Gnade für den Schwarzen Peter

Ist der niederländische Schmutzli Zwarte Piet eine rassistische Karikatur? Ein Fall für die Gerichte.

Ist der niederländische Schmutzli eine rassistische Karikatur? Ein traditioneller Zwarte Piet in einem Renaissance-Kostüm. Foto: Wikipedia

Ist der niederländische Schmutzli eine rassistische Karikatur? Ein traditioneller Zwarte Piet in einem Renaissance-Kostüm. Foto: Wikipedia

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Wenn Anfang Dezember St. Nikolaus durch Hollands Strassen zieht, wird er begleitet von den Zwarten Pieten, den Schwarzen Petern. Sie haben eine ähnliche Rolle wie bei uns der Schmutzli: Sie sind die Samichlaus-Assistenten – beziehungsweise, in der niederländischen Variante: die Sinterklaas-Assistenten. Sie helfen beim Tragen der Geschenke, führen das Pferd und haben eine Rute bei sich (die sie nicht gebrauchen). Einer Umfrage zufolge ist das Sinterklaas-Fest die beliebteste Tradition der Niederländer, beliebter noch als Weihnachten.

Entsprechend heftig verläuft die seit einigen Jahren wogende Zwarte-Piet-Debatte. Deren Kernfrage lautet: Ist der Schwarze Peter eine rassistische Karikatur? Sie beschäftigt inzwischen gar die Gerichte – ­gestern äusserte sich das höchste holländische Verwaltungsgericht dazu.

Tatsache ist, dass die Schwarzen Peter mit braun oder schwarz geschminktem Gesicht und schwarzen Locken auftreten, oft kommen dicke, rote Lippen und goldene Ohrenringe hinzu. Für die Zwarte-Piet-Kritiker ist die Figur ein Symbol der Sklaverei, gewissermassen eine Hommage an Hollands Kolonialgeschichte. Das Land spielte einst eine unrühmliche Rolle im Sklavenhandel; erst 1863, als letzte europäische Kolonialmacht, schafften die Niederlande Sklavenhandel und Sklaverei ab. Lebendige Zeugen von Hollands Überseegeschichte sind die nicht weissen Niederländerinnen und Niederländer – ihre Wurzeln liegen in den Antillen, in Surinam oder anderen ehemals holländischen Territorien.

Ob die Sinterklaas-Helfer tatsächlich aus der Sklavereigeschichte hervorgehen, ist jedoch umstritten. Zwarte-Piet-freundliche Historiker verorten die Tradition in weit zurückliegenden heidnischen Ritualen.

Heilige werden von Schwarzen Petern begleitet

Anlass für den gestrigen Gerichtstermin in Den Haag war eine Klage, die Bürger und Organisationen eingereicht hatten. Die Kläger wandtenj sich gegen den alljährlichen Einzug des Sinterklaas in die holländischen Städte – beziehungsweise dagegen, dass der Heilige dabei von Schwarzen Petern begleitet wird.

In erster Instanz erhielten sie vom Amsterdamer Verwaltungsgericht recht. Dieses hielt fest: «Die Figur des Zwarte Piet stellt eine negative Stereotypisierung des schwarzen Menschen dar.» Das höchste Verwaltungsgericht hat dieses Urteil nun revidiert. Es gebe keinen Grund, den Auftritt von Zwarten Pieten beim öffentlichen Einzug des St. Nikolaus zu untersagen, entschieden die Richter. Ein Bürgermeister habe kein Recht, solche Auftritte wegen einer möglichen Diskriminierung zu verbieten. Zur Frage, ob die Figur rassistisch sei oder nicht, äusserte sich das Gericht freilich nicht.

Die grosse Mehrheit der Niederländer dürfte das Urteil begrüssen. Als Verene Shepherd – jamaikanische Professorin für Sozialgeschichte und Mitglied der Menschenrechtskommission der UNO – 2013 forderte, das Sinterklaas-Fest sei samt Schwarzem Peter abzuschaffen, waren die Reaktionen so zahlreich wie wütend. In einer Umfrage gaben 92 Prozent der Befragten an, sie wollten den Schwarzen Peter beibehalten. Eine Facebook-Unterstützerseite bekam innerhalb von 48 Stunden zwei Millionen Likes – der Name der Seite: Pietitie. Auf Deutsch: Pietition.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 19:25 Uhr

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