Geheimoperation Reisswolf

In Österreich ist ein Video aufgetaucht, das zeigt, wie ein Mann Festplatten schreddert – kurz nach Bekanntwerden der Ibiza-Affäre. Bei dem Mann handelt es sich um den damaligen Social-Media-Chef von Kanzler Kurz.

Das Video der österreichischen Zeitung «Falter» zeigt die Bilder der Schredder-Aktion und ordnet gleichzeitig ein. Video: Falter/Youtube


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Der mysteriöse Besucher, der nur ein paar Tage nach der Aufdeckung der Ibiza-Affäre in einem österreichischen Aktenentsorgungsbetrieb mit dem eingängigen Namen «Reisswolf» auftaucht, will ganz sicher sein: Fünf Festplatten lässt er schreddern, erst einmal, dann zweimal und dann noch ein drittes Mal. Und er will nicht nur dabei zusehen, sicher ist sicher, sondern die pulverisierten Reste auch wieder mitnehmen. Und so steht der stämmige junge Mann an einem Donnerstag Mitte Mai, um 11.05 Uhr, vor einer Schreddermaschine und überwacht die Zerstörung der Datenträger. In die Besucherliste trägt er den Namen «Walter Maisinger» ein, in einem Formular nennt er auch eine zum Namen passende E-Mail-Adresse – und in die Rubrik «Firma» schreibt der Mann: «privat».

Nichts davon stimmt.

Der Mann, der in der Woche nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen die FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus so unbedingt Daten vernichten will, heisst in Wahrheit Arno M. – und er ist der Social-Media-Chef im österreichischen Kanzleramt unter Sebastian Kurz: jenem ÖVP-Kanzler, der fast zwei Jahre lang mit Strache Österreich regiert hat.

Ein Kanzlermitarbeiter, der unter falschem Namen Festplatten vernichten lässt, Festplatten aus dem Bundeskanzleramt, wie sich herausstellen wird – in der Woche nach dem grössten Polit-Skandal des Landes seit vielen Jahrzehnten? Die vielen Fragezeichen lassen sich kaum zählen, die dieser Vorfall aufwirft.

Offene Rechnung liess den Fall ans Licht kommen

Aufgeflogen ist die Sache wegen einer unbezahlten Rechnung, wegen 76 Euro und 45 Cent, und dem Unwillen der Firma Reisswolf, es dabei zu belassen. Also suchte ein Reisswolf-Mitarbeiter sich die angegebene Telefonnummer heraus – unter der sich aber eben nicht Walter Maisinger meldete, sondern jener Arno M. Der Mitarbeiter des Bundeskanzleramts.

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft, genau genommen jene Einheit, die sich auch mit der Ibiza-Affäre beschäftigt. Sie prüft, ob hier womöglich Beweismittel vernichtet wurden. Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein hat ausserdem eine interne Untersuchung angeordnet.

Die Ibiza-Affäre ist damit um eine Volte reicher.

Nachdem der Vorfall am Wochenende von der Zeitung Kurier öffentlich gemacht worden war, winkte Österreichs Bundeskanzler a.D. Sebastian Kurz am Montag ab: Das Ganze sei ein «ganz üblicher Vorgang», bei einem Regierungswechsel würden Laptops und Handys zurückgegeben. Bei dem Geschredderten soll es sich angeblich um die Festplatte eines Druckerservers gehandelt haben. Und der sei eben gelöscht worden. Alles ganz normal. Oder?

Ganz und gar nicht. Dokumente, interne Unterlagen und Videos von der Festplatten-Schredderei, die der Wiener Wochenzeitung «Falter» zugespielt wurden und die die «Süddeutsche Zeitung» und der «Spiegel» einsehen konnten, lassen daran ernsthaft zweifeln. Auch der Chef der Aktenvernichtungsfirma erklärte, das Verhalten sei «absolut unüblich» gewesen. Aber von vorne: Zunächst einmal war es eben nicht, wie von der ÖVP suggeriert, nur eine Festplatte, die höchstkonspirativ geschreddert wurde, sondern es waren ganze fünf Stück.

Der Mitarbeiter des Kanzleramts trug die Seriennummern der Platten im Rahmen der Zerstör-Aktion in dem Aktenvernichtungsbetrieb auch fein säuberlich in ein Formular ein. Die Nummern – etwa die Y5GTCZ92T – geben Aufschluss über die Herkunft der Platten. Sie werden in Druckern verbaut, aber laut IT-Experten auch in Toshiba-Notebooks. Das Bundeskanzleramt wollte sich auf Anfrage «aufgrund laufender Ermittlungen» nicht weiter dazu äussern.

Mitarbeiter fertigten Protokoll an

Den Mitarbeitern des Aktenvernichtungsbetriebs war auch aufgefallen, dass der vollbärtige Mann extrem nervös gewesen sei, erklärten sie später der Polizei. Zwar sei es nicht ungewöhnlich, dass Kunden Festplatten eigenhändig zerstören wollen. Solche Kunden werfen die Festplatten dann eigenhändig in einen riesigen Trichter und – Ratsch, Ratsch – rieselt auf einem Förderband das Festplattengranulat heraus. Damit ist es dann aber auch getan.

Nicht so bei dem Mann, der sich Walter Maisinger nannte. Auf einem Überwachungsvideo, das die «Süddeutsche Zeitung» einsehen konnte, ist zu sehen, wie die Metallteile von den zerstörten Festplatten noch einmal in den grossen Trichter der Maschine geworfen werden. Und noch einmal. Am Ende kehrt ein Mitarbeiter der Firma die Metallspäne zusammen und überreicht sie dem Kurz-Vertrauten in einer Schachtel.

Der Vorgang sei sogar so verdächtig gewesen, dass die Mitarbeiter des Entsorgungsbetriebes ein Protokoll anfertigten. «Kunde bei Vernichtung anwesend, geschredderte Festplatten wieder mitgenommen (Material wurde gesamt 3x geschreddert)», heisst es darin.

Nur wenige Tage nach der Schredder-Aktion wird Sebastian Kurz in einem Misstrautensvotum abgewählt. Seine Abschiedsrede überträgt das Fernsehen – und auch einige Mitarbeiter des Wiener Aktenvernichtungsunternehmens Reisswolf sehen zu. Zu dieser Zeit rätseln sie noch, wer wohl der geheimnisvolle Besucher gewesen sein mag. Dann erkennen sie hinter Sebastian Kurz den stämmigen jungen Mann mit Vollbart: Walter Maisinger aka Arno M. Der Mann, der höchst konspirativ zum mehrmaligen Schreddern vorbeigekommen war und der sie am Ende auf der Rechnung sitzen liess. Das werden die Reisswolf-Leute nicht auf sich sitzen lassen, und so rätselt Österreich nun, was auf den geheimnisvollen Platten gewesen sein mag. Vermutlich wird sich das nie klären lassen.

Erstellt: 23.07.2019, 12:06 Uhr

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