefallen. Statt mit Freund Dave, dem Regierungschef, über Felder zu reiten, muss sie sich seit vier Monaten pünktlich um zehn im Gericht einfinden. Und sich gegen die Anschuldigung verteidigen, sie habe illegale Lauschaktionen angeordnet, Korruptionsgelder bewilligt, Beweismaterial vernichtet und mit allen Mitteln versucht, die Behörden hinters Licht zu führen.

Hemmungslose Sensationsgier

Wenn die neun Frauen und drei Männer auf den Geschworenenbänken sie für schuldig erklären, muss Brooks mit mehreren Jahren hinter Gittern rechnen. Kein Wunder, dass sie von all den Dingen, die ihr zur Last gelegt werden, nichts gewusst haben will. «Sorry?», fragt sie immer wieder zerstreut und ungläubig, wenn ihre angeblichen Übeltaten vor Gericht aufgelistet werden.

Von den systematischen Hacking-Angriffen der «News of the World» in den Jahren 2000 bis 2003 will Rebekah Brooks, wie sie beteuert, nichts gewusst haben. Dass ihre Reporter und für teures Geld angeheuerte Privatdetektive Zigtausende von Voicemailnachrichten heimlich abhörten, als sie Chefredaktorin des Blattes war: Davon, sagt die 45-Jährige, habe sie keine Ahnung gehabt.Die Staatsanwaltschaft nimmt ihr das nicht ab.

Dass Brooks einem Topschnüffler ein Jahreshonorar von fast 100'000 Pfund bewilligte, ohne wissen zu wollen, wie und was er für sie ausschnüffelte, erscheint der Anklage wenig plausibel. Auf einer Party soll sie einmal ausgeplappert haben, dass eine Geschichte über Paul McCartney und Heather Mills direkt «von einer Voicemail» kam. Einer Bekannten, die dies beschwört, soll sie beim Lunch ausserdem erzählt haben, wie lachhaft einfach es sei, Voicemails fremder Mobiltelefone abzuhören. Eine spezielle Telefonlinie für solche Zwecke soll es bei der «News of the World» gegeben haben.

Und vor dem Medienausschuss des Unterhauses sagte sie zum Entsetzen ihres damaligen Stellvertreters Andy Coulson: «Wir haben die Polizei schon in der Vergangenheit für Informationen bezahlt.» Natürlich nur im Rahmen des Legalen, fügte Coulson schnell hinzu.

Mit Coulson stand sie auch in telefonischem Kontakt in jener Nacht im Frühjahr 2002, in welcher «News of the World» eine Nachricht von der Voicemailbox einer vermissten (und später ermordet aufgefundenen) 13-Jährigen namens Milly Dowler für eine Sensationsgeschichte verwendete. Beim Andruck wurde die Voicemail in der Story noch erwähnt. In der zweiten Ausgabe war sie aus dem Blatt verschwunden.

Das half den Urhebern der Story wenig. Die Milly-Dowler-Story war es, die den ganzen Hacking-Skandal auffliegen liess. Die Empörung, welche dieser Fall in Grossbritannien auslöste, führte letztlich zum Verdacht systematischer Abhöraktionen, zu polizeilichen Ermittlungen, immer neuen Enthüllungen und im Sommer 2011 schliesslich zur Einstellung der «News of the World», eines 168 Jahre alten Sonntagsblatts.

Brooks, damals Murdochs Generaldirektorin für all seine britischen Presseprodukte, teilte den 200 Mitarbeitern des Boulevardblatts ungerührt mit, dass sie entlassen seien. Keine Miene, so berichteten Betroffene, habe sie dabei verzogen. Auch diese Aktion hatte mit ihr angeblich nichts zu tun.

Zu dieser Zeit glaubte Murdoch noch, Brooks halten zu können. Sie sei, sagte er versonnen, seine «Priorität». Böse Stimmen munkelten, der Medienmogul habe eine Zeitung geopfert, um eine Frau zu retten. Doch dieses Opfer vermochte sie nicht zu retten, zu unerhört war der Skandal.

Murdochs Extratochter

Zur «Priorität» Murdochs hatte sich Rebekah Brooks zielstrebig hochgearbeitet. Journalistin habe sie werden wollen, seit sie acht Jahre alt war, hat sie im Old Bailey mit leiser Stimme gesagt. Bei Murdochs Massenblatt war sie erst Redaktionshelferin, danach gelegentliche Schreiberin. Dann übernahm sie, 26-jährig, die Features-Abteilung. Mit 31 war sie schon Chefredaktorin – von Murdoch favorisiert. Drei Jahre später machte «der Boss» sie zur Chefin seines Tabloid-Flaggschiffs «The Sun». Und noch einmal sechs Jahre später zu seiner Geschäftsführerin in London. Es war, so wurde es vor Gericht beschrieben, «ein meteoritenhafter Aufstieg».

Der betagte Patriarch fühlte sich der Gärtnerstochter offenbar zugetan. Zu ihrem 40. Geburtstag arrangierte er eine spezielle Feier und machte ihr ein wertvolles Gemälde zum Geschenk. Bei seinen täglichen Anrufen aus den Staaten erkundigte er sich jeweils nach dem Geschäftsgang und ihrem Wohlbefinden.Sie habe dem alten Herrn «sehr nahegestanden», sagte Brooks aus. Er habe ihr in allem vertraut. In der Tat scheint Rupert Murdoch, Vater von sechs Kindern, sie als eine Art englische Extratochter betrachtet zu haben. Fasziniert war er zweifellos von dem ebenso plauderlustigen wie ehrgeizigen, kühl kalkulierenden, markant rotlockigen Geschöpf aus seinem Betrieb. In Sachen aggressives Zielbewusstsein musste er sich Rebekah Brooks von Anfang an verwandt gefühlt haben. Ihm war wohl auch bewusst, dass der mädchenhafte Charme und die beträchtlichen Networkingfähigkeiten seiner Favoritin sich für politische Einflussnahme nutzen liessen.

Denn fasziniert von Brooks waren auch gewisse Leute, von denen sich Murdoch beim Ausbau seines britischen Medienreichs helfen lassen wollte – und die sich ihrerseits von einem guten Verhältnis mit dem Medienmogul eine gute Presse versprachen. Tony Blair, Gordon Brown und David Cameron machten Brooks alle den Hof. Die feurige Rebekah durfte auf keiner Geburtstagsfeier, keiner Hochzeit, keiner Landpartie fehlen. Sie übernachtete auf dem Regierungslandsitz Chequers, stand in munterer Verbindung mit diversen Kabinettsmitgliedern und war vor allem bei den Camerons ein regelmässiger Gast.

Bezaubernd bis abstossend

Eine grossäugige, fast kindliche Verwunderung über Zweifel an ihrer Rechtschaffenheit zeigt sie im Prozess. Zwischen ihren Aussagen nippt sie an einem Gläschen Wasser, das kein böser Gedanke trüben könnte. Mal braucht sie ein Päuschen, weil sich ihre Augen mit Tränen füllen. Dann wirft sie dem Richter ein artiges Lächeln zu, auf das dieser – bemerkenswerterweise – mit sanfter Väterlichkeit und kleinen Scherzen reagiert.

«Bezaubern hat sie immer können», hat ihre Jugendfreundin Louise Weir erklärt. «Es ist ihr immer gelungen, aus anderen alles herauszuholen, was sie haben wollte.» Wie weggewischt sind in solchen Augenblicken die bitteren Klagen, die sich in Murdochs Zeitungsfestung in Wapping gegen sie angesammelt haben. Dass sie auch ganz anders sein konnte im täglichen Geschäft. Dass ihre Mitarbeiter sie nie wirklich interessierten. Dass sie die Leute einschüchterte und mit Aschenbechern um sich warf. Dass sie Filmstars am Telefon schmeichelte, um sie anderntags in die Boulevard-Pfanne zu hauen, rücksichtslos.

Oder dass sie einer Windsor-Prinzessin ein Interview mit dem Versprechen abluchste, «Informationen» über sie zurückzuhalten – nur um diese Informationen einen Tag später auch noch zu veröffentlichen. Und dass sie mit einer Kampagne zur Hatz auf Pädophile und Päderasten rief. Bis versehentlich ein Kinderarzt (Paediatrician) vom Mob tätlich angegriffen wurde, weil Leser von «News of the World» die ähnlich klingenden Begriffe nicht auseinanderhalten konnten.

Ehebrüche, Affären, Skandale ihrer Mitbürger waren der Stoff, von dem die beiden Zeitungen, denen sie als Chefredaktorin vorstand, lebten. 30 Millionen Pfund Gewinn im Jahr spielte allein «News of the World» zu jenen Zeiten ein. Entsprechende Summen wurden aufgewendet, um Celebrities (oder ihre Partner) zum Reden bringen. Wenn sie nicht reden wollten, wurden die Mülleimer und Papierkörbe durchschnüffelt. Und irgendwann eben auch Mobiltelefone und Maileingänge angezapft, wie drei Nachrichtenchefs der «News of the World» gestanden haben.

Wusste Rebekah Brooks, ihre Chefin, davon wirklich nichts? Immerhin fiel ihr Aufstieg mit der Zunahme illegaler Praktiken zusammen, wie der «Independent» festhielt. Sie habe, sagte Brooks am Dienstag aus, nicht einmal gewusst, dass Hacking-Praktiken illegal seien. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr freilich auch vor, inkriminierende Mails gelöscht, Archivmaterial vernichtet, Mobiltelefone «verloren» zu haben. Den Geschworenen wurden Aufnahmen einer Parkhauskamera vorgeführt, die ihren Mann Charlie beim Versuch zeigen, einen Laptop von ihr loszuwerden. Eine aufmerksame Putzkraft machte einen Strich durch die Entsorgungsrechnung.

Prozess bis Ostern

Nun sitzt auch Charlie Brooks (und übrigens auch Andy Coulson) auf der Angeklagtenbank. Nur einen Bruchteil der Geschichte hat man im Old Bailey bisher gehört.Was man weiss, ist bereits unangenehm genug für den amtierenden Premier. Coulson war immerhin Camerons Regierungssprecher. Brooks war seine Vertraute. Privat wie im Werben um Murdochs Gunst. Mit ihr pflegte sich Dave mindestens einmal die Woche auszutauschen. Beide luden einander häufig zu sich nach Hause ein. Charlie Brooks war ein Schulfreund Camerons aus Schulzeiten in Eton. Sie wohnten nicht weit voneinander entfernt, in einer vornehmen Ecke der Grafschaft Oxfordshire.

Der Hacking-Skandal und die von Murdoch geplante Übernahme des Satellitensenders BSkyB waren Themen, die beim «country supper» mit Cameron zur Sprache kamen. So viel hat Rebekah Brooks inzwischen eingeräumt. Sie suchte zwischen Cameron und Murdoch zu vermitteln. Ihr Anwalt hat die Jury beschworen, seine Mandantin «nicht dafür zu verurteilen, dass sie für Mr. Murdochs Firma arbeitete», und auch «nicht dafür, dass sie Chefin einer Boulevardzeitung war». Dafür stehe sie nicht vor Gericht. Ob ihr nachgewiesen werden kann, wofür sie vor Gericht steht, kann noch niemand sagen. Der Prozess dürfte bis Ostern dauern, mindestens. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2014, 08:43 Uhr

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