Gehört die AfD inzwischen dazu?

Zuletzt erreichte die AfD in Bayern 12 Prozent. Ein kurzer Protest, dachten viele. Doch der Wind hat sich gedreht. Spurensuche in der westdeutschen AfD-Hochburg.

In Bayern angekommen? Besucher am Gillamoos, einem der ältesten Jahrmärkte in Bayern. (Reuters/Andreas Gebert, 3.9.2018)

In Bayern angekommen? Besucher am Gillamoos, einem der ältesten Jahrmärkte in Bayern. (Reuters/Andreas Gebert, 3.9.2018)

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Im Biergarten haben es sich die zwei jungen Männer gemütlich gemacht, bestellen Bier, rauchen, ratschen – und warten. In ein paar Stunden wird in der Stadthalle von Osterhofen – eine kleine Stadt im Landkreis Deggendorf, im äussersten Osten Bayerns – die AfD zu einer Grossveranstaltung laden. Die beiden gehen zur Gegendemo. «Bei uns ist für Rassismus kein Platz», sagt der eine, «gerade wir Jungen wollen die Welt sehen und weltoffen sein.»

Der andere sagt: «Die AfD redet allen nach dem Mund – wurscht, was für ein Problem einer hat.» Ein Osterhofener, auch um die 20, geht vorbei, man kennt sich in einer Kleinstadt wie dieser. Ein Dialog beginnt: «Trinkts a Halbe für mich mit.» – «Mach'ma. Gehst dann auch an die Stadthalle?» – «Wenn, dann auf die andere Seite.» – «Zur AfD?» – «Ja klar» – «Da kannst dich schleichen!» Gelächter, auf beiden Seiten. Der Passant geht weiter. Es scheint so, als habe man sich damit abgefunden, dass die AfD dazugehört. Dass gut jeder Fünfte ein Anhänger der Rechtspopulisten ist.

Zur Bundestagswahl erzielte die AfD in Bayern das beste Ergebnis in Westdeutschland, 12,4 Prozent. In Niederbayern waren es 16,7, im Kreis Deggendorf 19,2 Prozent. In einer Region, in der die CSU ein Abonnement auf Wählerstimmen zu haben schien. Bis zur Flüchtlingskrise. Im Herbst 2015 herrschte Ausnahmezustand. «Die Stimmung kippt», warnte damals Landrat Christian Bernreiter von der CSU. Im Wahlergebnis war das abzulesen: In einem Deggendorfer Wahllokal, mit einer Grossunterkunft im Viertel, überholte die AfD die CSU sogar. War das ein einmaliges Aufbegehren? Oder ist das eine Vertrauenskrise?

In Osterhofen treffen die Gäste ein, drinnen wie draussen. «Die AfD hält, was die CSU verspricht», hängt als Plakat im Fenster. Der Klassiker beim Stimmenfang. Die AfD sei für ihn das, «was früher die CSU war», meint denn auch ein Besucher. Ein anderer führt aus: «Nur Steuern und Steuern, und das für die.» Dieses «die» hört man oft hier. Die Flüchtlinge.

Auskunftsfreudig ist nicht jeder, ein Mann zischt: «Kein Wort mit der Presse, die drehen dir das Wort im Mund um.» Ein Ehepaar kommt, die Frau nölt: «Duuu, geh'ma da wirklich rein?» Der Gatte sagt «freilich!» und zieht sie ins Foyer. Katrin Ebner-Steiner springt zwischen den Ankommenden umher. Die vierfache Mutter ist das Gesicht der AfD hier, seit sie 2017 die gut 20 Prozent geholt hat. Als Listenführerin in Niederbayern wird sie wohl bald im Landtag sitzen.

Für die Demonstranten ist ein Rasenstück reserviert, es wird eng; auch die Bürgermeisterin von den Freien Wählern ist da. Und die Burschen im Biergarten haben nicht zu viel versprochen, als sie sagten, die Jugend werde kommen. Mit Luftballons und Trillerpfeifen. «Grantln ja, hetzen nein», steht auf einem Schild. Grantln, erzählt der Besitzer, sei «bayerische Lebensart», aber bei der AfD arte das aus. Und die CSU? Der Kurs von Seehofer, Söder, Dobrindt sei «befremdlich» gewesen, «aber jetzt haben sie anscheinend die Kurve gekriegt.»

Kultusminister Bernd Sibler, niederbayerischer Spitzenkandidat? Die örtliche CSU? Über die könne er nichts Schlechtes sagen, «eigentlich gar nichts. Die machen halt ihren Job.» Zwei Polizisten plaudern am Rande. Seine Schwester und ein Freund, so ein Beamter, haben beim Grillen wild gestritten wegen der Flüchtlinge, «die wollten sich die Köpfe einschlagen».

«Wir sind mehr» skandiert die Menge, es stimmt nicht ganz heute. In der Halle wie davor werden es am Ende gut 350 Leute sein. Der frühere AfD-Chef Petr Bystron kommt als «Überraschungsgast». Er sagt, die CSU sei «wie ein angeschossener Fasan», der fliege weiter und man denke, dass er noch lebe – «dabei ist der längst tot». Dann spricht Ebner-Steiner. Im Dirndl, heute ein grau-weisses. Bayernhymne, Defiliermarsch, man gibt sich wie die CSU. «Die Populistin im Dirndl», hat eine Zeitung aus Berlin die 40-Jährige gerade genannt, sie zitiert das stolz.

Ohnehin ist sie selten ohne Presse unterwegs, viele Medien interessieren sich für die «AfD-Hochburg» und ihre Exponentin. Die sagt: Wer CSU wähle, kriege «die Deutschland-Abschafferin Merkel». Fast nach jedem Satz gibt es Applaus. Die Sorge um ihre Kinder treibe sie an; die Sorge, dass die Kinder «auf dem Schulhof als deutsche Kartoffel verspottet werden oder als Christ». Ist diese Frau der Schlüssel für den Erfolg? Tatsächlich hat sie etwas Uriges, Mütterliches.

Im Kontrast fällt das umso mehr auf, nach ihr tritt die AfD-Bundespolitikerin Beatrix von Storch auf. Wenn die geborene Herzogin von Oldenburg spricht, hat man als Zuhörer das Gefühl, man könnte als Gesinde verdingt und auf die Ländereien gejagt werden. Bei Ebner-Steiner erwartet man eher, dass sie gleich ein Blech Apfelkuchen anbietet. Was sie sagt, könnte allerdings oft auch von Björn Höcke stammen. Der Thüringer AfD-Rechtsaussen ist ein Freund von ihr.

Tenor: «Für uns ist kein Geld da, für die schon»

Der nächste Tag, Deggendorf. Am Bahnhof prägen Migranten die Szenerie. Früher galt hier ein Dunkelhäutiger als Kuriosum, die Kinder staunten. Das hat sich geändert, auch hier sieht man viele Afrikaner und arabischstämmige Männer. Hat das die Niederbayern überrumpelt? Nachfragen bei Christian Bernreiter, CSU-Landrat, mit 75 Prozent gewählt. Sein Amt liegt nahe der Grossunterkunft. «Die Stimmung zur Bundestagswahl, gegen die Kanzlerin, gegen die Flüchtlinge ist immer noch dieselbe», sagt er. Allerdings hätten ihm 2017 viele gesagt, das war «ein Denkzettel, beim Landtag wählen wir schon wieder euch». Bernreiter sieht «diffuse Ängste», Tenor: «Für uns ist kein Geld da, für die schon.» Wieder «die».

Vielleicht rührt diese Stimmung aus einer Zeit, als Niederbayern Bayerns Armenhaus war. Heute gilt der Bezirk – mitsamt BMW-Werk in Dingolfing – als Boom-Region, 2,7 Prozent Arbeitslosigkeit. Die AfD, sagt Bernreiter, biete sich als «Ventil» für alles Denkbare an. Schlechte Busverbindungen? AfD! Ärger mit einer Behörde? «Jetzt wähl' ich AfD.» An der Realität der Flüchtlingspolitik könne es nicht liegen. «Das ist ein mühsamer Weg, aber wir leisten gute Arbeit. Grössere Probleme gibt es einfach nicht.»

Kürzlich trafen sich Anwohner der Grossunterkunft, es wurde geklagt: über den Lärm, wenn Afrikaner nachts trommeln; über junge Männer, die am Gehsteig keinen Platz machen. Sorgen um die Sicherheit. Ein Blick auf die Daten: 2017 registrierte die Polizei in ganz Niederbayern 16 Raubdelikte durch Flüchtlinge, 82 Sexualdelikte. Ebner-Steiner zeichnet, so jüngst auf dem Gillamoos, dieses Bild: Beim «Multikulti-Experiment» der Regierenden sollen sich die Deutschen auflösen «wie ein Stück Zucker im Kaffee». Dazu gehörten «täglich Vergewaltigungen, Messerstecher und Mord». Sie fordert etwa eine Ausgangssperre in Flüchtlingsheimen ab 21 Uhr.

In der Lokalzeitung hat Bernreiter der AfD vor kurzem «Fast-SA-Methoden» vorgeworfen. Deren Anhänger hätten bei einem Termin der Frauenunion gedroht: «Wenn wir regieren, werdet ihr alle eingesperrt!» Später bekam er Post von der NPD, in Solidarität mit der AfD: «Sollte der Wind sich drehen», hiess es, «werden alle, welche diesem System des Unrechts bedingungslos dienten, Besuch bekommen!» Andere AfD-Kandidaten versprechen, nach der Wahl werde «ausgemistet».

Bernreiter sagt: «Was da läuft, kennen wir aus den Geschichtsbüchern.» Er sei guter Hoffnung, «dass das vielen Niederbayern jetzt doch unheimlich wird mit dieser AfD». Ebner-Steiner wertet die Anklage als «pure Panik in der CSU». Sie rechnet mit «20 plus» in Niederbayern. Die bayernweite Wahlparty am 14. Oktober steigt nicht in München. Sondern in Mamming bei Dingolfing. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.09.2018, 17:13 Uhr

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