Grüne haben Pädophilie-Kapitel mangelhaft aufgearbeitet

In den 80er-Jahren wollten die deutschen Grünen Sex mit Kindern legalisieren. Jetzt zeigt eine Studie: Die Partei hat sich später ungenügend davon distanziert.

«Für uns steht fest: Die damals gefassten Beschlüsse waren nicht akzeptabel», sagt Grünen-Parteichefin Simone Peter. Foto: Keystone

«Für uns steht fest: Die damals gefassten Beschlüsse waren nicht akzeptabel», sagt Grünen-Parteichefin Simone Peter. Foto: Keystone

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Die Debatte hat ihnen die Bundestagswahl vor gut einem Jahr verhagelt: Die Grünen, das kam damals raus, standen in ihrer Gründungszeit unter dem Einfluss pädophiler Lobby-Gruppen. Spitzenkandidat Jürgen Trittin hat sogar einmal ein lokales Wahlprogramm mitverantwortet, in dem die Legalisierung von Sex zwischen Erwachsenen und Kindern gefordert wurde. So etwas übersteht niemand an der Urne ungestraft. Prompt sackte die Partei in der Wählergunst ab.

Gestern nun folgte in Berlin so etwas wie ein grosser Befreiungsschlag. Der von den Grünen beauftragte Parteienforscher Franz Walter präsentierte seine Studie «Die Grünen und die Pädosexualität». Das Fazit: Tatsächlich fand der Professor in rund einem Dutzend grüner Wahlprogramme aus den 80er-Jahren die Forderung nach Straffreiheit für pädophile Kontakte. Für dieses Anliegen starkgemacht haben sich damals vor allem Teile der Schwulenbewegung, welche «die Forderung nach einer strafrechtlichen Freigabe von Pädosexualität als Teil ihrer Agenda zur Entdiskriminierung von Homosexuellen sahen». Auch Aktivisten, die sich in der grünen Partei für Kinderrecht einsetzen, drängten im Namen einer falsch verstandenen «Reformpädagogik» auf eine Änderung des Sexualstrafrechts.

Professor Walter machte aber klar: Die Pädophilie-Diskussion habe schon weit vor der Gründung der grünen Partei angefangen. In einem linksliberalen Milieu, in Redaktionen wie selbst unter Wissenschaftlern beurteilte man das Thema damals zum Teil vollkommen anders als heute. Bei einer Anhörung im Bundestag im Jahr 1970 haben sogar zahlreiche Wissenschaftler bestritten, dass Kinder durch sexuelle Kontakte mit Erwachsenen Schäden erlitten.

«Verdrängt oder vergessen»

Die Grünen haben bei ihrer Gründung 1980 solchen Tendenzen mehrere Anschlussstellen geboten: Sie sahen – ähnlich wie die 68er-Bewegung – die sexuelle Befreiung als Motor einer gesellschaftlichen Veränderung; sie hatten ein sehr grosses Verständnis für Minderheiten sowie eine antirepressive Grundhaltung. Dazu kommt die basisdemokratische Verfasstheit der Partei vor allem in ihrer Anfangszeit. Jede spontane Arbeitsgruppe konnte irgendein Papier abfassen und es ins Programm schleusen. Erst ab 1985 setzte schliesslich ein Veränderungsprozess ein. Unter dem Druck der Frauenbewegung und von Teilen der Schwulenbewegung wurden pädophile Forderungen aus den grünen Programmen verdrängt.

Als das Thema im vergangenen Jahr plötzlich wiederauftauchte, haben viele junge Parteimitglieder gar nicht gewusst, was ihre Altvorderen einst gedacht haben. Viele ältere Grüne hätten dagegen die problematische Vergangenheit «verdrängt oder vergessen», wie Professor Walter feststellte. Erstaunt habe ihn «die Ignoranz und mangelnde Souveränität, mit der manche Alt-Grüne reagiert hätten, als die Pädophilie-Debatte wieder aufflammte».

Inzwischen gibt sich die Partei geläutert. Parteichefin Simone Peter distanzierte sich gestern noch einmal unmissverständlich von den einstigen Irrwegen. «Für uns steht fest: Die damals gefassten Beschlüsse waren nicht akzeptabel», sagte sie. «Wir bedauern zutiefst, dass es in der frühen Parteigeschichte zu solchen Entscheidungen kommen konnte.» Gleichzeitig gestand Peter ein, dass die Grünen es versäumt hätten, sich frühzeitig mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. «Das war falsch, und wir bedauern, dass viele Jahre verstrichen sind, ohne eine vollständige Aufklärung und Aufarbeitung.»

Hotline eingerichtet

Die Partei hat dafür im letzten Jahr viel unternommen, um die Geister der Vergangenheit einzudämmen. Nicht nur beauftragte sie Professor Walter und sein Team mit einer umfangreichen Studie. Sie richtete auch eine zentrale E-Mail-Adresse und eine Hotline ein, über die sich Zeitzeugen und mögliche Opfer melden können. Unter den bisher rund zwei Dutzend Rückmeldungen sind auch vier von Betroffenen sexuellen Missbrauchs. Wie Parteichefin Peter ausführte, gab es in drei Fällen keine unmittelbare Verbindung zur grünen Partei. In einem weiteren Fall habe sich der Betroffene bisher nicht näher zu den Umständen des Missbrauchs äussern wollen.

Die Grünen-Chefin betonte zudem, die Angelegenheit sei damit für die Grünen noch nicht erledigt. Die Auseinandersetzung mit der unrühmlichen Vergangenheit soll weitergehen: Auf dem Bundesparteitag kommender Woche soll die Studie von Professor Walter diskutiert werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 19:20 Uhr

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