«Grus 200» – das Codewort für Leichentransporte

Russische Soldaten kämpfen und sterben in der ­Ostukraine. Ihre Familien lässt die Armee im Dunkeln.

Russische Angehörige wissen nicht, wie ihre Familienmitglieder im Krieg umkommen: Prorussische Separatisten sitzen in einem Truck. Foto: Keystone

Russische Angehörige wissen nicht, wie ihre Familienmitglieder im Krieg umkommen: Prorussische Separatisten sitzen in einem Truck. Foto: Keystone

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Marcel Araptanow starb am 12. August. Das ist die einzige gesicherte Information über die letzten Wochen im Leben des russischen Berufssoldaten. Der 30-Jährige stammte aus einem Dorf in Baschkirien. Nach seinem Tod holten Angehörige den Leichnam in der Provinz Rostow ab, die an die Separatistengebiete in der Ostukraine grenzt. Offiziell kam Araptanow dort um. Im Interview mit dem russischen Sender Doschd sagte die Mutter aber, sie habe gehört, dass ihr Sohn in der Ukraine im Einsatz war. Nachbarn erzählten, die Leiche sei stark entstellt gewesen, der Kopf habe fast ganz gefehlt. Nachdem Doschd den Beitrag gesendet hatte, zog die Mutter ihre Aussage gegenüber anderen Jour­nalisten zurück. Sie wisse nicht, wo ihr Sohn gestorben sei.

Araptanow ist die Nummer 10 auf einer Liste, die von der Organisation Offenes Russland laufend aktualisiert wird. 267 Namen von russischen Staatsbürgern, die im letzten Jahr wahrscheinlich bei Kämpfen in der Ostukraine getötet wurden, umfasst sie inzwischen. Es sind sowohl freiwillige Kämpfer als auch Angehörige regulärer russischer Einheiten aufgeführt. Die Genauigkeit der An­gaben schwankt stark: vom «Typen aus Wladiwostok», der nicht später als am 25. Oktober gestorben ist, bis hin zu kompletten Biografien. Araptanow ist ein typischer Fall: Indizien sprechen dafür, dass er tatsächlich in der Ostukraine gefallen ist. Der sichere Nachweis fehlt.

Wie hoch ist der Blutzoll?

Aktuell finden sich im Internet zahlreiche Projekte, in denen versucht wird, das Ausmass des russischen Blutzolls in der Ukraine abzuschätzen. Die Verzeichnisse tragen Namen wie «Lost Ivan» oder «Grus 200», das Codewort für Leichentransporte in der russischen Armee. ­Offenes Russland, von Ex-Ölmagnat Michail Chodorkowski gegründet, will diese Informationen bündeln und prüfen. Es ist eine gewaltige Aufgabe. Das Ausmass an Falschinformation im Netz sei enorm, sagt Roman Popkow, der die zuständige Gruppe leitet. Die Arbeit an der Liste laufe. Noch will er nicht garantieren, dass alle Angaben korrekt sind. Sein Team vergleiche Einträge auf Foren, in sozialen Medien und konsultiere Zeitungen und TV-Berichte. Die Kontaktaufnahme mit Angehörigen sei schwierig, vor allem wenn es sich bei den Toten um Armeeangehörige handle.

Russland verneint bis heute die Anwesenheit seiner Soldaten in der Ost­ukraine. Präsent seien allenfalls Freiwillige oder Armeeangehörige auf Urlaub. Walentina Melnikowa hat andere Erfahrungen gemacht. Die Vorsitzende des Vereins der russischen Soldatenmütter sagt am Telefon, dass sie gerade zwei Soldaten beraten habe, die sich weigerten, an einem Einsatz in der Ostukraine teilzunehmen. Ihre Einheit soll Anfang Februar dorthin verlegt werden.

Melnikowas Angaben decken sich mit jenen von Sergei Kriwenko von der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial. Auch zu Memorial kämen Berufssoldaten, die den Befehl zum Einsatz in der Ostukraine erhalten haben. Wer sich weigere, werde entlassen, sagt Kriwenko. Dass aktive Soldaten ihre «Ferien» im Kampfgebiet verbringen, hält er für völlig unglaubwürdig. Ohne Genehmigung der militärischen Führung sei ihnen nicht einmal ein Badeurlaub in der Türkei oder in Ägypten erlaubt.

Die Zahl russischer Toten in der Ost­ukraine schätzen Soldatenmütter wie Memorial auf einige Hundert. Insgesamt hat der Konflikt gemäss UNO mehr als 5000 Leben gefordert. Bis zu 15'000 russische Soldaten sollen im Sommer in der Ukraine aktiv gewesen sein. Im August gelangen den Separatisten plötzlich grosse Gebietsgewinne. Die meisten ­Toten auf den Internetlisten starben ebenfalls im August. Aktuell sollen einige Tausend russische Soldaten in der Ostukraine sein.

Viel Geld für die Angehörigen

Memorial führt eine eigene Liste von mehreren Dutzend russischer Soldaten, die in der Ostukraine gefallen sind. Sie basiere auf Aussagen von Angehörigen, sagt Kriwenko. Teilweise seien Dokumente vorhanden, in denen Todesursache oder Verletzungen beschrieben würden. Angaben zu Ort und Umständen fehlten jedoch. Darum würden die Familien sich an Memorial wenden.

Die Armee entschädigt die Familien. Kriwenko wie Melnikowa sprechen von 5 Millionen Rubel Sofortzahlungen (knapp 70'000 Franken). Die Umstände seien jedoch seltsam, sagt Kriwenko. Die Entschädigung werde nicht für den Tod in einem militärischen Konflikt, sondern wegen «des Todes während der Ausführung eines Befehls» gezahlt. Käme es unter normalen Umständen zu so einem Todesfall, würde eine Untersuchung gestartet. Es müsste geprüft werden, ob der Befehlsgeber schuld am Tod seines Untergebenen sei. Bei den toten Soldaten, die mutmasslich in der Ostukraine gefallen sind, werde darauf verzichtet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2015, 23:49 Uhr

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