Hintergrund

Geheime Mörder

Die kroatische Polizei hat den früheren Geheimdienstgeneral Perkovic verhaftet. Er soll vor 30 Jahren den Mord an einem im deutschen Exil lebenden Kritiker des jugoslawischen Regimes angeordnet haben.

Nach dem Termin beim Haftrichter: Geheimdienstgeneral Perkovic (links) wird von Polizisten in Zivil abgeführt.

Nach dem Termin beim Haftrichter: Geheimdienstgeneral Perkovic (links) wird von Polizisten in Zivil abgeführt. Bild: Stringer/AFP

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Das neue Jahr begann für Josip Perkovic mit einer bösen Überraschung. Am Mittwoch gegen 10 Uhr legte ihm die kroatische Polizei die Handschellen an. Danach wurde er in der Hauptstadt Zagreb dem Haftrichter Oliver Mittermayer vorgeführt. Dieser entschied, dass der frühere jugoslawische Geheimdienstgeneral bis zu seiner Auslieferung an Deutschland hinter Gittern bleiben muss. Perkovic wird seit dem 1. Juli 2013 per europäischen Haftbefehl von der deutschen Justiz gesucht.

Laut Generalbundesanwaltschaft hat er 1983 den Mordanschlag auf einen kroatischen Exilpolitiker und Ex-Manager organisiert. Neben Perkovic wurden in Kroatien weitere neun Personen gefasst, die international zur Verhaftung ausgeschrieben sind. Darunter befindet sich auch der ehemalige Chef des jugoslawischen Geheimdienstes Zdravko Mustac, dessen Auslieferung Deutschland ebenfalls verlangt.

Kroatien hatte die Auslieferung Perkovics monatelang mit allerlei juristischen Tricks blockiert. Drei Tage vor dem EU-Beitritt des Landes am 1. Juli 2013 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das die Überstellung kroatischer Staatsbürger in andere EU-Staaten verbietet, wenn sie ihre Taten vor dem August 2002 verübt haben. Die Ausnahmeregelung ermöglichte es Perkovic, unbehelligt in seiner Villa im prominenten Pantovcak-Viertel in Zagreb zu leben, wo sich auch der Amtssitz des kroatischen Präsidenten befindet.

Wirksamer Druck aus Brüssel

Die Weigerung der kroatischen Regierung, Perkovic auszuliefern, hatte zu monatelangen Verstimmungen mit der EU geführt. Kaum in die Union aufgenommen, wurde Kroatien als Paria behandelt, der die grundlegenden europäischen Werte verletzte und Kriminelle versteckte, wie EU-Justizkommissarin Viviane Reding sagte. Aus Protest gegen das Verhalten der Kroaten blieb die deutsche Kanzlerin Angela Merkel der Beitrittsfeier in Zagreb fern. Brüssel drohte mit Sanktionen und fror Fördermittel ein. Der Druck zeigte Wirkung, das hoch verschuldete Land mit gerade 4,4 Millionen Bürgern musste klein beigeben: Das «Sabor» genannte Parlament beschloss im September, das Auslieferungsgesetz an das EU-Recht anzupassen. Seit dem 1. Januar 2013 ist der europäische Haftbefehl auch in Kroatien uneingeschränkt gültig.

Ob Perkovic, der Agent mit der Lizenz zum Töten, tatsächlich an die deutsche Justiz ausgeliefert wird, ist allerdings unklar. Der Mord in Deutschland, der Perkovic zur Last gelegt wird, ist nach kroatischem Recht verjährt. Es ist möglich, dass Perkovic (68) und sein früherer Vorgesetzter Mustac (74) in Kroatien vor Gericht gestellt und freigesprochen werden. Danach könnten sie von der deutschen Justiz für dieselbe Tat nicht mehr belangt werden. Perkovics Anwalt sagte, sein Klient werde sich mit juristischen Mitteln gegen die Auslieferung an Deutschland wehren.

Perkovic soll gemäss Angaben der deutschen Generalbundesanwaltschaft mehrere Attentäter auf Stjepan Durekovic angesetzt haben. Der Manager des jugoslawischen Erdölunternehmens INA flüchtete im April 1982 über Österreich nach München, wo er sich den kroatischen Kritikern des jugoslawischen Vielvölkerstaates anschloss. Er bezeichnete den Kommunismus als «einzigen Betrug» und drohte, mehrere Korruptionsaffären hochrangiger KP-Funktionäre öffentlich zu machen.

15 Monate nach seiner Flucht wurde der 57-jährige Durekovic im oberbayerischen Wolfratshausen tot aufgefunden – die Täter überraschten ihn in einer Garage, die zu einer Druckerei umgebaut worden war. Dort wollte der Dissident regimekritische Texte kopieren. Ein Kroate, der den Tätern die Schlüssel zu jener Garage besorgt hatte, wurde 2008 vom Oberlandesgericht München zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein ehemaliger Mitarbeiter des jugoslawischen Geheimdienstes, der die kroatische Diaspora infiltriert hatte, bezeichnete Josip Perkovic gegenüber den deutschen Behörden als Auftraggeber des Mordes an Stjepan Durekovic.

Die 118 Seiten lange Urteilsbegründung des Gerichts in München gibt einen bemerkenswerten Einblick in die kriminellen Machenschaften des jugoslawischen Geheimdienstes in Deutschland. Demnach hat das Regime von Josip Broz Tito «von 1945 bis 1989 in der Bundesrepublik Deutschland 67 Tötungsdelikte an Kroaten verübt». Die deutschen Richter sind überzeugt, dass Tito bis zu seinem Tod im Mai 1980 «allein» die Mordanschläge im Ausland befahl.

Schweizer Polizei ermittelte

Den Killern des Belgrader Regimes fielen nicht nur kroatische Dissidenten zum Opfer: Am 17. Januar 1982 wurden in Untergruppenbach bei Heilbronn drei bekannte kosovo-albanische Menschenrechtsaktivisten erschossen. Die Mörder des Schriftstellers Jusuf Gervalla, seines Bruders Bardhosh und des in der Ostschweiz lebenden Journalisten Kadri Zeka wurden bisher nicht entdeckt. An den Ermittlungen des deutschen Bundeskriminalamtes war zu Beginn der 80er-Jahre auch die Schweizer Bundespolizei beteiligt. Angehörige der Familie Gervalla hoffen nun, dass die Auslieferung der ehemaligen jugoslawischen Geheimdienstler Perkovic und Mustac Licht ins Dunkel der politischen Morde bringen könnte.

Dass die kroatischen Behörden Perkovic bisher in Schutz nahmen, ist mit seinem immer noch grossen Einfluss im Land zu erklären: Der General hatte beim Zerfall Jugoslawiens vom kommunistischen zum kroatischen Geheimdienst gewechselt und stieg zur Schlüsselfigur im Sicherheitsapparat auf. Er kontrollierte während des kroatischen Unabhängigkeitskriegs in den 90er-Jahren nicht nur den militärischen Abwehrdienst, sondern auch die meist illegalen Waffen- und Munitionskäufe. Perkovic weiss viel über Geldflüsse, kriminelle Machenschaften, korrupte Politiker und dubiose Privatisierungen in Kroatien seit der Abspaltung von Jugoslawien vor mehr als 20 Jahren. Sein Wissen könnte vielen gefährlich werden.

Wertvolle Informationen über die jüngste kroatische Geschichte hat auch sein Sohn Sasa: Er dient seit über zehn Jahren als Sicherheitsberater im Präsidentenpalast. Die Perkovics sind «ein Staat im Staat», sagt ein Sicherheitsexperte in Zagreb. Auffallend nach der Verhaftungswelle waren die zurückhaltenden Erklärungen hochrangiger Politiker in Zagreb: Sowohl Staatschef Ivo Josipovic als auch Justizminister Orsat Miljenic sagten, Perkovics Schicksal liege in den Händen der Justiz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2014, 07:32 Uhr

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