Griechenland muss gerettet werden

Ein Austritt von Griechenland aus der Eurozone wird immer wahrscheinlicher. Ein solcher Ausgang wäre eine Katastrophe für alle.

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Die Zeit für eine Einigung im Streit zwischen Griechenland und seinen Gläubigern ist abgelaufen. Vom Ausgang des heutigen Treffens der Euro-Finanzminister hängt nicht nur die Zukunft Griechenlands ab. Auch für das Projekt der europäischen Integration steht viel auf dem Spiel. Ohne positives Ergebnis droht Griechenland der Staatsbankrott und der Grexit – der Austritt aus der Eurozone und vielleicht sogar aus der EU. Das Risiko ist umso grösser, als die Sympathien für die Griechen auf einen Tiefstand gesunken sind – nicht nur wegen des diplomatisch ungeschickten Auftretens der Regierung unter Alexis Tsipras. Es herrscht die Ansicht vor, das Land sei an seiner Misere selber schuld und reformresistent.

Griechenland fallen zu lassen, wäre allerdings ein gigantischer Fehler. Wer glaubt, ohne das sich schwierig gebärdende Land stünde dem Gedeihen des Europrojekts nichts mehr im Weg, täuscht sich.

Krisenländer sind nicht alleine schuld

Man macht es sich generell zu einfach, wenn man die Ursache der Eurokrise allein in den Krisenländern sucht. Griechenland ist nicht das einzige Land der Eurozone mit grossen Problemen. In Spanien liegt die Arbeitslosigkeit noch immer über 25 Prozent, in Italien über 12 Prozent. Die hohe Verschuldung bleibt auch in diesen Ländern ein Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung. Für das Wachstum dieser Schulden ist die mangelhafte Ausgestaltung der Währungsunion mitverantwortlich. In Griechenland wie auch in Spanien und Irland wurde sie einerseits gefördert durch zu tiefe Leitzinsen der Europäischen Zentralbank in den ersten Jahren der gemeinsamen Währung und anderseits durch einen unbegrenzten Kapitalverkehr und zu wenig regulierte Banken. In Griechenland war es vor allem der Staat, der sich verschuldet hat, in Spanien und Irland die Privaten.

Deutsche Banken haben angesichts der damaligen wirtschaftlichen Schwäche im eigenen Land das Geld geliefert und deutsche Unternehmen die Exporte, die mit den Krediten bezahlt wurden.

Sowenig Griechenland alleine für seine dramatische Lage verantwortlich ist, so wenig wäre sein Austritt ein Befreiungsschlag für die Eurozone: In der Folge würde jede Krise in einem Euroland neu beurteilt. Nie bliebe ausgeschlossen, dass am Ende ein Austritt erfolgt. Eine Kapitalflucht würde dann drohen, und für solche Länder wäre Geld auf den Kapitalmärkten nur für deutlich höhere Zinssätze zu erhalten. Das senkt die Tragbarkeit der Verschuldung und verschlimmert die anfängliche Krise. Die Angst vor einem Euro-Exit kann so genau zu diesem führen. Mit der höheren Wahrscheinlichkeit eines Grexit ist das Zinsniveau in Peripherieländern der Eurozone bereits deutlich angestiegen.

Unabsehbare politische Folgen

So wichtig wie die wirtschaftlichen wären die politischen Folgen eines Grexit: Die Währungsunion und letztlich die europäische Integration würde sich als umkehrbar erweisen.

Grosse wirtschaftliche und politische Gefahren drohen bei einem ungeordneten Austritt vor allem in Griechenland selbst. Um ein vollkommenes Ausbluten der Banken und des Staates zu verhindern, müsste der Kapitalfluss schon im Vorfeld unterbunden und die Konten gesperrt werden. Jede Ersatzwährung hätte einen sehr viel geringeren Wert. Die ausländischen Gläubiger müssten ihre Guthaben abschreiben. Die grössten Verlierer wären aber die Griechen selbst – und dort ist das Elend schon jetzt gross. Eine politische Destabilisierung wäre absehbar. Schon jetzt ist die Neonazipartei Goldene Morgenröte die drittgrösste Partei im griechischen Parlament.

Die Euroländer wehren sich dagegen, Griechenland entgegenzukommen, weil dieses die früheren Vereinbarungen zur Schuldentilgung bricht. Diese Vereinbarungen haben sich allerdings als untauglich erwiesen. Damit hat die griechische Regierung recht. Obwohl das Land erheblich Kosten gesenkt und entgegen vielen Vorurteilen Reformen umgesetzt hat, geht es dem Land schlechter denn je, und seine Verschuldungsquote steigt. Griechenland wird seine Schulden ohnehin nicht gänzlich zurück­zahlen können. Das heisst nicht, dass Griechenland keine weiteren Reformen braucht. Ohne Aussicht auf Besserung sind solche aber kaum durchführbar. Mit der Aussicht auf einen Grexit erst recht nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2015, 23:15 Uhr

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